Ich hatte das Gefühl, die dicke Community zu enttäuschen, als ich abnahm

·Lesedauer: 10 Min.

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es unter anderem um Essstörungen.

Vor drei Jahren bekam ich ein Medikament zum Gewichtsverlust verschrieben, weil sich meine plötzliche, heftige Gewichtszunahme enorm negativ auf mein Selbstwertgefühl auswirkte. Die Medizin sorgte dafür, dass ich mir über drei Monate hinweg immer wieder die Hose vollschiss. Trotzdem nahm ich nicht ab, und fühlte mich stattdessen nur noch umso schlechter, weil sich meine Gedanken immer nur darum drehten, dass ich es einfach nicht schaffte, Gewicht zu verlieren.

Ich würde mich selbst als fat positive bezeichnen, und habe trotzdem schon unter diversen Essstörungen gelitten. Ich kann also mit Sicherheit sagen: Meine Beziehung zu meinem Körper ist kompliziert.

Und genau deswegen will ich hier meine Geschichte erzählen. Es schockierte mich nämlich, dass ich diese Medikamente verschrieben bekam, ohne daraufhin weiter betreut zu werden. Alles, was mir gesagt wurde, war: „Bist du bereit, diese Reise anzutreten und deinen Körper wieder zu lieben?“ Diese Worte brannten sich in mein Gedächtnis. Gewichtsverlust wird oft als „Reise“ bezeichnet, als gäbe es ein konkretes, „richtiges“ Ziel; dabei ist die Realität natürlich viel komplexer.

Nach einer jahrzehntelangen Diätkultur, die unsere Vorstellungen von „gesund“ und „begehrenswert“ aussehenden Körpern bestimmte (nämlich als groß, dünn und durchtrainiert), haben wir dagegen heute ein vermeintliches Mittel: Body Positivity. Manchmal kollidiert deren laute Selbstliebe aber dann doch brutal mit dem alten Diät-Mindset, und dann findet man sich – wie ich – plötzlich irgendwo mittendrin, verloren im Niemandsland.

Wenn du „body positive weight loss“ (also körperpositiven Gewichtsverlust) googelst, stolperst du direkt über zahllose Blogposts und Artikel, in denen Gewichtsverlust-Medikamente angepriesen werden, mit denen du abnehmen können sollst, ohne dabei deine „body positivity“ zu verlieren. Diese Medikamente setzen dazu auf denselben Wirkstoff wie die Medizin, die ich verschrieben bekam, um mein „Übergewicht zu behandeln“.

Aber was genau ist denn eigentlich „Übergewicht“? Die Maßstäbe, die dabei zum Einsatz kommen, sind umstritten und sagen meist nicht alles über die Gesundheit einer Person aus. Der BMI (Body Mass Index), der häufig als Maßstab für Übergewicht genutzt wird, ist beispielsweise nicht immer genau, weil er sich für seine Berechnung auf die Größe und das Gewicht eines Menschen bezieht. Dass das nicht immer aussagekräftig ist, ist längst erwiesen; wir wissen zum Beispiel, dass der BMI Schwarze Menschen als überdurchschnittlich dick und gesundheitlich gefährdet bewertet und die gesundheitlichen Risiken bei Asiat:innen unterschätzt. Dann wäre da noch die Tatsache, dass sich viele Studien zum BMI ausschließlich auf biologisch männliche Personen beziehen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass sich ihr Körperfettanteil von biologisch weiblichen Menschen unterscheidet.

Es ist ohnehin schon schwer genug, als dicker Mensch aus persönlichen Gründen abnehmen zu wollen. Es ist aber noch viel schwieriger, das Gefühl zu haben, die dicke Community mit dem eigenen Abnehm-Wunsch zu verraten.

Die Allgemeinmedizinerin Dr. Natasha Larmie ist auf Instagram als Fat Doctor bekannt und widmet sich in ihren Posts den schädlichen Auswirkungen der Diät-Industrie und den medizinischen Vorurteilen gegenüber dicker Menschen. „Ich hatte noch nie eine:n Patient:in, der:die wirklich von der Medizin profitiert hat [die du bekommen hast], und ich habe sie auch selbst nicht gern eingenommen“, erzählt sie mir via E-Mail.

Noch dazu, erklärt mir Dr. Larmie, gibt es keine eindeutigen Indizien dafür, dass jede Form von Gewichtsverlust – ob nun über verschreibungspflichtige Medikamente oder anderweitig – die körperliche Gesundheit verbessert. „Lifestyle-Veränderungen können zwar die Gesundheit verbessern, aber das ist unabhängig vom Gewichtsverlust an sich“, betont Dr. Larmie. „Zum Beispiel durch intuitives Essen oder das HAES-Prinzip (‘health at every size’, also ‘Gesundheit mit jedem Gewicht’).“

Wenn ich heute zurückblicke, hängt das Schamgefühl, das ich dafür empfinde, Gewichtsverlust-Medikamente eingenommen zu haben, nicht nur mit dem Einkacken zusammen – sondern auch mit dem damaligen Gefühl, wegen der Einnahme eine Heuchlerin zu sein. Ich entleerte mich schnell denn je, war aber voller Angst und Selbsthass.

Es ist ohnehin schon schwer genug, als dicker Mensch aus persönlichen Gründen abnehmen zu wollen. Es ist aber noch viel schwieriger, das Gefühl zu haben, die dicke Community mit dem eigenen Abnehm-Wunsch zu verraten.

Per E-Mail habe ich darüber mit der britischen Organisation Beat für Betroffene von Essstörungen gesprochen. Dort sagte man mir, dass sich Gewichtsverlust unabhängig vom Gewicht einer Person „gefährlich auf Menschen auswirken kann, die unter einer Essstörung leiden oder dafür anfällig sind. Daher würden wir das nie empfehlen, ohne vorher einen Arzt bzw. eine Ärztin um Rat zu fragen.“

Dieser Rat ist vor allem für dicke Menschen wichtig, die sich immer wieder anhören müssen, der Gewichtsverlust sollte eines unserer größten Ziele sein – von Freund:innen, Verwandten, Bekannten, sogar Fremden. Es ist quasi unmöglich, der hartnäckigen Message zu entkommen, unsere dicken Körper seien nicht gut genug.

Versteh mich nicht falsch: Mit dem nötigen und richtigen Support kann die Erfahrung eines Gewichtsverlust durchaus positiver ausfallen als meine. Beim 28-jährigen Hank war das zum Beispiel zu. Im Gegensatz zu mir wurde seine Gewichtsabnahme in einem speziellen Programm medizinisch begleitet. Er erzählt mir, dass er sich danach gesünder fühlte – nicht nur körperlich, sondern auch mental. „Der größte Auslöser [für meinen Wunsch, abzunehmen] war meine Schlafapnoe-Diagnose. Wer unter Schlafapnoe leidet, hat körperlich bedingte Atemprobleme beim Schlafen; unter übergewichtigen Patient:innen ist das ein weit verbreitetes Problem. Es gab aber auch andere Faktoren“, sagt er. „Ich hatte auch Probleme mit Binge-Eating und überhaupt kein Selbstbewusstsein.“

„Ich war monatelang in intensiver therapeutischer Behandlung und wurde dann in dieses Programm aufgenommen“, erzählt er weiter. „Das Beste daran war, ernst genommen zu werden; ich musste mich nie wie ein Versager fühlen oder mich schämen. Dort wurde allen Patient:innen klargemacht: ‘Du bist immer noch dazu imstande, zu arbeiten, zu leben und Beziehungen zu pflegen – möchtest aber aus diesen oder jenen Gründen abnehmen. Wir helfen euch dabei.’ Für mich hat das funktioniert.“

Ich will meiner Community nicht mit meinem Gewichtsverlust schaden. Gleichzeitig will ich aber auch nicht dauernd gegen den Wunsch ankämpfen müssen, abnehmen zu wollen.

Für Hank war diese vorurteilfreie und unterstützte Herangehensweise entscheidend, um Gewicht zu verlieren. Leider ist seine Story eher eine Ausnahme. Rund um die Themen Gewichtsverlust und Diät ist der Ton sonst nämlich eher von fatphobia, der Diskriminierung dicker Menschen, geprägt und dreht sich vor allem um eine Message: Dicksein ist nicht wünschenswert.

Und genau darin liegt das große Problem, das die fat positive Autorin Aubrey Gordon vielleicht am besten in Worte gefasst hat. Gegenüber Nylon erklärte sie: Dicke Menschen müssten „verstehen und abnicken, dass unsere Körper universell unbegehrenswert sind“. Über Gewichtsverlust lasse sich nicht reden, ohne „die Überlegenheit dünner gegenüber dicker Körper anzuerkennen“. Dieses Problem – die Hierarchie unserer Körper – kenne und verstehe ich, und doch fällt es mir oft schwer, mich bewusst davon zu lösen.

Ich will meiner Community nicht mit meinem Gewichtsverlust schaden. Gleichzeitig will ich aber auch nicht dauernd gegen den Wunsch ankämpfen müssen, abnehmen zu wollen.

Darüber habe ich mit Dr. Larmie gesprochen. „Wir leben in einer Gesellschaft, die dicke Menschen diskriminiert“, sagt sie. „In einer idealen Welt müsste niemand den Druck verspüren, abzunehmen. Aber wir leben nicht in einer idealen Welt.“

„Es gibt eine Vielzahl an Gründen, aus denen Menschen abnehmen wollen“, erzählt sie weiter. „Manchen werden [wegen ihres Übergewichts] Operationen oder medizinische Behandlungen verwehrt. Andere haben Angst davon, ausgestoßen oder gemobbt zu werden. Ich glaube nicht daran, die individuelle Motivation einer Person für den Gewichtsverlust zu verurteilen. Stattdessen sollten wir gegen die tief verwurzelten Vorurteile und Methoden der Unterdrückung innerhalb unserer Gesellschaft vorgehen, insbesondere im medizinischen Bereich, die die Betroffenen überhaupt zu dem Wunsch führen, abnehmen zu wollen.“

In einem Essay auf Medium namensWhat Fullness Is (z. Dt.: „Was Fülle ist“) enthüllte die dicke feministische Autorin Roxane Gay, sie habe sich im Januar 2018 einer Schlauchmagen-OP unterzogen. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ich die News las, nachdem sie sich auf Plus-Size-Twitter wie ein Lauffeuer verbreitet hatte – und daraufhin erstmal ordentlich enttäuscht war. Während der Recherche zu diesem Artikel las ich ihr Essay erneut, empfand diesmal aber mehr Mitgefühl als Wut gegenüber Gay.

Ob ich dieses Verständnis nun wegen meiner eigenen Erfahrungen entwickelt habe – zu denen lange nächtliche, qualvolle Stunden vor TikTok zählen, während derer ich mir ein Video nach dem anderen zu Schlauchmagen-Operationen ansah –, ist schwer zu sagen. Jedenfalls empfinde ich jetzt unheimliches Mitleid für Gay, weil ich weiß, was sie durchgemacht hat und ihre Motivation verstehe.

„Trolle erinnern mich daran, wann immer sie nur können, dass ich dick bin. Ich bin gleichzeitig zu viel, aber doch nicht genug. Jeden einzelnen Tag werde ich damit konfrontiert, wie mich die Leute wirklich sehen“, schrieb Gay. „Ich werde mit der Tatsache konfrontiert, dass ich – egal, was ich erreiche – immer zuerst dick sein werde. Ich werde immer diese Schwachstelle haben, und sie wird immer ausgenutzt werden.“

„Nachdem ich mich mehr als 15 Jahre dagegen geweigert hatte, mich operieren zu lassen, traf ich die Entscheidung zur Gewichtsverlust-OP an einem ganz normalen Tag. Zu Hause in Lafayette, Indiana, schrie mir ein junger Mann auf einem Supermarkt-Parkplatz zu, ich solle meinen fetten, Schwarzen Arsch bewegen. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, erzählte sie weiter.

Gay traf diese Entscheidung nicht, um sich dünnen Idealen anzupassen, und ihre Operation ist kein Zeichen dafür, dass sie ihre eigenen Schönheitsstandards aufgegeben hat. Es ging schlicht und ergreifend ums Überleben. Es ging darum, sich verändern zu müssen, um überleben zu können – etwas, wozu viele von uns früher oder später gezwungen sind.

Die Entscheidung, als dicker Mensch abnehmen zu wollen, scheint in den lauten Online-Diskussionen darüber, dass sich alle dicken Menschen „selbst lieben“ und sie auf „alle anderen scheißen“ sollten, gar nicht zur Debatte zu stehen. Dabei ist das Leben als dicker Mensch kräftezehrend und teilweise grausam. Regelmäßige Beleidigungen gehören zum Alltag – nicht nur, weil wir uns selbst oft dafür fertig machen, dick zu sein, sondern weil uns die Welt um uns herum gerne klar macht, was sie von unseren Körpern hält. Aber Gays Entscheidung, sich der OP zu unterziehen, stand nicht im Widerspruch zu ihrem Aktivismus für die dicke Community, sondern wurde von ihren eigenen Problemen mit einem gestörten Essverhalten beeinflusst.

Die Entscheidung, abnehmen zu wollen, ist eine ganz persönliche. Das privat zu halten, bedeutet, dass sich andere nicht dazu gezwungen fühlen, ihre eigenen Körper verändern zu müssen, um „reinzupassen“.

Mir ist klar, dass ich mir vermutlich mehr Gedanken über mein Gewicht mache als die durchschnittliche Person. Die Realität, mit diesem spezifischen psychischen Problem in einem dicken Körper zu leben, bedeutet aber auch, dass ich nicht nur meinen eigenen Körper nicht mag, sondern auch weiß, dass ihn Millionen andere ebenfalls hassen. Und doch möchte kaum jemand offen darüber reden – gerade in Verbindung mit einem Gespräch über Essstörungen. Es ist nicht leicht, über Gewicht zu sprechen, Punkt. Das wissen nicht nur ich und Roxane Gay, sondern zum Beispiel auch die Sängerin Lizzo. Auch sie hat sich schon dazu verpflichtet gefühlt, ihren Gewichtsverlust zu rechtfertigen.

Die damit verbundenen Schamgefühle und Stigmata sorgen dafür, dass sich irgendwann niemand mehr traut, den Mund aufzumachen – und diese Stille kann Schäden anrichten. Sie sorgt dafür, dass sich junge Frauen wie ich dazu gezwungen fühlen, Medikamente einzunehmen – die unser Selbstwertgefühl weiter zerstören können –, und sich zu sehr zu schämen, um sich Hilfe zu suchen.

Gleichzeitig wünsche ich mir, dass diejenigen, die sich den Gewichtsverlust wünschen, um in den Genuss der Privilegien dünner (oder zumindest weniger dicker) Körper zu kommen, das für sich behalten würden. Die Entscheidung, abnehmen zu wollen, ist eine ganz persönliche. Das privat zu halten, bedeutet, dass sich andere nicht dazu gezwungen fühlen, ihre eigenen Körper verändern zu müssen, um „reinzupassen“.

Es ist unendlich schwierig, in unserer Gesellschaft in einem Körper zu leben, den viele Menschen aktiv hassen. Diese Realität lässt sich mit einem „Liebe deinen Körper!“ nicht einfach leugnen. Niemand sollte sich für die eigenen Entscheidungen schämen müssen.

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