Gestrandet im Nirgendwo: Wie es den Lastwagenfahrern in Großbritannien geht

Jennifer Caprarella
·Freie Autorin
·Lesedauer: 5 Min.

Aufgrund der neuen Variante des Coronavirus, die in Großbritannien aufgetaucht ist, schloss auch Frankreich vorübergehend seine Grenzen zu dem Land. Die Folge: Tausende Lastwagenfahrer blieben auf der Straße stecken und hängen vor dem Eurotunnel fest. Wie oft in solchen Notsituationen liegen Licht und Schatten eng beieinander.

Hunderte Lastwagen sind auf dem verlassenen Manston Flughafen nahe Kent gestrandet (Bild: William EDWARDS / AFP)
Hunderte Lastwagen sind auf dem verlassenen Manston Flughafen nahe Kent gestrandet (Bild: William EDWARDS / AFP)

Vor allem im südöstlichen Kent, kurz vor dem Hafen von Dover und dem Eurotunnel, der Großbritannien und Frankreich verbindet, staut es sich: Schätzungen zufolge hängen in der Region mehr als 10.000 Lastwagenfahrer fest. Ein nahegelegener verlassener Flugplatz wurde in einen riesigen Parkplatz umgewandelt, wo die Fahrer notdürftig versorgt werden, und an den Straßenrändern stehen die Lastwägen zu hunderten Schlange.

Mittlerweile haben sich Frankreich und Großbritannien auf eine Öffnung der Grenze geeinigt, sofern die Fahrer einen aktuellen negativen Corona-Test vorlegen können. Am Mittwoch bleibt die Lage also zunächst angespannt.

Die Geschichten, die aus dieser Ecke kommen, zeichnen sowohl ein Bild von Frust und Resignation bei Menschen, die sich im Stich gelassen fühlen, als auch von solchen, die sich nicht unterkriegen lassen wollen und von enormer Hilfsbereitschaft.

Sorge um sich und um andere

In den Aussagen, die britische Medien von den gestrandeten Fahrern einfingen, macht sich vor allem Macht- und Ratlosigkeit breit. “Wir wissen nichts, nicht einmal, ob wir vor Weihnachten nach Hause kommen”, sagte einer “BBC Radio Four” und fügte hinzu: “Ich fühle mich schlecht, schrecklich sogar.” Ein polnischer Fahrer erzählte, dass niemand ihnen sagen könne, wie lange sie noch dort festhängen würden.

Fahrer, die vor dem Hafen von Dover auf Weiterfahrt warten, finden Unterschlupf in einem Lastwagen (Bild: JUSTIN TALLIS / AFP)
Fahrer, die vor dem Hafen von Dover auf Weiterfahrt warten, finden Unterschlupf in einem Lastwagen (Bild: JUSTIN TALLIS / AFP)

Er machte auch auf die dürftige Versorgung vor Ort aufmerksam, die besonders in Zeiten von Corona bedenklich ist. So gebe es zwar Toiletten, aber keine Duschen oder andere Möglichkeiten, auf ausreichende Hygiene zu achten. Ein weiterer Fahrer wies außerdem darauf hin, dass unglaubliche viele Menschen die vorhandenen Toiletten nutzen müssten. “Das ist kein schöner Anblick.”

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Besonders rührend ist die Aussage eines rumänischen Fahrers, der Weihnachtsgrußkarten und Pakete in seinem Wagen in seine Heimat liefern sollte: “Ich fühle mich wie der Weihnachtsmann ohne Rentiere. Der Schlitten hängt fest. Ich fühle mich mies, weil diese Menschen ihre Karten und Geschenke von ihrer Familie nicht rechtzeitig bekommen.”

DOVER, ENGLAND - DECEMBER 22: Romanian lorry drivers drink alcohol on Dover seafront as they wait for the border to France to reopen on December 22, 2020 in DOVER, United Kingdom. Nearly 1000 lorries remained stacked up in Kent as drivers waited for a resumption of travel from the port of Dover to France. On Sunday, France abruptly halted freight and passenger travel from the UK over concerns about the UK's surging covid-19 cases and a new variant of the virus. (Photo by Chris J Ratcliffe/Getty Images)
Viele Lastwagenfahrer wie diese Rumänen machen das Beste aus der Situation - bei vielen anderen herrscht jedoch großer Frust (Bild: Chris J Ratcliffe/Getty Images)

Corona-Tests - aber wie?

Die Corona-Frage treibt die Gestrandeten auch im Hinblick auf die Weiterreise um. Weiterreisen darf nur, wer negativ getestet wurde, und bislang gestaltet sich die Organisation der Tests als schwierig.

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“Tests wären gut, aber allein in Dover sind 1000 bis 1500 Lastwagen. Es wäre vielleicht eine gute Idee, hier Tests durchzuführen, aber damit müssten sie sofort anfangen, um bis zum 25. Dezember damit fertig zu sein”, sagte ein Fahrer “BBC Radio Four”.

Wut entlädt sich gegen die Polizei

Wie viele andere hat er einen eindeutigen Schuldigen für die Lage identifiziert. “Die französische Regierung ist Mist. Sie haben es allen ruiniert, und wozu?” Das unterstreicht auch eine französische Bäuerin, die sich auf dem Heimweg befunden hatte, gegenüber der “Daily Mail”: “Macron, verdammt, lass mich nach Hause kommen.”

DOVER, ENGLAND - DECEMBER 22: Police officers speak to a group of lorry drivers as the Port of Dover remains closed on December 22, 2020 in Dover, United Kingdom. Over 1500 lorries remained stacked up around Kent as drivers waited for a resumption of travel from the port of Dover to France. On Sunday, France abruptly halted freight and passenger travel from the UK over concerns about the UK's surging covid-19 cases and a new variant of the virus. (Photo by Dan Kitwood/Getty Images)
Am Dienstagabend und Mittwochmorgen kam es vor dem Hafen in Dover zu Auseinandersetzungen mit der Polizei (Bild: Dan Kitwood/Getty Images)

In vielen Ecken entlud der Frust sich in Auseinandersetzungen mit der Polizei, die die Grenze sichert. Wie “Sky News” berichtet, hatten einige Fahrer in Kent angefangen, die Beamten auszupfeifen und auszubuhen. Eine kleine Gruppe hatte sogar versucht, sich gewaltsam an den Polizisten vorbeizudrängen, um zum Hafen zu gelanden. Ein Mann wurde festgenommen, als er aus Frust mit seinem Lastwagen die Hauptstraße in Kent blockierte.

Die Sikh-Gemeinschaft eilt zur Hilfe

Bei all den negativen Meldungen gibt es auch Lichtblicke. Ein Fahrer schenkte Wein in Pappbechern aus und verteilte ihn an andere. Eine Gruppe konnte bei einem improvisierten Weihnachtsfest beobachtet werden - mit Dosenbier und einem kleinen, mit Coladosen geschmückten Baum.

Von diversen Hilfsaktionen mit Pizza oder Getränken ist zu hören. Besonders fleißig war die lokale Sikh-Gemeinde - eine religiöse Gemeinschaft, die ihren Ursprung in Indien hat und auch in Großbritannien viele Anhänger hat. Die Sikhs taten sich zusammen, um hunderte Pasta- und Curry-Mahlzeiten für die gestrandeten Lastwagenfahrer zuzubereiten - und das innerhalb weniger Stunden, wie ein Mitglied der Gemeinde dem Sender ITV erzählte.

Ein Team von Freiwilligen stünde während des Corona-Lockdowns ohnehin zum Kochen bereit, wie er erklärte, weshalb die Organisation der Mahlzeiten so schnell ging. “Anderen zu helfen ist einer der wichtigsten Aspekte des Sikh-Glaubens, also wollen wir unseren Teil dazu beitragen, den gestrandeten Lastwagenfahrern zu helfen. Wir haben jede Menge Vorräte und teilen diese gerne mit anderen.”

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