"Embrace": Warum wir Heldinnen wie Taryn Brumfitt für ein gesundes Körperbild brauchen

Hannah Klaiber
·Freie Journalistin

Seit sechs Jahren kämpft die australische Dreifachmutter Taryn Brumfitt für ein gesünderes Körperbewusstsein. Der bisherige Höhepunkt: die crowdfinanzierte Doku „Embrace – Du bist schön“, die 2017 auch in deutschen Kinos lief. Was macht die Body-Aktivistin heute – und haben sich ihre Bemühungen wirklich gelohnt?

Die Geburt ihrer Tochter machte Brumfitt klar, dass in der Selbstwahrnehmung von Frauen so einiges schief läuft. (Bild: Getty Images)
Die Geburt ihrer Tochter machte Brumfitt klar, dass in der Selbstwahrnehmung von Frauen so einiges schief läuft. (Bild: Getty Images)

Alles begann nach der Geburt ihres dritten Kindes: Taryn Brumfitt, seit jeher unzufrieden mit ihrem Körper und niedergeschlagen von jedem Blick in den Spiegel, entschied sich zur Radikalkur und registrierte sich statt für eine Schönheits-OP kurzentschlossen für einen Bodybuilding-Wettbewerb.

Nach monatelangem Hungern und ausgiebigem Training startete sie in der besten Form ihres Lebens in den Wettkampf - nur um hinter den Kulissen zu bemerken: Selbst die perfekt trainierten Sportlerinnen hassen ihre Körper und streben nach noch weniger Gewicht, noch mehr Muskeln, noch mehr Perfektion. Der jungen Mutter wurde bewusst: So ein Körperbild dürfe sie ihrer eigenen Tochter niemals vermitteln. Keine einzige Frau sollte sich diesen enormen Selbstzweifeln und diesem Selbsthass aussetzen müssen.

Was folgte, war zunächst ein Facebook-Post, in dem sich die Australierin in einer Vorher-Nachher-Montage zeigte – vorher: als schlanke, aber unglückliche Bodybuilderin, nachher: als zufriedene Mutter mit gesunden Rundungen. Der Post ging viral, zigtausende Likes und Nachrichten von Frauen aus aller Welt trafen ein. Taryn hatte offenbar einen Nerv getroffen – und begriff: Es ist dringend notwendig, sich für ein differenzierteres Körperbild einzusetzen.

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Die Idee zum „Body Image Movement“ war geboren – und Taryn Brumfitt ein gefragter Gesprächspartner in Talkshows und auf Panels. Ihr Tenor: Nur, wer seinen Körper liebt und akzeptiert, kann sich schön finden. Das Verständnis darüber, was schön ist, darf nicht von den Medien diktiert werden. Ein gesundes und vor allem realistisches Körperbild ist die Basis für alle Selbstliebe.

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Und dann ging plötzlich alles ganz schnell: Taryn nutzte die mediale Aufmerksamkeit und die Gunst der Stunde und sammelte per Crowdfunding die Gelder, um ihr nächstes Projekt umzusetzen: eine Doku zum Thema Schönheit, in der die Autorin Ärzte, Models, Aktivisten und Medienmacher, aber auch ganz normale Frauen von der Straße zu Wort kommen lassen wollte. Das Kickstarter-Projekt ging durch die Decke: „Embrace – du bist schön“, an dem sich unter anderem auch die deutsche Schauspielerin Nora Tschirner beteiligte, startete im Mai 2017 auch in den deutschen Kinos.

Der Film traf den Nerv einer ganzen Generation: „Embrace Yourself“ lautete das Motto – umarme dich selbst und deinen Körper, auch wenn er nicht dem gängigen Bild von Perfektion entspricht.

Body Positivity – nur ein schneller Trend oder eine nachhaltige Einstellung?

War es einfach dringend an der Zeit für ein Umdenken oder doch nur ein Zufall, dass Taryn Brumfitt und viele andere Body-Positivity-Aktivistinnen in den vergangenen Jahren fast zeitgleich ihre Stimme erhoben haben gegen die von den Medien vermittelten Idealbilder und das unfaire Selbstverständnis von Frauen?

Klar ist: Hashtags wie #effyourbeautystandards, #selflove oder #HonorMyCurves, die jeweils zigtausende Beiträge auf Instagram versammeln, sind Ausdruck eines neuen stolzen Selbstverständnisses unter Frauen, die es – endlich – wagen, aus dem Zwang zur Perfektion auszubrechen und sich selbst, ihre Kurven und Makel lieben und akzeptieren zu lernen.

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Natürlich sind auch Brands auf diesen Zug aufgesprungen: Kosmetikunternehmen veröffentlichen Kampagnen mit Models aller Kleidergrößen und körperlichen Beschaffenheit, Fashion-Labels brüsten sich damit, die Cellulite ihrer Models nicht mehr zu retuschieren oder ihre Kleidung tatsächlich endlich in allen Größen anzubieten. Und auch Frauenzeitschriften und Brands wie „Victoria’s Secret“, die für das unrealistische Idealbild mitverantwortlich gemacht werden, haben mit anhaltendem Gegenwind zu kämpfen – zuletzt etwa von Influencern und Plus-Size-Models, die sich für ein differenzierteres Körperbild einsetzen:

Die jungen Frauen brauchen neue Vorbilder – und finden sie in Taryn, Meghan und Co.

Aktuell sind die Bilder der superdünnen Models und die retuschierten Hochglanz-Cover zwar noch standhaft in den Zeitschriftenregalen vertreten – doch die neue, selbstbewusste Generation wendet den Blick zunehmend ab von dieser dargestellten, unrealistischen Perfektion.

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Damit junge Mädchen und Frauen allerdings wirklich umdenken, sich den Idealbildern auch langfristig widersetzen und ihre eigenen körperlichen Eigenheiten als Vorzüge verstehen, brauchen sie Vorbilder. Menschen, die sie inspirieren, die ihnen vorleben, wie dieses Verständnis funktioniert, wie es gelebt und akzeptiert wird. Zum Glück gibt es Frauen wie Meghan Duchess von Sussex, die auch Monate nach der Geburt ihres Sohns noch stolz ihren After-Baby-Bump präsentiert anstatt sich bereits Stunden nach der Geburt wieder gestriegelt, gebügelt und schlank wie eh und je den Kameras zu präsentieren:

Auch Taryn Brumfitt gehört zu diesen Frauen, mit aller Leidenschaft und immer wieder neuen Aktionen zeigt sie den Mädchen und heranwachsenden Frauen, wie schön real und normal sein kann. Als Speakerin ist die Australierin weiterhin viel unterwegs, 2018 wurde sie von der The Australian Financial Review als eine der „100 Women of Influence“ gekürt. Ruhe gibt die 41-Jährige noch lange nicht: Neben einem vierwöchigen Onlineprogramm namens „Embrace You“, in dem sie die Teilnehmerinnen zu mehr Selbstliebe anleitet, hat die Australierin kürzlich auch ein Buch veröffentlicht: Das Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Embrace Yourself“, das im Juni 2019 erschienen ist, schrieb keine Geringere als Nora Tschirner.

Und natürlich ist auch ein weiteres Kickstarter-Projekt in der Mache: Auf GoFundme sammelt Taryn Unterstützung für eine Kinder-Doku zum Thema Körperbilder. Rund 50.000 der benötigten 250.000 Dollar sind bereits zusammengekommen.

Wer die Dokumentation „Embrace – Du bist schön“ noch nicht gesehen hat: Prime-Mitglieder können sie auf Amazon derzeit gratis sehen.

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