Wie Girls das Problem mit „der besten Freundin“ auf den Punkt bringt

Lia Haubner

Dieser Artikel enthält Spoiler und du solltest ihn nur lesen, wenn du das Girls -Finale bereits gesehen hast.

„Ich bin hier. Ich gewinne. Ich bin deine beste Freundin – und die Beste deiner Freundinnen“, sagt Marnie im Girls -Finale zu Hannah. Sie sind nebeneinander aufgewacht. Alles ist wie früher und doch alles anders. Hannah ist jetzt Mutter, Marnie die Gewinnerin. Nur eins sind sie nicht mehr: beste Freundinnen. Man könnte jetzt darüber diskutieren, ob die vier Girls aus Brooklyn überhaupt je Freundinnen waren. Nochmal zum Mitschreiben: „Es heißt schließlich auch Girls und nicht Friends!“, so The Ringer. Und Shoshanna sagt es in der vorletzten Episode der letzten Staffel ja selbst: „Wir können nichts mehr zusammen machen, weil wir uns nicht im selben Raum aufhalten können, ohne dass eine ausschließlich über sich selbst redet.“

Vielleicht unterstreicht sie damit aber gar nicht die Tatsache, dass sie, Marnie, Jessa und Hannah sowieso nie wirklich was gemeinsam hatten – sondern ein Phänomen, über das niemand gerne spricht: Die beste Freundin ist ein Überbleibsel aus dem Grundschulpoesiealbum. Das hat mit der Realität einer Großstädterin oder eines Großstädters Mitte Zwanzig aber nicht viel zu tun.

Wer aufbricht, um sich für die Uni, den Job oder einen Traum mehr als 20 Kilometer von der eigenen Heimat zu entfernen, nimmt in Kauf, Freundschaften zu verändern. Die eine beste Freundin, die man möglichst aus dem Sandkasten oder mindestens seit dem gemeinsamen Leistungskurs kennt, kann es natürlich trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe und Städte geben. In meinem Bekanntenkreis ist sie allerdings so rar und magisch wie ein pastellfarbenes Einhorn als Patronus.

Unsere freundschaftlichen Bindungen funktionieren wie U-Bahn-Linien: eingeteilt in Streckenabschnitte, unterbrochen von kleinen und großen Haltestellen.

Im Alltag funktionieren unsere freundschaftlichen Bindungen wie U-Bahn-Linien: eingeteilt in Streckenabschnitte, unterbrochen von kleinen und großen Haltestellen. Manchmal passiert gar nichts und man ist schon fast besorgt, wenn einer der „immer zur selben Zeit“-Pendler mal nicht mit im Wagen sitzt. Dann kommt ein Knotenpunkt, man krallt noch einmal kurz die Hände in den Sitz und schon hat sich die vertraute Dynamik komplett verändert.

An der Uni verstanden wir uns damals supergut mit der Kommilitonin, die zwar mit sich selbst und dem Fach gehadert hat, aber nie, wenn es darum ging, mit allen Mitteln gemeinsam die Statistikklausur zu bestehen. In der ersten WG kochte man mit der coolen besten Freundin des Mitbewohners und ihren noch cooleren Freundinnen, verfluchte Hand in Hand die Ex, schrieb sich täglich und lernte nebenbei alles über den Unterschied zwischen gutem und schlechten Gin. Im ersten Praktikum schrieb man der Kollegin von gegenüber erst zaghaft bei Skype und später jeden Abend bis nach 22 Uhr bei WhatsApp. Im neuen Job war man so unterschiedlich wie Tag und Nacht, aber trotzdem unschlagbar, wenn es darum ging, nach Feierabend die Menschheit und ihr Vorgehen auf dem Planeten einzuordnen.

Das passiert nicht nur in der Ausbildung, in der Uni oder im Büro, die Pinterest-Definition des Begriffs Work BFF fasst es allerdings gut zusammen: „Jemanden, den du von ganzem Herzen liebst und mit dem oder der du tatsächlich auch zusammenarbeitest.“ Wir umgeben uns gerne mit Menschen, die in derselben Situation ein Mindset teilen, weil es dann einfacher wird – vor allem für uns selbst. Hast du dich schon einmal wie ein Schnitzel darüber gefreut, dass die Beste von damals jetzt doch in deine Wahlheimat zieht und heimlich an die Lebenszeit gedacht, die du nicht mehr im Auto oder Flixbus verbringen musst? Eben.

Der Grund dafür ist simpel: Kontakt halten und sich regelmäßig melden, wenn deine Hannah gerade ein Kind bekommen hat und du eine Marnie bist, die von der Singer-Songwriter-Karriere träumt und tourt, ist Arbeit. Mit den Protagonistinnen des Alltags ergeben sich gemeinsame Vorlieben, Einstellungen und Abenteuer viel müheloser – und machen es deshalb so leicht, sich so zu fühlen, als würde man sich schon ewig kennen, obwohl man weder den Sandkasten noch die Referate miteinander geteilt hat.

Doch das ist noch nicht die ganze Geschichte. Während wir durchaus mehrere beste Freundinnen für verschiedene Lebensbereiche für uns selbst einordnen können, fällt es umgekehrt schwer, zu akzeptieren, dass man nicht immer die beste Freundin für andere ist. Und wir wollen oder nicht, der kleine Stich und die zitternden Mundwinkel beim Lächeln, wenn die Sandkastenfreundin erzählt, dass die Lieblingskollegin von der Arbeit Trauzeugin wird, können dann doch nicht unterdrückt werden. Auch dann sind wir alle Marnie – die zu einem Wochenende woanders einlädt, um allen bei Instagram, aber vor allem sich ganz persönlich zu versichern, dass alles noch so ist wie früher. Die vor der Tür steht, um Hannah zu helfen, aber ein bisschen auch, um endlich an den anderen vorbeizuziehen und als beste Freundin zu gewinnen.

Du bist aber nicht automatisch ein schlechterer Mensch, wenn du dich dazu entschließt, deinem Jetzt und Hier mehr Raum zu geben.

Heißt das, dass unsere Egos eigentlich so groß sind, dass wir einfach mit uns selbst drei WhatsApp-Chats eröffnen könnten? Möglicherweise. Ein ganz besonderes Band zu Freundinnen von damals zu pflegen, ist auch nicht zwingend mühsam oder schwierig. Es ist eine Frage der Priorität. Du bist aber nicht automatisch ein schlechterer Mensch, wenn du dich dazu entschließt, deinem Jetzt und Hier mehr Raum zu geben.

Das Label im Kopf ein bisschen flexibler zu gestalten, kann helfen. „Beste“ impliziert höher, weiter, schneller und auf jeden Fall besser als alle anderen – das weckt Erwartungen, die oft enttäuscht werden. Du darfst gemischte Gefühle haben, frustriert sein und nein, man muss auch nicht gemeinsam vertraut auf der Couch sitzen und wehe, alles ist nicht sofort so wie früher.

Es sind die kleinen Momente, die das große Ganze ausmachen: das Emoji, das man gerade selbst schicken wollte. Ein „Hey, alles gut bei dir?“, wenn gerade gar nichts gut ist. Oder die Gewissheit, dass sich hinter dem im Smartphone eingespeicherten Namen mehr verbirgt als eine nüchterne Zahlenkombination, sondern eben Hannah oder Marnie – mit allen Ecken, Kanten, Peinlichkeiten und wahnsinnig viel Liebe.

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