Goodbye, Y’allywood: Wie Hollywood auf die restriktiven Abtreibungsgesetze in Georgia und Alabama reagiert

Hannah Klaiber
·Freie Journalistin

Die strengen Abtreibungsgesetze in Alabama und Georgia rufen prominente Demonstranten auf den Plan. Einige Produktionsfirmen streichen die zwei US-Bundesstaaten nun schon aus ihren Drehplänen – was das für Folgen für das „Hollywood des Südens“ hat.

In Anlehnung an die Serie "The Handmaid’s Tale" demonstrieren Tausende Frauen in den USA in roten Roben gegen strenge Abtreibungsgesetze. (Bild: Getty Images)
In Anlehnung an die Serie "The Handmaid’s Tale" demonstrieren Tausende Frauen in den USA in roten Roben gegen strenge Abtreibungsgesetze. (Bild: Getty Images)

Noch sind die Abtreibungsgesetze nicht in Kraft, doch allein die Verabschiedung der restriktiven Entwürfe – komplettes Abbruchverbot in Alabama und in Georgia Abtreibungen nur bis zum Nachweis eines Herzschlags beim Fötus, also bis zur siebten Woche – hat bereits zahlreiche Proteste hervorgerufen. Auch bekannte Gesichter nutzen ihre Prominenz, um für mehr Abtreibungsrechte einzutreten. Darunter auch Model Emily Ratajkowski, die auf Instagram ein So-gut-wie-nackt-Foto postete, das sie mit einem mitreißenden Appell unterschrieben hatte:

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Hintergrund: Emily Ratajkowski mit Nackt-Protest

„Diese Woche stimmten 25 alte weiße Männer dafür, Abtreibung in Alabama zu verbieten, selbst im Falle von Inzest und Vergewaltigung“, schrieb Ratajkowski. „Diese an der Macht befindlichen Männer zwingen den Körpern von Frauen ihren Willen auf, um das Patriarchat aufrechtzuerhalten, indem sie Frauen mit geringen wirtschaftlichen Möglichkeiten das Recht verwehren, sich nicht fortzupflanzen. Die Staaten, die versuchen, die Abtreibung zu verbieten, sind die Staaten, in denen der höchste Anteil schwarzer Frauen lebt. Hier geht es um Klasse und Rasse und es handelt sich um einen direkten Angriff auf die grundlegenden Menschenrechte, die Frauen in den USA verdienen.“ Unterschrieben war der Aufruf zudem mit dem Slogan „Unsere Körper, unsere Wahl.“

So protestieren Prominente gegen die Abtreibungsgesetze

Auch Schauspielerin Milla Jovovich beteiligte sich mit einer emotionalen Geschichte am Diskurs: Ebenfalls auf Instagram erzählte sie, dass sie vor einigen Jahren selbst einen Not-Abbruch habe vornehmen lassen. Die Erfahrung habe sie so traumatisiert, dass sie monatelang Depressionen gehabt habe. Der Post war nur einer von mehreren, mit dem sich die Schauspielerin der „Pro Choice“-Bewegung anschloss:

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„Wer sind Sie, dass Sie mir vorschreiben wollen, was ich mit meinem Körper vorhabe. Wer sind Sie, dass Sie diese Entscheidung treffen wollen. Diese Entscheidung wird zwischen mir, meinem Arzt, meiner Familie und meinen Freunden getroffen – es ist meine Entscheidung, nicht Ihre“, sagte Jovovich unter Tränen im Instagram-Video.

Abortion Clinic Escorts: Freiwillige Helfer begleiten Frauen zu Abtreibungen

Alyssa Milano, Schauspielerin und politische Aktivistin, die sich seit Jahren besonders für Frauenrechte einsetzt, ging noch einen Schritt weiter, indem sie zu einem Sexstreik aufrief: „Solange wir Frauen keine rechtliche Kontrolle über unsere eigenen Körper haben, können wir keine Schwangerschaft riskieren: Schließt euch mir an, indem ihr keinen Sex habt, bis wir wieder die Unabhängigkeit über unsere Körper zurückgewonnen haben“, schrieb Milano auf Twitter.

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Sexstreiks und Demos sind wichtige Gesten – doch nur ein Boykott des „Hollywood des Südens“ tut wirklich weh

Milano gehört auch zu denjenigen, die zu einem kompletten Boykott der US-Bundesstaaten als Produktionsort von Filmen und Serien aufrufen. Die Schauspielerin, deren aktuelle Serie „Insatiable“ in Georgia gedreht wird, sagte in einer Erklärung: „Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um so viele Produktionen wie möglich – einschließlich „Insatiable“"- aus diesem Staat herauszuholen, der eine repressive, verletzende Politik verfolgt, die allem widerspricht, wofür die Unterhaltungsindustrie steht.“ Auch ihr Kollege Jason Bateman, der für Netflix „Ozark“ in Georgia dreht, kündigte an, nicht weiter vor Ort zu filmen, sollte das Gesetz ab 2020 in Kraft treten.

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Tatsächlich könnte ein solcher Boykott das „Hollywood des Südens“ oder auch „Y’allywood’, wie Georgia aufgrund seiner vielen Produktionen genannt wird, empfindlich treffen: Im US-Bundesstaat sind rund 92.000 Arbeitsplätze in der Film- und TV-Produktionsbranche besetzt, die Filmwirtschaft sorgt für enormen Wirtschaftswachstum und Benefits für Kommunen und Familien.

Allein im Geschäftsjahr 2017 erzielte die Film- und Fernsehbranche des Staates Georgia einen wirtschaftlichen Gesamteffekt von 9,5 Milliarden US-Dollar. Würden die Produktionen, zu denen auch Schwergewichte wie „The Walking Dead“ oder „Stranger Things“ zählen, aus Georgia abgezogen, wäre das nicht nur eine Bedrohung zahlreicher einzelner Existenzen, sondern könnte auch den Verlust eines wichtigen Wirtschaftsfaktors für den ganzen Bundesstaat bedeuten.

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Dass Hollywood es ernst meint, zeigen nicht nur die vielen Solidaritätsbekundungen wie von Schauspielerin Zoe Kazan („The Big Sick“, „The Deuce“), die auf Twitter Produzenten, Schauspieler und Regisseure zu einem Boykott von Georgia und Alabama aufrief. Sondern auch die Tatsache, dass diesen Appellen bereits erste Taten folgten: Regisseurin Reed Morano, die unter anderem für „The Handmaid’s Tale“ verantwortlich zeichnete und derzeit auf der Suche nach einem Drehort für ihre neue Amazon-Studios-Produktion „The Power“ ist, pfiff alle Location-Researcher aus Georgia zurück, nachdem der umstrittene Gesetzentwurf verabschiedet worden war.

“Unter keinen Umständen investieren wir unser Geld in diesen Staat”

„Wir hatten kein Problem damit, den gesamten Prozess sofort zu stoppen“, sagte Morano zu TIME. „Unter keinen Umständen investieren wir unser Geld in diesem Staat.“

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Auch Kristen Wiig, die „Barb and Star Go to Vista Del Mar“ in Georgia drehen wollte, zog die geplante Comedy-Produktion aus „Y’allywood“ ab. Zuvor hatten bereits David Simon, der mit seiner Firma Blown Deadline Productions schon Serien wie „The Wire“, „Treme“ und „The Deuce“ produzierte, sowie Christine Vachon („Vox Lux“, „Carol“, „Still Alice“) angekündigt, in Zukunft nicht mehr im „Hollywood des Südens“ zu produzieren. Der Bundesstaat Georgia werde von der Liste gestrichen, „bis wir sicher sein können, dass die gesundheitlichen Möglichkeiten und bürgerlichen Freiheiten unserer Kolleginnen nicht beeinträchtigt werden“, schrieb Simon auf Twitter.

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Was passiert mit den Shows, deren Dreharbeiten schon angelaufen sind?

Nicht jede Produktionsfirma hat die Möglichkeit, seine Show noch vor Drehbeginn in einen anderen Bundesstaat umzusiedeln. Ebenso gibt es das Lager derer, die die Familien von Kameramännern, Regieassistenten vor Ort nicht mit Verdienstausfällen belasten wollen oder einen Boykott aus anderen Gründen nicht für den richtigen Weg halten. Die HBO-Serie „Lovecraft Country“ etwa befindet sich bereits mitten in den Dreharbeiten vor Ort. Deren Produzenten Jordan Peele und J.J.Abrams kündigten an, die Arbeiten in Georgia fortzuführen. Allerdings mit einem besonderen Twist: Nach Berichten von ABC News wollen die Produzenten ihre persönliche Episoden-Gagen an zwei Charity-Organisationen spenden - A.C.L.U. of Georgia und Fair Fight Georgia setzen sich aktiv gegen das restriktive Abtreibungsgesetz ein.

Disney und Marvel kämpften gegen Anti-Gay-Gesetzentwurf

Die Proteste gegen die umstrittenen Abtreibungsgesetze sind noch nicht zu Ende – und das aufgeklärte und moderne Hollywood hat seine milliardenschweren Geschütze gegen die zwei Bundesstaaten erst gerade in Position gebracht. Ob ein Boykott, der zu allererst Angestellte und Freiberufler sowie deren Familien treffen würde, der richtige Weg ist, wird sich herausstellen.

Doch auch hier lohnt sich ein langer Atem: 2016 drohten mit Disney und Marvel Studios zwei echte Größen des Showbusiness einen Boykott gegen Georgia an, falls ein umstrittener Anti-Gay-Gesetzentwurf durchgehen würde. Der Gouverneur Nathan Deal entschied sich schließlich für ein Veto, das Gesetz trat nicht in Kraft. Unter anderem „Ant-Man“ und „Guardians of the Galaxy 2“ wurden in Georgia gedreht.

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