Du guckst im Lockdown mehr Pornos? Du bist nicht allein – & das hat komplizierte Gründe

Sophie Wilkinson
·Lesedauer: 7 Min.

„Oktopus-Tentakel-Hentai-Cartoons, Gangbangs, Erniedrigung – ich hab nichts davon jemals selbst erlebt und finde es auch nicht heiß, aber mir ist einfach so langweilig“, erzählt Eloise*, 29. Vor der Corona-Pandemie schaute sie sich ungefähr zweimal pro Woche Pornos an. Jetzt passiert das etwa vier- bis fünfmal.

Damit ist sie nicht allein. Kaum wurde die deutsche Bevölkerung im März 2020 zum Homeoffice und Social Distancing aufgerufen, schoss der deutsche Traffic auf Pornhub um fast 25 Prozent in die Höhe und blieb bis in den Sommer hinein gleich hoch. Auf Google erreichte die Suche nach „Porno“ Mitte April einen eindeutigen Höhepunkt. Und auch für den Abo-Video-Service OnlyFans lohnte sich die Pandemie: Im vergangenen Jahr steigerte sich der Traffic um 150 Prozent – die Seite hat nun mehr als 90 Millionen User:innen, mehr als eine Millionen von ihnen lädt Video-Content hoch. Es scheint, als seien Pornos die Gewinner von Corona.

Emma* gehört ebenfalls zu denjenigen, die seit der Pandemie mehr Zeit mit Pornos verbringen. Ihr Konsum sei von „null- auf zweimal pro Woche“ gestiegen. Die heterosexuelle, 32-jährige Wohltätigkeitshelferin war nie ein Fan, meint aber: „Im letzten März war meine Chance auf Sex plötzlich völlig verschwunden. Ich dachte mir also, ich sollte wieder irgendwie mit Sex in Kontakt kommen.“

Die lesbische Security-Angestellte Eloise hat hingegen schon immer gerne Pornos geschaut – aber nicht, weil sie drauf steht, sondern um sich selbst zu schockieren. „Ich verbringe jetzt mehr Zeit mit Pornos, aber einfach deswegen, weil ich weniger andere Beschäftigungsmöglichen habe“, erklärt sie.

Auch die 24-jährige Rebecca*, die im öffentlichen Dienst arbeitet und zu Beginn der Pandemie seit sechs Jahren in einer Beziehung mit einem Mann war, schaute schon vor Corona oft Pornos – lesbische Pornos. Sie erzählt gegenüber Refinery29, das sei alle paar Monate ihr „peinliches“ geheimes Hobby gewesen, bevor daraus während des ersten Lockdowns ein regelmäßiger Konsum wurde.

Viele denken, dass es vorbei ist, wenn du den Laptop zuklappst, aber diese Erinnerungen bleiben dir im Kopf und werden durch unterschiedliche Dinge wieder ausgelöst.

Charlene Douglas

„Ich konnte mich selbst besser [in ein Szenario mit einer anderen Frau] hineinversetzen“, sagt sie. „Diese Videos sind sanfter, und es geht dabei eher darum, Befriedigung zu schenken, als sie sich zu nehmen. So stelle ich mir jedenfalls heterosexuelle Pornos vor.“

Aber was bedeutet dieser wachsende Pornokonsum denn überhaupt für seine Zuschauer:innen? Was macht es mit unseren Köpfen, wenn wir in einem Jahr häufiger fremde Genitalien als die Gesichter unserer Freund:innen sehen?

Charlene Douglas, Psychosexualtherapeutin und psychodynamische Beraterin, erklärt, dass wir mit Pornos oft Seiten unserer Sexualitäten zu erforschen versuchen, über die wir nicht gern reden. Sie erzählt: „Sex war schon immer und ist in gewisser Hinsicht ein Tabuthema, das dafür sorgt, dass sich Leute gefangen fühlen. Wenn sie ihre Wünsche und Vorlieben nicht ausdrücken können oder dürfen, ist der Porno eine Möglichkeit, sie auszuleben.“

Doch für viele frischgebackene Fans verflog der anfängliche Charme der Videos auch recht schnell wieder – in Emmas Fall zum Beispiel. „Ich war zu gestresst von der Pandemie, um den Porno wirklich genießen zu können. Außerdem weiß ich aus Podcasts von Frauen aus der Branche, dass das Pornogeschäft überhaupt nicht zu meiner Weltanschauung passt. Also fragte ich mich irgendwann: Warum gucke ich das überhaupt?“

Ihr ging es dabei vor allem um das Gefühl, das sich nach dem Schauen in ihr breitmachte. „Sobald das Video vorbei ist, widert es dich vielleicht an – und manchmal sind die Pornos auch so finster. Sie halfen mir jedenfalls überhaupt nicht gegen meine Einsamkeit“, erinnert sie sich.

Diese negativen „Nachwirkungen“ von Pornos betont auch Charlene: „Viele denken, dass es vorbei ist, wenn du den Laptop zuklappst, aber diese Erinnerungen bleiben dir im Kopf und werden durch unterschiedliche Dinge wieder ausgelöst“, erklärt sie. „Vielleicht hast du zum Beispiel irgendwann Sex mit jemandem, bist aber geistig ganz woanders, weil du an diese schockierenden sexuellen Szenen erinnert wirst.“

Anders als Emma ging es Eloise. Ihr Porno-Konsum, bestehend aus den schockierendsten (aber legalen, wie sie schnell betont) Videos, ist noch immer Teil ihres Alltags. „Ich fände es toll, wenn ich mal was finden würde, was mich wirklich anmacht – aber ich finde nichts. Vielleicht ist das meine eigene Challenge? Ich versuche, mich von Pornos antörnen zu lassen?“, spekuliert sie und lacht.

Natürlich schauen viele junge Frauen nicht dasselbe „bizarre Zeug“, von dem Eloise spricht, und versprechen sich von den Pornos auch keine Challenge, keinen Schock – sondern etwas, was der Lockdown derzeit Tausenden verweigert: sexuelle Intimität, eine zwischenmenschliche Connection. Charlene warnt aber vor der (falschen) Hoffnung, ein Porno könne negative Gefühle einfach verschwinden lassen; tatsächlich könnte er sie sogar verschlimmern.

„Wenn du dich isoliert oder einsam fühlst, vor allem währen des Lockdowns, kann dich der Porno in eine dunkle Abwärtsspirale stürzen, sodass du dich danach noch schlechter fühlst“, warnt sie.

Aber es geht auch anders – zum Beispiel im Fall von Rebecca, der der Pornokonsum sogar geholfen hat. „Ich fühlte mich in meiner Beziehung weniger einsam, wenn ich mir die Pornos ansah“, sagt sie. Während des Lockdowns waren die lesbischen Pornos für sie eine Art Fluchtmöglichkeit – auch aus ihrer Beziehung. „Im normalen Alltag ist es leicht, die Probleme in einer Beziehung zu ignorieren. Meinem Partner im Lockdown aber immer so nah zu sein, hat mir vieles vor Augen gehalten.“

Im Sommer 2020 trennte sich Rebecca schließlich von ihrem Freund und fühlte sich endlich wohl damit, sich einzugestehen, dass es ihre latente Bisexualität gewesen war, die sie zu lesbischen Pornos hingezogen hatte. Leider konnte sie sich die jetzt nicht mehr ansehen – weil sie nach der Trennung zu ihren Eltern zog. „Ich habe versucht, mir bei meinen Eltern Pornos anzugucken, aber sie haben einen Filter für solchen Content installiert, und bei ihnen auf dem Land hatte ich auch kein mobiles Internet“, seufzt sie.

Ich achte jetzt einfach darauf, dass ich sie nicht gucke, wenn ich mich gerade einsam fühle.

emma, 32

Inzwischen ist Rebecca wieder bei ihren Eltern ausgezogen – und zum Porno zurückgekehrt, aber anders. „Vorher benutzte ich dafür Seiten wie Pornhub. Seit ich mit meiner Sexualität aber offener umgehe, haben mir Freund:innen ethischere Optionen empfohlen, zum Beispiel Filme der ethischen Porno-Regisseurin Erika Lust. Dadurch erspare ich mir das Schuldbewusstsein, das ich hatte, wenn ich unethische Videos geschaut habe“, erklärt sie. Außerdem hilft es ihr, ihre neu entdeckte Sexualität besser kennenzulernen. „So kann ich rausfinden, was ich mag und was nicht. Das ist hilfreich, bevor ich zum ersten Mal selbst mit Frauen schlafe.“

Und auch Emma hat aus den vergangenen Monaten gelernt und erhofft sich vom Porno nicht mehr eine Art Trostpflaster für fehlende Intimität. „Wenn du selbst keinen Sex hast, dir aber Pornos reinziehst, und das die einzige Art ist, deine Sexualität auszuleben, kann das deprimierend sein“, meint sie. „Ich achte jetzt einfach darauf, dass ich sie nicht gucke, wenn ich mich gerade einsam fühle.“

In einem Punkt sind wir uns wohl alle einig: Pornos sind nicht perfekt. Ihre Gegner:innen – sowohl radikale Feminist:innen als auch konservative Religionsanhänger:innen – kritisieren ihre leichte Verfügbarkeit, ihre Aggression und Anonymität. Viele Männer, die Frauen beim Sex Schmerzen zufügen, werden dazu von der leider noch immer weit verbreiteten Gewalt in Pornos inspiriert. Die Debatte rund um unethischen und ethischen Porno ist noch immer im Gange – und wirft die Frage auf, wie ethisch wir uns in diesem Zusammenhang eigentlich selbst behandeln sollten. Ist es wirklich gut für uns, etwas zu konsumieren, nach dem wir uns schlecht fühlen? Können wir unsere eigenen sexuellen Wünsche und Bedürfnisse auch ohne die Hilfe von Pornos erforschen?

Charlene rät jedenfalls dazu, uns unseren eigenen Konsum mal kritisch anzusehen, um herauszufinden, wie sich diese Videos auf unser reales Leben auswirken könnten – und wie sich unser Leben wiederum auf unseren Porno-Geschmack auswirkt, insbesondere zu einer Zeit, in der das Leben so anders aussieht. „Wenn du jetzt merkst, dass du momentan viele Pornos schaust, das früher aber nie getan hast, solltest du dich fragen, wie du an diesen Punkt gekommen bist,“ meint sie – und vor allem: ob du dich an diesem Punkt auch wohl fühlst.

*Namen wurden von der Redaktion geändert

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