"Ich hätte viel früher anfangen sollen zu investieren" - Warum Millennials und Gen Z einen größeren Druck als ihre Eltern haben, ein Vermögen aufzubauen

·Lesedauer: 7 Min.
Influencerin Luisa Lion
Influencerin Luisa Lion

Wer Luisa Lion auf Instagram folgt, lernt viel: über die Zubereitung veganer Schnitzel, wie man einen kunstvollen Pferdeschwanz ohne Haargummi zaubert oder was ihr kleiner Hund Leo alles kann.

Aber seit kurzem geht es auf dem Profil der Fashion- und Beauty Bloggerin noch um ein anderes Thema: Aktien und Krypto. Die 31jährige Luisa Eckhard, wie die Influencerin und Gründerin der Marketing-Agentur Preach Media mit bürgerlichem Namen heißt, nimmt ihre über 330.000 Follower mit in die Welt der Anlagen - und zeigt, wie sie selbst Geld anlegt.

Einstieg mit Einzelaktien - und gleich Gewinn

"Ich bin keine Finanzbloggerin", sagt sie dennoch im Gespräch mit Business Insider. "Ich verfolge auch keine der bekannten Hedgefonds Strategien beim Anlegen, sondern vertraue auf persönliche Gespräche und Erfahrungen." In ihre ersten Einzelaktien investierte Eckhard letztes Jahr im März via Trading App, mit einer "kleinen Summe an Geld" kaufte sie damals jeweils eine Aktie von Tesla, Amazon, Google, Paypal, Microsoft, LVMH - "von allen Firmen, die ich auch aus meinem Alltag kenne", so Eckhard. Dann liess sie ihre Aktien erst einmal liegen - und als sie wieder nachschaute, hatte es bei ihrer Tesla-Aktie einen Split gegeben, aus einer Aktie waren fünf geworden und der Kurs war gestiegen. Die investierten 109 Euro hatten sich auf 3000 Euro amortisiert. "Anfängerglück" nennt Eckhard das.

Nicht so viel Anfängerglück, sondern durchdachte Planung legt Eckhard allerdings bei einem Bereich an den Tag, den sie für ihre Altersvorsorge vorgesehen hat: Immobilien. Drei Wohnungen in Hamburg besitzt die 31jährig mittlerweile, zwei sind vermietet, in einer wohnt sie selbst. Auf den Kauf der Wohnungen hat sie die Steuerberaterin ihrer Mutter gebracht - und ihre eigene Mutter, die sich ebenfalls eine Immobilie zur Absicherung gekauft hatte. "Meine Mutter kam mit zu den Besichtigungen und stellte all die richtigen Fragen - das war eine große Hilfe", erzählt Eckhard. Ein Kauf, der sich lohnte: mit Krediten von Zinsraten zwischen zwei und einem Prozent, sagt Eckhard, kam sie dabei besser weg als ihre Eltern, die vor 30 Jahren noch satte 9,8 Prozent Zinsen für ihren Immobilienkredit abbezahlen mussten.

Millennials verlassen sich auf ihre Eltern - trotz digitaler Werkzeuge

Doch ist die Generation der Millennials generell wirklich finanziell besser dran als ihre Vorgänger-Generation?

Professor Dr. Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance beschäftigt sich schon lange mit der Generation Y, den sogenannten Millennials, die zwischen 1985 und 2000 geboren sind, und Gen Z, die danach geboren wurden. Beide Generationen haben ähnliche wirtschaftliche Probleme vor sich und gehen diese ähnlich an. Sein Fazit: "Insgesamt haben die Unter 30jährigen im Generationenvergleich schlechtere Karten - wenn wir die 20 Prozent einmal ausnehmen, die viel erben werden. Die Einkommen sind strukturell niedriger, bei höheren laufenden Kosten und keiner Absicherung im Alter. Im Allgemeinen können sie es sich nicht leisten, groß zu sparen, obwohl sie wissen, dass sie es tun müssen - weil ihnen die Altersvorsorge weg bricht."

Das Anlegen, wie Eckhard es beschreibt, sei ein typischer Zug dieser Generation. "Diese jungen Leute orientieren sich in ihrem finanziellen Verhalten immer noch sehr an ihren Eltern und deren Beratern - das sind die wichtigsten Quellen. Sie haben zwar die digitalen Möglichkeiten an der Hand, aber im Internet einzuschätzen, was vertrauenswürdig ist und was nicht, fällt schwer.", so Hurrelmann. Ähnlich schwer einzuschätzen seien auch die konventionellen Beratern, also Banken und Versicherer. Hurrelmann: "Diese Generation ahnt schon beim ersten Kontakt mit diesen Institutionen, dass dort viel Bürokratie lauert."

Auch Eckhard könnte sich nicht mehr vorstellen, für ein Aktiendepot in eine Bankfiliale zu gehen. "Ich hatte als Kind früher ein Sparbuch und kannte das noch, an Geburtstagen zum Geld einzahlen zur Bank zu gehen. Eine Zeitlang hatte ich auch noch eine Bankberaterin", so Eckhard. Doch als diese schwanger wurde, bekam sie keinen Ersatz. Als sie dann nach ihrem Umzug nach Hamburg noch einmal in einer Filiale war, machte sie eine unsympathische Erfahrung - und das war's dann. "Viele Mitarbeiter in Banken machen sicher einen super Job, aber man hat auch oft das Gefühl, dass sie einem gewisse Produkte verkaufen müssen oder sollen - so ganz alte Schule", beschreibt Eckhard ihr Verhältnis zu den klassischen Finanzinstituten.

Großer Druck auf Millennials, denn ihnen fehlt die Sicherheit einer Rente

Statt dessen bildet sie sich lieber selber weiter was den Kapitalmarkt angeht, hört viele englischsprachige Podcasts, spricht mit Freunden und versucht Tipps über vielversprechende Firmen über Kanäle aus ihrer Zeit in Los Angeles aufzuschnappen. Eine wichtige Erkenntnis, die sie dabei gewonnen hat: "Ich hätte viel früher anfangen sollen zu investieren. Mein jüngerer Bruder beschäftigt sich jetzt schon ausgiebig damit, ich habe manchmal das Gefühl, ich bin schon spät dran", sagt Eckhard. Die Fomo - Fear of missing out - sei schon groß.

Und auch das ist kein Einzelfall. Professor Hurrelmann: "Die unter 30jährigen stehen unter einem sehr viel größeren Druck als die Über 50jährigen beim Vermögensaufbau. Sie wissen, dass die Rentensicherung nicht mehr greift, dass sie keine Basis-Absicherung haben wie ihre Eltern - und das ist neu in unserer Gesellschaft und das irritiert diese Generation." Nach der derzeitigen Situation müssten Vertreter von Millennials und Gen Z kontinuierlich bis zur Rente eine Vollzeit-Stelle haben - und selbst dann wäre es nicht sicher, ob bis dahin der Rentenanspruch nicht auch vollständig geschmolzen ist, so Hurrelmann.

Hurrelmann und sein Team haben mehrere Studien verfasst. Eine, die regelmäßig vom Versorgungswerk MetallRente in Auftrag gegeben wird, heißt "Jugend, Vorsorge, Finanzen". Im Abstand von drei Jahren werden dafür rund 2.500 junge Erwachsene im Alter zwischen 17 und 27 Jahren zu ihren Vorstellungen für die persönliche Zukunft, zu ihrem Sparverhalten, ihren finanziellen Kenntnissen sowie zu ihren Einstellungen und Strategien zur Altersvorsorge befragt.

Sie zeigen, dass sich die Generation der 17 bis 27jährigen recht konventionelle Finanzprodukte zurückwünscht: neben einer Rentenversicherung und einer betrieblichen Altersvorsorge als zwei zentralen Säulen zur Absicherung, ist da auch der Wunsch nach einem staatlich abgesichertem Konzept, das es erlauben würde, Geld anzulegen zur Vorsorge, aber Erspartes auch flexibel wieder rauszulösen, sollte es für Wünsche gerade gebraucht werden. Nebenbei sollte dieses Sparprodukt auch digital anzeigen, wie weit man seinem Ziel schon gekommen ist.

Klingt erst einmal nach dem klassischen Fest- oder Tagesgeld - wären da nicht die aktuellen Negativzinsen, die sich auch auf diese Produkte niederschlagen, sowie die anhaltende Inflation.

Die letzte MetallRente-Studie von 2019 zeigt auch die Angst der Generation vor der Altersarmut: 85 Prozent der Befragten rechneten damit, noch weit über ihr 67. Lebensjahr hinaus arbeiten zu müssen. 86 Prozent stimmten der Aussage zu, dass ohne eine eigenständige Vorsorge künftig deutlich mehr Menschen von Altersarmut betroffen sind. 68 Prozent fürchteten, im Alter selbst arm zu sein.

Aktienhandel per Smartphone hat auch etwas mit Privilegien zu tun

Also doch der Griff zum Smartphone und die Altersvorsorge per Aktienkauf sichern? Hurrelmann: "Dieses Phänomen ist noch recht neu und erst vor 4 bis 5 Jahren aufgekommen. Durch die Berichterstattung in den Medien wirkt es zwar, als würden sich viele daran beteiligen. Tatsächlich sind es unseren Einschätzungen nach aber gerade mal 4 bis 5 Prozent dieser Generation, die per Smartphone Aktien kaufen und verkaufen. Immerhin sehen wir, dass die Bereitschaft zu Investments in den Aktienmarkt steigt und teilweise sogar über der der älteren Generation liegt." Trotzdem hätte auch das etwas mit Wohlstand zu tun: Wer mit Aktien handelt, muss es sich leisten können.

Eine Erkenntnis, die auch Bloggerin Eckhard sehr bewusst ist. "Ich rede unglaublich gerne über Geld - und ich würde es vermutlich noch viel öfter tun, wenn ich nicht die Sorge hätte, dass ich damit auch Menschen ausschließe." Ihr gehe es in erster Linie darum, ihre hauptsächlich weiblichen Follower zu motivieren, den ersten finanziellen Schritt zu machen - denn der sei immer der Schwerste, wie sie aus eigener Erfahrung weiß.

Auch eine frühere Bildung in Sachen Finanzen in der Schule würde Eckhard begrüßen - "wobei ich nicht weiß, ob mich das mit 15, 16 wirklich schon so interessiert hätte wie jetzt. Aber jetzt ist das Thema zum Glück sehr relevant."

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.