Häusliche Gewalt in Zeiten des Coronavirus: Was passiert mit Frauenhäusern?

Johannes Giesler
Freier Autor

Die Quarantäne-Maßnahmen haben in China zu steigenden Fällen häuslicher Gewalt geführt. Wie sieht die Situation in Deutschland aus und wie steht es um die Frauenhäuser?

Fälle von häuslicher Gewalt könnten in Zeiten von Corona auch in Deutschland zunehmen. (Symbolbild: Getty)

Die weitreichenden Maßnahmen, allen voran Quarantäne- und Isolations-Verordnungen, gegen eine zu schnelle Ausbreitung der Covid-19-Erkrankung bringen viele Menschen in schwierige und sogar gefährliche Situationen. Wie die britische BBC kürzlich vermeldete, hat während der vergangenen Quarantäne-Wochen die häusliche Gewalt in China stark zugenommen. Eine Aktivistin habe demnach zahlreiche Berichte junger Menschen erhalten, die von gewalttätigen Handlungen der Eltern erzählten. Eine andere Aktivistin bat in sozialen Medien um Hilfe, weil eine Verwandte mit ihrem Ex-Mann unter Quarantäne gestellt und währenddessen von ihm angegriffen worden sei.

Steigende Fälle von häuslicher Gewalt in China

Um auf die steigenden Fälle von häuslicher Gewalt aufmerksam zu machen, fanden sich zahlreiche Menschen unter dem Hashtag #AntiDomesticViolenceDuringEpidemic („gegen häusliche Gewalt während der Epidemie“) zusammen. Allein auf der chinesischen sozialen Plattform Sina Weibo wurde der Hashtag laut BBC über 3.000 Mal benutzt. Die Pekinger Frauenrechtsorganisation „Weiping“ berichtete zudem, dass sich dreimal mehr Opfer von häuslicher Gewalt während der Quarantäne-Zeit gemeldet hätten, als in der Zeit zuvor.

Die taz zitiert dazu einen pensionierten Polizisten, der ebenfalls auf Weibo schrieb: „Seitdem das Virus ausgebrochen ist, rufen Frauen doppelt so oft bei der Polizei an wie zuvor. Fast alle Fälle häuslicher Gewalt haben indirekt auch mit dem Virus zu tun.“

Scheidungen und Versöhnungen

Die Bild schreibt, dass die Standesämter in Xi’an, die Hauptstadt der chinesischen Provinz Shaanxi, nach dem mehrwöchigen Lockdown einen großen Ansturm scheidungswilliger Paare erlebt hätten. Dafür führt sie zwei Gründe an: Die vorher schon geplanten Scheidungen konnten aufgrund der Pandemie nicht durchgeführt werden und haben sich angestaut. Und zweitens, es wird ein chinesischer Beamter zitiert, hockten viele „Paare über einen Monat ununterbrochen zu Hause, was viele unterschwellige Konflikte hervorbringt“. Viele Paare hätten aber nur wenige Stunden nach ihrer Scheidung – wieder zurück in „Freiheit“ – so schreibt die Global Times, erneut geheiratet.

Dennoch: Was in manchen chinesischen Regionen nun vorbei ist, steht den meisten Ländern noch bevor. Eine lange Zeit in Quarantäne und auf begrenztem Raum. In Wien verzeichnete laut Vienna.at der Frauennotruf der Stadt am vergangenen Wochenende „lediglich einen leichten Anstieg bei den Beratungszahlen“. Man sei allerdings darauf vorbereitet, dass ein Anstieg aufgrund der Krise und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit zeitverzögert eintreten könnte.

Frauenhäuser wollen offen bleiben

In Deutschland können Frauen, die von häuslicher Gewalt bedroht oder betroffen sind, Schutz in Frauenhäusern finden. Obwohl die Einrichtungen oftmals der letzte Ausweg aus einer gefährlichen Situation sind, fordern sie seit Jahren verzweifelt mehr Geld und mehr Plätze von der Politik. Denn der Bedarf ist höher als das Angebot. Jetzt kommt das neuartige Coronavirus hinzu: Ob Frauenhäuser überhaupt flächendeckend geöffnet bleiben, ist aktuell noch nicht sicher: In einem Interview mit der Berliner Morgenpost sagt die Mitarbeiterin eines Berliner Frauenhauses, dass sich zurzeit stündlich ändern könne, wie es weitergehe. „Wir warten immer noch auf eine Entscheidung des Berliner Senats“, sagt sie. Bis dahin wolle man in jedem Fall die „Stellung halten“.

Die „Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser“ fordert deshalb, dass die Frauenhäuser geöffnet bleiben müssen. Da es zu ihrem Angebot keine Alternative gebe. Der Verein „Frauenhauskoordinierung“ hat diese Woche wichtige Informationen für Frauenhäuser im Umgang mit dem neuartigen Coronavirus Sars CoV-2 zusammengestellt. Darin sind auch Empfehlungen für einen Pandemieplan enthalten, worauf jedes Frauenhaus individuelle Maßnahmen gründen kann. Ziel ist es, dass die Frauenhäuser selbst durch eine Quarantäne hindurch betrieben werden können – sei es durch Selbstversorgung nach einem Infektionsfall.

Die Mitarbeiterin eines zweiten Frauenhauses sagt dazu der Berliner Morgenpost, dass sie bereits einen Pandemieplan für den Fall einer Ansteckung ausgearbeitet hätten. Die betroffene Person würde dann isoliert ins Krankenhaus gebracht und das gesamte Frauenhaus stünde fortan unter Quarantäne – würde aber weiter betrieben.

Doch nicht überall ist das möglich: In Thüringen gehören seit diesem Mittwoch auch Frauenhäuser, Beratungsstellen und Tagespflegeinrichtungen zu den zu schließenden Einrichtungen.

Wichtige Kontakte für den Fall von Gewalt

Im Folgenden finden Sie deshalb wichtige Kontakte für Frauen und Männer, die Opfer von Gewalt geworden sind oder die sich vor Gewalt schützen müssen:

  • Den Notruf erreichen Sie unter der 110

  • Das Opfer-Telefon (männlich, weiblich oder divers) des Weißen Rings: 116 006

  • Das Hilfetelefon des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben für Frauen: 08000 116 016

  • Informationen zu Frauenhäusern in Deutschland in leichter Sprache finden Sie hier

  • Welchen Schutz Frauen in Anspruch nehmen können und wie die gesetzliche Lage zu häuslicher Gewalt ist finden Sie hier

  • Hier finden Sie die Suche der „Frauenhaus-Koordinierung“ nach einem Frauenhaus

  • Männer, die Gewalt erleben, können sich hier und hier informieren

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