Heiligabend bei Familie Mustermann: So feiert Deutschland Weihnachten

Janina Fesser
Freie Autorin

Willkommen bei Durchschnittsfamilie Mustermann. Sie feiert Weihnachten genau so, wie es die Mehrheit der Deutschen laut den Statistiken zum Fest tut. Sie isst die beliebtesten Kekse, singt das Nummer-1-Weihnachtslied und legt die begehrtesten Präsente unter den Baum. Thomas und Christina Mustermann haben mit den Vorbereitungen für Heiligabend alle Hände voll zu tun, Opa meckert über den Baum und die Kinder sind in ihrer Aufregung kaum zu bändigen.

Familie Mustermann feiert ein absolut durchschnittliches Weihnachtsfest (Bild: Getty Images)

Christina Mustermann platziert Gebäck und Süßigkeiten auf einem Teller. Am liebsten isst ihre Familie Lebkuchen. Aber auch Dominosteine und Spekulatius mögen alle gern. Aus dem Radio dudelt “Last Christmas” von Wham!. Zum vierten Mal heute.

Ihr Mann Thomas betritt die Küche und schickt sich an, eine Schublade zu öffnen. “Finger weg!”, ruft Christina. “Da ist dein Geschenk drin!” Thomas wird ein bisschen blass. “Ich dachte, wir schenken uns dieses Jahr nichts. Hast du doch gesagt.” Christina zuckt mit den Schultern: “Ist nur eine Kleinigkeit.” Sie hat alle Präsente in den ersten zwei Dezemberwochen gekauft. 475 Euro hat sie ausgegeben. Vor allem für Bücher, Spielzeug und Lebensmittel. Außerdem hat sie ein paar Geldgeschenke vorbereitet.

“Ich muss noch mal weg!”, ruft Thomas aus dem Flur und nestelt hektisch an seinem Schal herum. “Jetzt?”, fragt Christina überrascht. “Deine Eltern kommen bald!” Thomas zieht den Reißverschluss seiner Jacke zu und sagt: “Es geht ganz schnell.” Er schließt die Tür hinter sich und hofft inständig, dass ihm auf dem Weg in die Innenstadt noch eine gute Geschenkidee für seine Frau einfällt.

2019 gaben die Deutschen für Weihnachtsgeschenke im Schnitt 475 Euro aus (Bild: Getty Images)

“Mama, wann ist Bescherung?” Die kleine Mia zupft an Christinas Rock. “Später, Schatz”, sagt Christina. Es klingelt. Der zehnjährige Leon stürmt zur Tür und rennt dabei seine kleine Schwester über den Haufen. Mia heult. “Oma und Opa sind da!”, ruft Leon aufgeregt. “Herrje”, denkt Christina.

Opa betrachtet den Baum. “Euer Baum steht schief”, sagt er. Oma holt eine Sektflasche aus ihrer Tasche. “Jetzt stoßen wir erst mal an”, beschließt sie und hält Opa die Flasche hin. “Gerd, machst du mal auf?” Opa zupft am Baum.

Wie jedes Jahr hat Familie Mustermann den Weihnachtsbaum am Tag vor Heiligabend aufgestellt und mit roten und goldenen Kugeln geschmückt. Eine Nordmanntanne. Zwischen 150 und 175 Zentimetern groß soll sie sein und natürlich gleichmäßig gewachsen. Die Mustermanns überlegen, nächstes Jahr einen künstlichen Baum zu kaufen. Wegen der Umwelt. In den Fenstern hängen Lichterketten und überall stehen Kerzen. Wegen der festlichen Stimmung.

Die Nordmanntanne ist der unangefochtene Klassiker unter den Weihnachtsbäumen (Bild: Getty Images)

Thomas hat sich durch die völlig überfüllten Geschäfte gequält, einen Gutschein gekauft und trifft endlich wieder zu Hause ein. “Ich hätte dich fast nicht erkannt”, begrüßt Oma ihn, “wir sehen dich ja so selten.” Opa ruft aus dem Wohnzimmer: “Euer Baum ist schief!”

Die gesamte Familie futtert die selbst gebackenen Plätzchen und Stollen. “Die Kekfe find ein biffchen trocken”, findet Opa. “Wir machen jetzt erst mal einen schönen Spaziergang”, schlägt Christina vor. Das soll vor allem die Kinder etwas beruhigen, die jetzt so aufgekratzt sind, dass die Stimmung zu kippen droht. “Jetzt seid doch mal ein bisschen besinnlich”, mahnt Thomas.

Nach einer gemütlichen Runde um den Häuserblock verziehen sich Oma und Christina in die Küche, um das Essen vorzubereiten. Es gibt, wie jedes Jahr, Würstchen und Kartoffelsalat. Das große Festessen mit Gans und Klößen ist für den ersten Weihnachtsfeiertag geplant.

Würstchen mit Kartoffelsalat sind seit Jahrzehnten das beliebteste Gericht an Heiligabend (Bild: Getty Images)

Thomas sucht die CD mit den Weihnachtsliedern. “Gibt es jetzt Geschenke?”, fragen Mia und Leon aufgeregt. Aus dem Wohnzimmer ertönt ein kleines Glöckchen. “Zeit für die Bescherung”, sagt Christina lächelnd. Leon und Mia wollen sich direkt auf die Geschenke stürzen, doch Thomas greift rechtzeitig ein. “Jetzt singen wir erst mal was”, sagt er. Die Familie stimmt “Stille Nacht, heilige Nacht an”. Oma fragt ihre Enkel: “Könnt ihr denn auch ein Gedicht aufsagen?” Mit Hilfe von Papa tragen sie zusammen “Knecht Ruprecht” von Theodor Storm vor. “Von drauß’, vom Walde komm ich her. Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr.”

Nun geht es an die Bescherung. “Fröhliche Weihnachten!” tönt es von allen Seiten. “Oh, Socken!”, lässt Thomas verlauten. “Die kann man immer gebrauchen.” Oma kramt einen Umschlag aus ihrer Handtasche. Ein Geldgeschenk. “Für euch”, sagt sie und reicht ihn Thomas und Christina. “Davon könnt ihr euch was Schönes kaufen.”

Danach kehrt etwas Ruhe ein. Thomas baut mit Leon an der neuen Eisenbahn und Mia ist mit dem Ankleiden ihrer Puppe beschäftigt. “Schon wieder ein Jahr rum”, seufzt Oma. “Und wieder keine weiße Weihnachten”, fügt Opa hinzu. Christina betrachtet zufrieden den Baum. “Das ist der schönste Baum, den wir je hatten”, sagt sie zu ihrem Mann. Opa murmelt: “Aber ein bisschen schief...”

Ein frohes Fest und besinnliche Feiertage wünscht Familie Mustermann.