Highlights und Skandale der Frankfurter Buchmesse 2019

Hannah Klaiber
Freie Journalistin

Die Frankfurter Buchmesse ist vorbei. Die Organisatoren freuen sich, denn bis auf wenige handfeste Skandale gibt es eigentlich nur gute Neuigkeiten zu vermelden. Ach ja, und hoher Adelsbesuch flanierte auch durch die Räumlichkeiten. Was man über die diesjährige Buchmesse 2019 wissen muss – und worauf man sich im nächsten Jahr schon freuen kann.

Norwegen präsentierte als Gastland rund 100 norwegische Autoren. (Bild: Frankfurter Buchmesse)

Die Skandale

Natürlich sprachen alle darüber: Peter Handke und seinen gerade verkündeten Nobelpreis für Literatur. Der Autor war selbst nicht bei der Messe zugegen und dennoch allgegenwärtig – zum Beispiel in Form seines Zitats “Wer sagt denn, dass die Welt schon entdeckt ist?”, mit dem der Suhrkamp Verlag seinen Autor am Messestand würdigte. Handke, der nicht nur wegen seiner proserbischen Haltung während der Jugoslawien-Kriege auch in Bezug auf sein literarisches Werk in der Kritik steht, bekam auch in Abwesenheit genug Gegenwind.

Zum Beispiel vom diesjährigen Buchpreisträger Saša Stanišić, der während seiner Rede auf der Messe hart mit Handke und dessen Nobelpreis-Auszeichnung ins Gericht ging: “Er erwähnt die Opfer nicht”, sagte der 41-Jährige, der in Višegrad geboren wurde. “Er sagt, dass es unmöglich ist, dass diese Verbrechen geschehen konnten. Sie sind aber geschehen. Mich erschüttert so was, dass so was prämiert wird.”

Saša Stanišić auf der Frankfurter Buchmesse. (Bild: Getty Images)

Weniger beachtet war ein Ereignis rund um Götz Kubitschek, seines Zeichens Publizist und politischer Aktivist der Neuen Rechten, der am in einer Sackgasse platzierten Stand seines Verlags einen Journalisten angriff und an dessen Arbeit hindern wollte. Auch die dazu gerufene Polizei half (beiden Seiten) wenig – und geriet dabei selbst in die Kritik:

Mittlerweile hat sich die Polizei Frankfurt auf Twitter dazu geäußert:

Es gab aber auch gute Nachrichten - die Zahlen

Mit den Besucherzahlen können die Verantwortlichen der Frankfurter Buchmesse zufrieden sein: Ein Besucherplus von 9,2 Prozent am Messewochenende und ein leichtes Wachstum von 1,8 Prozent an den Fachbesuchertagen könnten darauf hindeuten, dass das Interesse an der Buchmesse (und vielleicht auch an Büchern?) wieder steigt – mit 302.267 Besucherinnen und Besuchern um ganze 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Interessant: Erneut besuchten mehr Privatpersonen als Fachpersonal die Messe. Mit 7.450 Ausstellern aus 104 Ländern präsentierte sich die Buchmesse erneut souverän als internationales Event – vielleicht das internationalste, das derzeit in Deutschland organisiert wird.

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Apropos international: Die Atmosphäre bei der Messe

Auch Außenminister Heiko Maas war bei der Eröffnungsfeier zugegen. (Bild: Frankfurter Buchmesse)

“Ich glaube an eine Literatur, die Menschen verbindet und das Gemeinsame herausstellt. Trotz aller Unterschiede in Hautfarbe, in sexueller Orientierung und allem anderen, was uns vielleicht nach außen hin trennen könnte.” Dieser Satz der polnischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Olga Turkarczuk, gesagt bei der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse, könnte für die weltoffene, gedanklich wache und diverse Atmosphäre stehen, die die Macher der Buchmesse kreieren wollten.

Unter dem offiziellen Motto “Create Your Revolution” hatten die Organisatoren auch passende Gäste eingeladen: Unter anderem Aktivistinnen wie Luisa Neubauer, Phyllis Omido und Memory Banda, Produzentin Gina Belafonte und Autorin Jennifer Clement positionierten sich vor Ort zu Themen wie Feminismus und Bürgerbewegungen, Populismus und Demokratie.

Die interessantesten Preisträger

Sebastiao Salgado wurde mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. (Bild: Getty Images)

Der mit am meisten Pomp verliehene Preis der Messe wurde an einen Brasilianer verliehen: Sebastião Salgado freute sich bei der Verleihung in der Paulskirche über den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – als Kriegsfotograf und Fotoreporter ist er erst der zweite Bildkünstler, der den Preis verliehen bekam. Den eher Indie-angehauchten Hotlist-Preis bekam die französische Autorin Jakuta Alikavazovic für ihren Roman “Das Fortschreiten der Nacht” — und zwar gleich zweimal: einmal durch die Wahl der Buchhändler und einmal als mit 5.000 Euro dotierter Hauptpreis an die Edition Nautilus. Als Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels wurde Delia Owens “Der Gesang der Flusskrebse” ausgezeichnet.

Hintergrund: Salgado mit Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet

Die prominentesten Gäste

Der norwegische Erfolgsautor Jo Nesbø auf der Frankfurter Buchmesse. (Bild: Getty Images)

Mit den unzähligen Events und Locations der Buchmesse ist es eigentlich unmöglich, einen Blick auf jeden anwesenden Promi-Gast zu werfen. Besonders beliebt beim Privatpublikum waren deutsche Medienfiguren wie Ulrich Tukur, Ulrich Wickert und Thomas Gottschalk, aber auch der deutsche Autor Sebastian Fitzek und Medienkritiker Sascha Lobo hatten Zulauf, wenngleich in einer sicher anderen Liga als ihre internationalen Kollegen Ken Follett, Jo Nesbø und Margaret Atwood. Vielbeachtet wurde auch Deniz Yücel, der aus seinem Buch “Agentterrorist” über seine Zeit im türkischen Gefängnis las.

Royaler Glamour aus dem Gastland

Mette Marit und Haakon als Repräsentanten des Gastlands Norwegen. (Bild: Getty Images)

Die royalsten Gäste hatte die Buchmesse seinem Gastland zu verdanken: Kronprinz Haakon und Kronprinzessin Mette Marit von Norwegen besuchten die Eröffnung der Messe. Wahrlich königliche Repräsentanz also, die aber eigentlich nur die rund 100 norwegischen Autoren flankierte, die ihr Land und ihre Kultur sympathisch und gelassen vertraten. Denn natürlich hat die norwegische Literatur mehr zu bieten als nur Thriller-Star Jo Nesbø: Da wäre etwa Maja Lunde mit ihrem aktuellen Werk “Die Letzten ihrer Art”. Oder Erika Fatland mit “Die Grenze”, ebenso wie Johan Harstad mit seinem 1.200 starken Roman “Max, Mischa und die Tet-Offensive”.

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What’s Next? Die Buchmesse 2020

Mit seinen stabilen Besucherzahlen und der hohen Dichte an Events und prominenten Autoren hat sich die Frankfurter Buchmesse die Messlatte fürs kommende Jahr hoch gesetzt. Unterstützt wird das kreative Ganze 2020 von Gastland Kanada, an das schon zu Ende der diesjährigen Buchmesse der Staffelstab übergeben wurde. Vom 10. bis 14. Oktober 2020 wird der Ehrengast unter dem Motto “Singular Plurality” seine Literatur und Kultur erlebbar machen. Die Vorbereitungen dafür laufen im Gastland bereits auf Hochtouren: Es gibt Förderprogramme für Übersetzungs-, Produktions- und Bewerbungskosten, Fellowships und jede Menge Informationen für Autoren und Verlage. Mit Margaret Atwood war dieses Jahr schon ein literarischer Superstar aus Kanada bei der Messe zugegen. Für 2020 hätten wir schon ein paar Wunschkandidaten: Wie wäre es mit Yann Martel (“Life of Pi”), Alice Munro (“Himmel und Hölle”) oder Douglas Couplan (“Generation X”)?

VIDEO: Mit dem königlichen Sonder-Literaturzug zur Buchmesse