Hochfunktionelle Depressionen - wenn das Umfeld glaubt, alles sei in Ordnung

Deidre Olsen

Ich arbeite Vollzeit in der Finanzbranche. Wenn ich am frühen Montagmorgen im Büro ankomme, sehe ich ausgeschlafen und fit für die neue Woche aus. Was meine Kollegen nicht wissen, ist, dass ich das gesamte Wochenende nur geschlafen und meine Wohnung nicht verlassen habe. Aus meinem abgedunkelten Schlafzimmer bin ich nur gegangen, um dem Pizzaservice die Tür aufzumachen und meine Antidepressiva zu nehmen. Ich führe zwei komplett verschiedene Leben: Auf der einen Seite bin ich eine ehrgeizige junge Frau, die sich jeden Tag aufs Neue ihren Verantwortungen stellt, auf der anderen Seite bin ich ausgelaugt, depressiv und stehe am Rande eines Selbstmords. Unter einer psychischen Krankheit zu leiden, bei der man den Alltag trotzdem vermeintlich überdurchschnittlich gut meistert, wie es bei einer hochfunktionellen Depression der Fall ist, bedeutet häufig, im Stillen zu leiden, während das Umfeld glaubt, dass alles okay sei.

Laut WHO sind weltweit mehr als 300 Millionen Menschen von Depressionen betroffen. Außerdem werden jährlich fast 800.000 Selbstmorde verübt. In der Altersgruppe von 15 bis 29 ist das die zweithäufigste Todesursache.

Viele haben noch ein stereotypes Bild im Kopf, wenn sie an Depressionen denken. Dabei handelt es sich um ein komplexes Krankheitsbild, das viele Facetten hat.

In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für Depressionen in unserer Gesellschaft gewachsen und damit auch ein Verständnis dafür, dass es sich hierbei um ein komplexes Krankheitsbild handelt. Trotzdem haben viele noch ein stereotypes Bild im Kopf, wenn sie an eine/n Depressive*n denken: Jemanden, der sich von der Welt zurückgezogen hat, die Aufgaben des alltäglichen Lebens nicht bewältigen kann, den ganzen Tag im Bett verbringt und hochemotional ist. Tatsächlich sind Depressionen aber eine sehr individuelle Angelegenheit, die jede/r Betroffene auf seine eigene Weise wahrnimmt. Ich arbeite Vollzeit, freelance, gehe ins Fitnessstudio, habe soziale Kontakte und stelle mich den Verantwortungen des Erwachsenenlebens. Und trotzdem verbringe ich manchmal eine Stunde täglich im Büro mit Selbstmordgedanken, schlafe das ganze Wochenende durch oder esse mehrere Tage lang nichts.

„Hochfunktionelle psychische Krankheit“ ist keine offizielle Diagnose, die in der klinischen Psychologie eingesetzt wird. Nichtsdestotrotz können sich unzählige Leute mit dieser Definition identifizieren. Menschen, die an einer hochfunktionellen psychischen Erkrankung leiden, fallen in vielen Fällen nicht weiter auf und bekommen somit häufig nicht die Behandlung und Unterstützung, die sie bräuchten. Jemand, der an einer undiagnostizierten und unbehandelten Depression leidet, hat ein größeres Risiko, Selbstmord zu begehen.

Es gab in meinem Leben Momente, in denen hätte ich wirklich dringend Hilfe benötigt. Leider war ich damals nicht in der Lage, mir diese Hilfe zu holen. Ich denke, das liegt zum einen daran, dass ich es innerlich abgelehnt habe, zu akzeptieren, dass ich krank bin, zum anderen am fehlenden gesellschaftlichen Verständnis für hochfunktionelle Depressionen. In weiten Teilen unserer Gesellschaft herrscht immer noch die Vorstellung, man könne sich durch eine Depression „durchboxen“ oder es würde sich schon irgendwann ein Schalter umlegen, wenn man sich nur gut ernähre, ausreichend schlafe und regelmäßig zum Sport ginge. Ich selbst habe diese Gedanken jahrelang verinnerlicht. Außerdem ist es ein weit verbreiteter Glaube, dass diese Form von Depression den Umständen geschuldet ist und vorbeigehen wird, und man sie deswegen einfach ertragen muss.

Während meines dritten Jahres an der Uni wurde ich vergewaltigt. Ich redete mir selber ein, dass alles okay sei und ich die ganze Sache unter den Teppich kehren könne. Bis es irgendwann nicht mehr ging. Als ich endlich anfing, zu verarbeiten was geschehen war, brach eine ganze Lawine unterdrückter Emotionen los. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte ich die sexuellen Übergriffe aus meiner Kindheit verdrängt, doch jetzt brachen sie sich Bahn. Als meine letzten beiden Semester begannen, war ich vollkommen verzweifelt und konnte mich auf nichts anderes als auf die entsetzlichen Details dieser Übergriffe erinnern, deren Bilder ich zuvor immer unterdrückt hatte. Ich war am Ende.

Illustrated by Isabel Castillo Guijarro.

Als ich endlich all meinen Mut zusammennahm und zur psychologischen Beratung an meiner Uni ging, wurde mir gesagt, mir schiene es doch „ganz gut“ zu gehen, und meine Erschöpfung und Niedergeschlagenheit wären wahrscheinlich auf meine vegetarische Ernährungsweise zurückzuführen. Ich sollte Eisen und Vitamin B12 nehmen, mich ausgewogen ernähren, genug schlafen und Sport treiben.

Im selben Semester wandte ich mich in meiner Verzweiflung an eine feministische Soziologieprofessorin. Ich dachte, sie müsse doch verstehen, was ich gerade durchmachte. Die Antwort, die ich von ihr bekam, war niederschmetternd. Ich sei doch eine überdurchschnittlich gute Studentin, hätte also schon herausgefunden, wie man akademische Erfolge feiert, sei gerade wahrscheinlich einfach nur gestresst und solle mir etwas Ruhe gönnen. Als ob psychische Krankheiten linear verlaufen würden oder das Leben einem nicht auch mal übel mitspielen könnte.

Ich erhielt also keinerlei Unterstützung an der Uni, sodass ich dieses Semester nur mit Mühe und Not bestand. Die Auswirkungen, die das auf meinen Notendurchschnitt hatte, verschlechterten meine psychischen Probleme zusätzlich. Das mit Abstand schlimmste war jedoch, dass ich die Worte meiner Professorin verinnerlichte und von da an glaubte, meine Misserfolge seien meine eigene Schuld, weil ich einfach faul und nicht clever genug war.

Der erste Schritt für mich war, mir selbst zu erlauben, auf meine innere Stimme zu hören.

Nach diesem turbulenten Semester wurde mir bewusst, dass es mir nicht gut ging, auch wenn die Leute, denen ich mich anvertraut hatte, das nicht anerkannten. Der erste Schritt für mich war deshalb, mir selbst zu erlauben, auf meine innere Stimme zu hören. Nachdem ich mit der Uni fertig war, begann ich, über das, was ich erlebt hatte, nachzudenken und mir die Frage zu stellen, was ich hätte anders machen können. Ich dachte an all die Gelegenheiten, bei denen ich meinen Mut zusammengenommen und nach Hilfe gefragt hatte, und bei denen ich entmutigt und abgewiesen worden bin. Hätte man mich damals ernst genommen, hätte ich mich wahrscheinlich bestätigt und unterstützt gefühlt, und nicht so entmutigt und isoliert. Vielleicht hätte ich dann einen gesünderen Umgang mit meiner Krankheit gefunden.

Illustrated by Isabel Castillo Guijarro.

Es war ein langer Prozess, zu akzeptieren, dass es mir nicht gut ging. Ich begann, mich mit dem Thema Depressionen auseinander zu setzen und fand heraus, dass einige der Symptome auf mich zutrafen. Dazu gehörten Selbstmordgedanken, emotionale und körperliche Erschöpfungszustände, fehlendes Interesse an Dingen, für die ich mich sonst immer begeistern konnte, und mich überessen. Von da an wusste ich, dass ich mich noch einmal in die Hände von psychologischen Beratungsstellen geben musste. Aber diesmal achtete ich darauf, Profis zu finden, die sich der vielen Facetten psychischer Krankheiten bewusst waren. Ich fand eine ambulante Klinik, in der das Team einen offen aufnahm und nicht verurteilte. Dort wurde ich sofort an einen Psychologen verwiesen, der mir eine offizielle Diagnose stellte: Ich litt unter Depressionen, Angstzuständen und posttraumatischen Belastungsstörungen und bekam Antidepressiva verschrieben.

Die Zuwendung und Unterstützung Anderer sollten nicht von einer Diagnose abhängen, aber offiziell zu wissen, was mit mir los war, ermutigte mich dazu, nicht länger zu akzeptieren, wenn mein Leiden heruntergespielt wurde. Seitdem kann ich offener und klarer über meine Krankheit sprechen. Mit den Menschen, die mir nahestehen, meinen Ärzten und den Kollegen bei der Arbeit. Wenn es darauf ankommt und ich Zeit für mich und meine Gesundheit brauche, kann ich mich bei der Arbeit krankmelden, denn schließlich habe ich eine offizielle Diagnose.

Es ist ein tiefgreifender, stiller, innerer Kampf, und es bedarf enormer Stärker, zu lernen, diesen Prozess aufzuhalten.

Heute nehme ich immer noch täglich Antidepressiva, aber ich habe zusätzliche, sanfte Methoden gefunden, meine Depressionen und Ängste zu mildern. Ich versuche, mir jeden Tag bewusst zu machen, wie dankbar ich für all die wunderbaren Dinge in meinem Leben sein kann, und worauf ich mich in Zukunft freue. Das hilft mir dabei, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und puffert die Selbstmordgedanken und negativen Denkspiralen ab. Ich versuche, mich bewusst auf die kleinen Freuden des Alltags zu konzentrieren, wie zu Beispiel die erste Tasse Kaffee am Morgen im Büro, einen neuen Podcast zu hören, mich in meinen Pullover zu kuscheln, daran zu denken, wie sehr ich mich darauf freue, einen geliebten Menschen zu sehen, oder einfach nur zu duschen oder zu essen. Wenn früher unangenehme Gedanken anfingen, in meinem Kopf zu arbeiten, schüttete ich noch extra Öl ins Feuer und war kurz darauf körperlich und emotional total gelähmt. Es ist ein tiefgreifender, stiller, innerer Kampf, und es bedarf enormer Stärker, zu lernen, diesen Prozess aufzuhalten.

Die Gesellschaft kommt langsam dahin, zu verstehen, dass Depressionen viele Ausprägungen haben und dass diese unterschiedlichen Ausprägungen differenzierte Herangehensweisen benötigen. Ich hoffe, dass das Bewusstsein für die Komplexität psychischer Krankheiten weiterwächst, sodass Menschen wie ich geeignete Informationen an die Hand bekommen, um einzusehen, dass es ihnen nicht gut geht und dass sie Hilfe brauchen, und dass sie für sich selbst einstehen können. Wenn Depressionen nicht ernstgenommen und behandelt werden, schweben Menschen wie ich weiterhin in Lebensgefahr.

Falls du daran denkst, dir das Leben zu nehmen, dir etwas anzutun oder du in einer Krise mit jemandem reden möchtest, ruf die Telefonseelsorge an. 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116123. Der Anruf ist anonym und kostenlos.

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