Höchste Ausgaben: Warum die Hertha plötzlich ein Big Player ist

Ben Barthmann
Sports Editor

Hertha BSC hat im winterlichen Transferfenster insgesamt circa 78 Millionen Euro in neue Spieler investiert. Mit Krzysztof Piatek, Lucas Tousart, Matheus Cunha und Santiago Ascacibar geht Jürgen Klinsmann in die Offensive. Woher kommt das ganze Geld?

Jürgen Klinsmann und die Hertha investierten im Winter kräftig in den Kader. (Bild: Getty Images)

Der FC Bayern hat keinen einzigen Cent investiert, Borussia Dortmund gar einen Überschuss von 31 Millionen Euro erzielt. RB Leipzig, ebenfalls mitten im Titelrennen, hat ein Plus von acht Millionen gemacht, der FC Schalke 04 hat sich zwei Spieler per Leihe gesichert.

Dann die Hertha. Rums. Elf Millionen Euro für Santiago Ascacibar vom VfB Stuttgart. 25 Millionen Euro für Lucas Tousart von Olympique Lyon. Und 27 Millionen Euro für Krzyszstof Piatek vom AC Milan. 15 Millionen Euro für Methus Cunha von RB Leipzig. Macht 78 Millionen Euro Ausgaben und die Berliner damit zum absoluten Top-Einkäufer des Winters. Tousart, auch wenn er erst im Sommer kommt, und Piatek sind die teuersten Neuzugänge der Vereinsgeschichte.

Selbst international stehen Jürgen Klinsmann und Co. damit alleine. Kein Klub gab mehr Geld aus. Während absolute Top-Klubs wie der FC Barcelona jeden Cent zweimal umdrehen müssen, scheint die Hertha plötzlich einen unerschöpflichen Geldhahn gefunden zu haben. Oder geht der Klub einfach stark ins Risiko?

Die Hertha will nicht mehr die Hertha sein

Klar ist: Die Hertha will nicht mehr die Hertha sein, die im Mittelfeld der Bundesliga herumdümpelt, die besten eigenen Talente abgibt und vor halbleeren Rängen im Olympiastadion spielt. Diese Zeiten sollen vorbei sein. Nicht umsonst kamen Gerüchte auf um Spieler wie Granit Xhaka, Mario Götze, Julian Draxler oder Emre Can.

Und nicht umsonst arbeitet der Klub mit allen verfügbaren Ressourcen an einem neuen, eigenen Stadion. Einem Fußball-Stadion. Denn die Hertha will zu einem Big Player werden, neu und aufregend, ansprechend für die bisher nicht so fußballbegeisterten Einwohner Berlins.

“Du musst als Berlin den Anspruch haben: Big Picture, groß denken“, hatte Klinsmann kürzlich gewohnt anglizistisch verlauten lassen. Dafür sollten schon ein “paar Euro” investiert werden.

Hertha BSC vertraut auf Investor Windhorst

Diese “paar Euro” kommen aktuell in erster Linie von Lars Windhorst. Der deutsche Wahl-Londoner weiß, wie der Hase läuft. Mit 16 Jahren gründete er sein erstes Unternehmen, es folgten Pleiten, Privatinsolvenz, Aufschwünge, Investitionen, riesige Renditen und 2019 der Einstieg bei der Hertha.

Windhorst hat Beziehungen nach - naja - überall. Als “Wunderkind der deutschen Wirtschaft” reiste er mit Helmut Kohl durch die Welt, traf sich mit Siemens-Chef Heinrich von Pierer und lädt regelmäßig zu Partys auf seiner Jacht mit Hubschrauberlandeplatz.

Schon mehr als 220 Millionen Euro soll er bislang in die Hertha investiert haben. Das Ziel: Der Meistertitel. Die Realität: Der Abstiegskampf. Ebenfalls Realität: Ein interner Kampf. Nicht skandalös groß, wohl aber vorhanden. Klinsmann will investieren, denkt groß. Manager Michael Preetz dagegen nennt sich selbst auch mal “den Bremser”.

Unklare Zukunft mit Preetz und Klinsmann

Dieser Zweikampf scheint aktuell mehr in Richtung Klinsmann zu kippen. Junge Talente wie Tousart oder Piatek lockt man nicht mit sportlicher Perspektive aus Mailand oder Lyon nach Berlin. Auch nicht mit dem Charme der Stadt, dem Wetter oder dem Prestige des Klubs. Beide werden sich ihren Wechsel gut entlohnen lassen.

Das muss nun nicht unbedingt heißen, dass in Berlin nur noch die Finanzen zählen. Aber so wirklich gibt die Hertha aktuell auch kein erstrebenswertes Bild ab. Salomon Kalou pöbelte kürzlich öffentlich gegen Klinsmann. Top-Talent Arne Maier hat eine Transferanfrage eingereicht, Niklas Stark sprach bereits zweimal mit dem Trainer, um nach einem Wechsel zu fragen. Gehen dürfen beide nicht.

Und so richtig weiß auch niemand, wie es weitergeht. Überwerfen sich Klinsmann und Preetz? Oder Preetz und Windhorst? Wie lange bleibt Klinsmann, dessen Vertrag im Juni ausläuft, wirklich? Die Hertha steht vor einer Zerreißprobe und hat mit den Investments der Winterpause vielleicht einen Schritt gemacht, der etwas zu früh kam.

Zu viele Fragen sind aktuell offen. Gleichwohl allerdings muss für einen derart ambitionierten Plan irgendwann der erste Stein ins Rollen gebracht werden. Windhorst, Preetz und Klinsmann haben in den vergangenen Monaten gleich mehrere Steine ins Rollen gebracht. Nun ist zu hoffen, dass die Steine gemeinsam die gewünschte Lawine auslösen und nicht jeder für sich den Berg hinunterfällt.