„Husband Stitch“ – Die verstörende Praktik im Kreißsaal

Stephanie Johne

Auch wenn es bereits einige Wochen her ist, dass sich die Schlagzeilen zu dem Thema regelrecht überschlagen haben, so hat die Debatte bedauerlicherweise kein bisschen an Relevanz verloren. „Horror nach der Entbindung“, „Grausamste Praktik nach der Geburt“ oder „Schreckliches Geburtsritual“ sind nur einige Beispiele der haarsträubenden Überschriften, die allesamt dasselbe unfassbare Thema zum Gegenstand haben: die Praxis rundum den husband stitch. Der sorgt dieser Tage im Rahmen einer Diskussion um eine ohnehin angeschlagene Geburtshilfe im deutschsprachigen Raum für zusätzliches Aufsehen und klingt so abwegig, dass viele Frauen zurecht hoffen, es handelt sich dabei um einen Mythos oder einen Witz. Doch die traurige Wahrheit ist: Dieses absurde chirurgische Verfahren nach der Geburt ist leider alles andere als das (Achtung, Triggerwarnung)!

Aber was genau hat es mit dem husband stich (auch als daddy stitch bezeichnet) auf sich? Nun, bei einer vaginalen Geburt kann das Gewebe zwischen Vulva und After – der sogenannte Damm – aus verschiedenen Gründen reißen. Um das zu umgehen, führen Ärzte auch heute noch häufig einen vorbeugenden Dammschnitt durch, obwohl man längst den Standpunkt vertritt, dass ein spontaner Riss sehr viel besser verheilen kann. In beiden Fällen muss das Gewebe nach der Geburt jedoch genäht werden. Beim husband stitch macht der Arzt hier schlicht und ergreifend ein bis zwei Stiche mehr, um den Vaginaleingang bewusst enger zu machen – ein mehr als fragwürdiges „Geschenk" an den frisch gebackenen Papa. Das Absurde: Die Vagina selbst wird dadurch natürlich keineswegs enger. Unabhängig davon also, dass der Eingriff ohnehin großer Bullshit (entschuldigt die Wortwahl) und ein unerhört missbräuchlicher Eingriff ist, basiert er auch noch auf absolutem Unwissen über die weibliche Anatomie. Double-fail!

Sexismus macht auch vor dem Kreißsaal nicht Halt

Im Rahmen meiner Arbeit als Doula (also als Frau, die einer werdenden Mutter vor, während und nach der Geburt als emotionale und physische Begleiterin zur Seite steht) habe ich immer wieder mit Frauen zu tun, die glauben, Opfer dieser grausamen Praxis geworden zu sein – ob aus Kalkül oder Schlamperei (obwohl man bei einem „Stich zu viel“ wohl kaum von einer solchen sprechen kann) lässt sich nur schwer ermitteln. Eines ist nämlich leider auch Fakt: Einen husband stich bekommt eine Frau nicht einfach so und verlässlich diagnostiziert. Kaum ein Arzt wird sich soweit aus dem Fenster lehnen, einen Kollegen oder eine Kollegin (ja, auch Frauen praktizieren ihn) dieser grausamen Technik zu beschuldigen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, viele Frauen werden aber mit Kommentaren wie diesen abgespeist: „Sowas passiert eben manchmal im Krankenhausalltag, das war sicher keine Absicht“. Wären da nicht auch Frauen, die berichten, wie sich der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin dem Partner gegenüber noch stolz damit gebrüstet haben, dass der letzte Stich jetzt speziell für ihn sei.

Was aber können Opfer tun? Nun, zuallererst braucht es eine*n vertrauenswürdige*n Arzt oder Ärztin, der einen husband stitch diagnostiziert. Dann ist es – insofern es die finanziellen und emotionalen Ressourcen zulassen – vielleicht einen Versuch wert, das Krankenhaus zu verklagen. Leider sind die Chancen hier realistischerweise gering, ein solches Verfahren zu gewinnen. Ein Krankenhaus ist in der Regel sehr gut abgesichert und ein mutmaßlicher husband stich muss als solcher von der Frau erst einmal bewiesen werden. Nichtsdestotrotz gilt, dass jede dazu geführte Debatte hilft, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, dass Gewalt und Missbrauch in der Geburtshilfe ein Thema sind. Nur so tragen wir dauerhaft dazu bei, etwas zu ändern. Jede Frau ist deshalb dazu aufgerufen, ihre Geschichte zu teilen. Auch anonyme Erfahrungsberichte können andere darin bestärken und medizinisches Personal wachrütteln.

Foto: Erika Bowes.

Manchmal – vor allem bei anhaltenden, starken Schmerzen – kann es notwendig sein, den Eingriff operativ rückgängig zu machen (spätestens dann liegen wohl nicht mehr zu ignorierende, medizinische Indizien vor). Viele Frauen berichten auch, dass die Geburt eines weiteren Kindes ihre Schmerzen und Probleme gelöst habe. Oft reist die Haut dann unwesentlich an der Stelle, wo zu viel genäht wurde und verheilt ohne die Notwendigkeit einer erneuten Naht. Vorausgesetzt der Frau wird dieses Mal die Zeit gegeben, die eine Austreibung (leider der unschöne offizielle Begriff für die letzte Phase der Geburt) eben braucht. Ohne der Debatte damit den Wind aus den Segeln nehmen zu wollen, sei an der Stelle trotzdem noch erwähnt, dass der Verdacht auf einen husband stich manchmal auch falscher Alarm ist. Wer sich unsicher ist, sollte wissen, dass eine reguläre Naht gerade am Anfang ebenfalls unangenehm sein und Schmerzen beim Sex zur Folge haben kann. Frauen haben gerade dann schnell das Gefühl, etwas sei nicht normal. Hier können regelmäßige Dammmassagen mit Kokosöl helfen, das Gewebe wieder weich und geschmeidig zu machen – ebenso wie Geduld. Bis der Körper sich komplett reguliert hat und die Narbe verheilt ist, kann es nämlich bis zu zwei Jahre dauern. Dabei ist nicht nur die physische Genesung wichtig, sondern auch die psychische. Wer Hilfe in Form von Gesprächsgruppen sucht, wird auf der deutschen Plattform Gerechte Geburt fündig. Neben Selbsthilfegruppen gibt es aber auch Birth Story Gatherings, also regionale Frauenkreise, die die eigene Geburtserfahrung zum Thema machen. Allein, sich in dieser Phase anderen Frauen mitzuteilen – frei nach dem Motto „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ – ist nicht nur in so extremen Fällen heilsam.

Präventiv sollten Frauen vorher ganz klar abklären, dass nur im Falle eines medizinischen Notfalls geschnitten werden darf (wie dieser definiert wird, obliegt zwar am Ende wieder dem Krankenhauspersonal, trotzdem hilft es, vorab bestimmt und aufgeklärt aufzutreten). Wer noch dazu in der Lage ist, sollte immer versuchen sich in der letzten Phase der Geburt, Zeit zu verschaffen und es lieber darauf ankommen lassen zu reißen – insofern es Mama und Baby natürlich gut geht. Oft ist ein Riss nämlich viel weniger dramatisch (und muss gar nicht erst genäht werden) oder kommt wider Erwarten gar nicht erst zustande.

Und die (traurige) Moral von der Geschichte: Sexismus macht leider auch vor dem Kreißsaal nicht Halt. Das heißt keineswegs, dass Frau jetzt mehr Angst haben muss vor der Entbindung in einem Krankenhaus, sondern lediglich, dass sie ihr Recht auf Selbstbestimmung nicht am Eingang abgeben soll. Alles, was da passiert obliegt ihrer Entscheidung. Mit der richtigen Vorbereitung, der richtigen Aufklärung und dem richtigen Team aus Partner, Hebamme und Doula wird eine Geburt dann hoffentlich zu einem der schönsten und bestärkendsten Erlebnisse und kommt ganz ohne diese unliebsamen Schlagzeilen aus.

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