Indien: Todesstrafe für Gruppenvergewaltiger soll vollstreckt werden

Die Wut auf der Straße ist groß. Immer wieder kommt es zu Demonstrationen gegen Gewalt gegen Frauen, wie hier in Dehli im vergangenen Dezember. (Bild: REUTERS/Adnan Abidi)

Nach der brutalen Vergewaltigung einer 23-jährigen Inderin vor sieben Jahren soll nun das Todesurteil gegen vier der Täter vollstreckt werden. Doch Gewalt gegen Frauen bleibt ein zentrales Thema der indischen Gesellschaft.

Es war ein Fall, der nicht nur in Indien sondern auf der ganzen Welt Menschen bewegte. Die Vergewaltigung der 23-jährigen Physiotherapeutin durch sechs Männer im Dezember 2012 war derart brutal, dass die junge Frau an den Folgen des Übergriffs ums Leben kam. Das Verbrechen löste eine Welle von Protesten aus und wurde zum Symbol für die anhaltende sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Indien. Nun, sieben Jahre später, sollen die Männer, die die Tat begangen haben, gehängt werden.

Da es in Indien verboten ist, den Namen von vergewaltigten Frauen öffentlich zu machen, erhielt die junge Frau von den Medien den Namen Nirbhaya, er bedeutet “die Furchtlose” in Hindi. Sie war mit einem Freund auf dem Heimweg von einem Kinobesuch in Delhi gewesen, als sie auf der Suche nach einer Fahrgelegenheit von den Männern in einen Bus gelockt wurden. Die Täter schlugen den Begleiter bewusstlos und fielen über die junge Frau her. Nach dem stundenlangen Martyrium, das sie in dem Bus durch die sechs Täter erlitten hatte, kämpfte sie im Krankenhaus um ihr Leben, bevor sie eine Woche nach der Tat an den schweren inneren Verletzungen starb.

Sieben Jahre Tränen

Bereits im September 2013 wurden die Angeklagten zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung des Urteils ist nun für den 1. Februar geplant. Die Verurteilten haben über ihre Anwälte Petitionen eingereicht, um letzte rechtliche Möglichkeiten auszuschöpfen. Deshalb könnte die Hinrichtung noch einmal nach hinten verschoben werden. Viele Beobachter im ganzen Land aber besonders die Familie der “Furchtlosen” sehnen sich nach Gerechtigkeit. Ob diese durch eine Hinrichtung erfüllt werden kann, ist unsicher. Vor allem, dass sich das Verfahren so lange hingezogen hat, belastet die Angehörigen schwer. Asha Devi, die Mutter, wünscht sich ein Ende des Prozesses herbei. Sie habe sieben Jahre lang Blut geweint, sagte sie in einem Interview mit dem TV-Sender NDTV. “Nun bin ich wie ein Stein und fühle nichts.” Auch der Vater, Badri Singh, hofft, dass das Urteil bald vollstreckt wird. Ihm ist die Botschaft an die ganze indische Gesellschaft wichtig: "dass niemand mit einem so schlimmen Verbrechen davonkommt".

Der indische Staat versucht, durch das harte Urteil ein Exempel zu statuieren. Der öffentliche Zorn ist gewaltig, die Empörung war groß, als der jüngste der sechs Angeklagten nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wurde und nach drei Jahren in Haft wieder freigelassen wurde. Aufgrund dieses Falles wurde sogar das indische Strafrecht geändert, so dass nun bereits 16-jährige Täter bei schweren Gewalttaten nach Erwachsenenrecht verurteilt werden können. Ein weiterer Angeklagter nahm sich im Gefängnis das Leben und konnte nicht mehr verurteilt werden.

In Trainingcamps lernen indische Mädchen und Frauen Selbstverteidigung gegen Vergewaltiger, wie hier in Kalkutta. (Bild: REUTERS/Rupak De Chowdhuri)

Menschenrechtler glauben indes nicht an die abschreckende Wirkung von Todesurteilen. Das Problem beginne schon viel weiter unten in der Justizkette. Meist männliche Polizisten nehmen Frauen nach wie vor oft nicht ernst, wenn sie sich an die Polizei wenden. Oft werden die Opfer selbst stigmatisiert, vor allem in den traditionelleren Teilen des Landes.

Etwa 117.000 Vergewaltigungsfälle sollen derzeit landesweit in Bearbeitung sein, die Verfahren können bis zu zwölf Jahre dauern. Die Justiz kommt nicht hinterher - oder will es nicht. Große Teile der indischen Gesellschaft verharren nach wie vor in sehr strikten patriarchalischen Strukturen, der Schutz von Frauen und hat kaum Priorität. Es ist auch der Versuch einer Erklärung, warum es immer wieder zu solch extremer Gewalt gegen Frauen kommt.

Es ist wenig erstaunlich, dass es immer wieder zu Fällen von Selbstjustiz kommt. In Hyderabad erschoss die Polizei einen mutmaßlichen Vergewaltiger kurzerhand, um dem Zorn der Straße zu genügen. Doch es tut sich etwas in der Gesellschaft. Immer mehr indische Frauen wagen es, über das Stigma zu sprechen und tragen ihren Protest auf die Straße. Es kommen mehr Fälle zur Anzeige, als noch vor ein paar Jahren und die Frauen fordern die Politik zum Handeln auf. Inzwischen schließen sich auch immer mehr indische Männer den Demonstrationen an.

Bisher gibt es allerdings noch keinen merklichen Rückgang von Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen. Ob die Hinrichtung der vier verbleibenden Täter sieben Jahre nach dem Tod der 23-jährigen nun ein Zeichen setzen kann, bleibt mehr als fraglich.

VIDEO: Demonstranten fordern entschiedenere Maßnahmen gegen Vergewaltigungen