Wie eine Insel die Zeit abschafft

Eine der täglich am häufigsten gestellten Fragen – die Ihnen vermutlich sogar gestellt wird, während Sie dies lesen – lautet: "Wie spät ist es?" Auf einer kleinen Insel im nördlichen Norwegen kommt jetzt allerdings die Gegenfrage: Wen interessiert es?

Sommarøy ist eine Insel in West Tromsø, etwa 321 km nördlich des Polarkreises mit rund 300 Einwohnern. Der Name bedeutet "Sommerinsel", eine passende Bezeichnung, da hier im Sommer fast zwei Monate lang, genauer gesagt 69 Tage, durchgehend die Sonne scheint. Ein Traum für alle, die sich schon immer gewünscht haben, dass diese wunderschönen, langen Tage niemals enden mögen.

Gerade rechtzeitig zur Sommersonnenwende am 21. Juni 2019 beschloss diese kleine Insel, genau das offiziell zu machen, was die Inselbewohner sowieso schon seit Jahren so leben: Sie schafften die Zeit ab und machten die Insel zur ersten zeitlosen Zone der Welt.

Während sich für uns jetzt hunderte logistische Fragen stellen, wie so eine zeitlose Gesellschaft funktionieren soll, machen sich die Bewohner von Sommarøy darüber keine großen Sorgen. Auf der Facebook-Seite der Insel, Time-Free Zone, wird eine berechtigte Frage gestellt: "Warum brauchen wir Zeit und Uhren, wenn es keine Nacht gibt?"

Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist die Philosophie, die durch die extremen solaren Gegebenheiten auf der Insel entstand, vielleicht sogar genau das Gegengewicht, das wir in unserer von Uhren bestimmten Welt, in der alles nach Plan laufen muss und wir ständig auf unsere Handys gucken, um zu Zeit zu kontrollieren, brauchen. Denn wer will das eigentlich alles.

Ein Grund, warum die Inselbewohner das Beste aus dem Sommer machen wollen, ist auch, dass sie in den Wintermonaten das genaue Gegenteil ertragen müssen: Zwischen November und Januar geht die Sonne gar nicht auf. Sie wollen sich nicht an traditionelle Öffnungszeiten halten müssen und ihren Bewohnern sowohl in der Schule als auch während der Arbeitszeit Flexibilität bieten. Organisator der "Time-Free"-Kampagne Kjell Ove Hveding sprach mit dem norwegischen Sender NRK über den Anstieg von Stress und Depressionen in Städten rund um den Globus. In vielen Fällen läge dies an einem Gefühl, gefangen zu sein. Ein Gefühl, bei dem auch Uhren eine Rolle spielen würden.

In dem die Insel die Zeit abschafft, hofft dieses alte Fischerdorf, den Menschen einen Ort zu bieten, an dem sie ihr Leben in vollen Zügen genießen können, genau so, wie sie wollen. "Wenn jemand um vier Uhr morgens den Rasen mähen will, soll er das tun." Hveding berichtet, dass es vollkommen normal sei, mitten in der Nacht Kinder Fußball spielen oder schwimmen gehen zu sehen, oder sich zu einem Kaffee am Strand zu treffen, zu Zeiten die "Stadtmenschen 2 Uhr nachts nennen würden".

Es werden natürlich nicht alle Regeln über Bord geworfen. Die Initiative will sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche immer noch zur Schule müssen. Aber es soll alles flexibler gestaltet sein. Auch den Arbeitern soll es helfen. Da die lokalen Fischer oft den ganzen Tag auf dem Meer verbringen, ohne auch nur einmal auf die Uhr zu schauen, würde eine offizielle Bestätigung hauptsächlich dazu dienen, die Freizeit der Arbeiter anzuerkennen.

Die Kampagne hat schon jede Menge öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Der Tourismus boomt. Die skurrile Anziehungskraft einer zeitlosen, nordischen Insel und eines endlosen Sommers zieht Besucher an, die neugierig sind, wie sich ein Leben ohne Zeit anfühlt. Die Bereitschaft, am Lebensstil teilzunehmen, liegt wohl an der allgemeinen Erschöpfung und dem Unwillen, sich von Zeit, Plänen und Deadlines stressen zu lassen. Auch aus diesem Grund will das skurrile, kleine Dorf seinen Ruf als Ort, das die Zeit vergaß, beibehalten.