Interview: Oma Kiki, wer sind die „Omas gegen Rechts“?

Oma Kiki von den "Omas gegen Rechts" (Bild: Jan Rübel)

Eine neue Bewegung stellt sich gegen rechte Tendenzen in Deutschland. Sie demonstrieren und halten Mahnwachen – die „Omas gegen Rechts“, eine Gruppe von Seniorinnen. Was steckt dahinter? Yahoo Nachrichten hat mit einem Mitglied der Gruppe exklusiv gesprochen.

Ein Interview von Jan Rübel

Ein Seniorenheim in Ostdeutschland, Filterkaffee duftet von der Kantine heraus auf die Terrasse. Es ist 8:30 Uhr. Eine Frau rückt ihre Perücke zurecht, für das Gespräch heißt sie Oma Kiki. Sie möchte anonym bleiben.

Warum machen Sie bei den „Omas gegen Rechts“ mit?

Oma Kiki: Wir Älteren können unsere Erfahrungen mitteilen, wir haben ja einiges im Gepäck. In meinem Freundeskreis merke ich, dass über die jeweilige Familiengeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus niemand spricht. Das wird ausgeklammert. Nun aber kommen Leute wie Björn Höcke hoch, und eine Partei, die mich sehr an diese schlimme Zeit denken lässt. Das macht mir Angst.

Es wird zu wenig geredet?

Oma Kiki: Wir diskutieren viel über Tagespolitik, aber kaum in die Tiefe gehend – und so machen wir uns nicht klar, woher wir kommen. Das ist ein Teil des Rechtsproblems.

Waren Sie schon früher politisch aktiv?

Oma Kiki: Die letzten Jahrzehnte nicht. Ich habe meine Kinder großgezogen, bin Großmutter.

Muss man Oma sein, um bei den „Omas gegen Rechts“ mitzumachen?

Oma Kiki: Nein, Opas nehmen wir auch, aber das sind wenige. Und Enkelkinder sind kein Aufnahmekriterium – es geht uns um unsere Lebenserfahrung, die wir teilen wollen. Außerdem gilt die Bürgerpflicht auch für uns Ältere. Daher gehen wir überall auf die Straße, wo wir denken gegen Rechtspopulismus einstehen müssen. Und für Frauenrechte und Minderheitenrechte.

Das ist ja ein Engagement, mit dem viele nicht unbedingt rechnen.

Oma Kiki: Tja, ältere Frauen werden an den Rand gedrückt, sind im öffentlichen Bild unsichtbar. Dabei übernehmen wir mehr Verantwortung als zum Beispiel alte Männer: Im ehrenamtlichen Bereich finden Sie deutlich mehr Seniorinnen. Als „Omas gegen Rechts“ zeigen wir nun Gesicht.

Sie bleiben für das Interview indes anonym.

Oma Kiki: Um mich zu schützen. Ich lebe in Ostdeutschland, und meine Wohngegend gilt in den Augen von Nazis als „National Befreite Zone“, die sind in meiner Nachbarschaft nicht schwach. Da will ich zwar gegenhalten, aber Angst machen die mir schon. Ich bin abends unterwegs, auch alleine – und das möchte ich mir nicht nehmen lassen. Zweimal bin ich an der Straßenbahnhaltestelle aufgefordert worden, den Hitlergruß zu zeigen. Von Rotzlöffeln, vielleicht 30 Jahre alt und angetrunken. Jedes Mal hatte ich Glück, weil sofort die Straßenbahn kam und ich einsteigen konnte.

Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Oma Kiki: Ich hatte eine Schere im Kopf. Konnte nicht reagieren. In solchen Situationen kann ich nicht denken, muss dann Impulsen folgen wie in die Straßenbahn zu steigen…

…das geht sicher vielen so.

Oma Kiki: Ja, mein Atem schlug Purzelbäume, das ging mir unter die Haut. Dass es jetzt mit der AfD eine Partei gibt, die solch ein Gedankengut aufsaugt oder dem ganz bestimmt nichts entgegenstellt, macht mir große Sorge. Ich kenne das doch noch aus meiner Familie.

Als "Omas Gegen Rechts" gehen engagierte Bürgerinnen in diversen Städten auf die Straße, um zu demonstrieren - so wie auch hier im österreichischen Wien. (Bild: Thomas Kronsteiner/Getty Images)

Erzählen Sie Ihren Kindern davon?

Oma Kiki: Viel, und für meinen Enkel gestalte ich ein Buch „Oma, erzähl mal“ – damit er meine und seine Familiengeschichte kennenlernt. Und vielleicht gibt es ja noch andere Enkel, da habe ich große Hoffnung. Aber das kann man ja nicht beschleunigen…

…es könnte Gegeneffekte geben…

Oma Kiki: …genau daran denke ich! Und jede Generation will ihre eigenen Erfahrungen sammeln, die will auch beim Fehlermachen nicht gestört werden. Da habe ich mich als Mutter und Großmutter zurückzuhalten – wegen der Gegeneffekte. Ich wollte früher ja auch meine eigenen Fehler machen.

Und was schreiben Sie in dieses Buch hinein?

Oma Kiki: Das ist ein Intimbereich für meine Enkel und möchte ich Ihnen nicht erzählen. Das wäre im Internet für ewig so festgezurrt – lieber rede ich darüber mit meinen Verwandten, oder mit Schülern, also von Angesicht zu Angesicht. Das ist für mich weniger intim.

Könnten Sie es vielleicht kurz umreißen?

Oma Kiki: Hm, nun gut. Ein bisschen. Ich komme aus einer ländlichen Familie. Ein Opa war Halbwaise und ruinierte sich als Knecht früh den Rücken, der andere war Bergmann und rasch lungenkrank. Dessen Sohn, mein Vater, war Jahrgang 1922 und meldete sich mit 17 freiwillig zur Waffen-SS. Meine Großeltern wollten das überhaupt nicht, machten ein Fass auf – aber jede Generation will ihre eigenen Fehler machen. Er kämpfte dann in der 6. Gebirgsdivision Nord … ich möchte nicht weitererzählen, mein Vater war ein guter Vater… (sie zögert einen langen Moment) … ich könnte Ihnen viel, viel mehr erzählen, aber es ist intim. Diese Geschichte hat mich mein Leben lang begleitet.

Dann lassen wir das so stehen.

Oma Kiki: Ich könnte das in einem freiwilligen Rahmen, halt mit Jugendlichen. Denen würde ich gern etwas mitgeben. (Sie stockt wieder.) Ich heule gleich. Wie soll ich das sagen? Es hat mich sehr geprägt. Mein Vater hat sich stets an seinen Eid gebunden gefühlt. Nie wieder organisierte er sich in einer politischen Partei, auch meine Mutter nicht. Er hat sich davor gehütet zu verraten, was er als junger Mann gelernt hatte. Er starb mit 93 Jahren. Und noch zwei, drei Stunden vor seinem Tod sagte er: „Meine Ehre heißt Treue.“ Ganz deutlich. Ich wusste, dass es so war, auch vorher. Dass er nicht abschwört. Das prägte und verstörte mich. Ich wollte das alles nicht.

Was?

Oma Kiki: Na, was er gemacht hatte. Er war in Norwegen gewesen, und in Finnland. Die haben alles zerstört, abgebrannt und die Brücken gesprengt. Für mich ist daraus ein „Nie wieder“ erwachsen. Die Demokratie ist das Beste, was wir haben können. Dass wir eine breite Diskussionskultur haben, ist eine große Stärke. Nur finde ich es unerträglich, wie im Netz bei den Debatten in den Sozialen Medien Anstand und Benimm so wenig zählen.

Warum wird da so viel gepoltert?

Oma Kiki: Es geschieht aus dem Schutz der Anonymität heraus. Die nehme ich im Gespräch mit Ihnen ja auch in Anspruch, aber ich reiße mich zusammen, poltere nicht. Natürlich weiß ich, dass ich als Anonyme mehr Möglichkeiten habe Dreck zu erzählen.

Sehen Sie den Rechtsstaat in Deutschland fest verankert?

Oma Kiki: So solide finde ich den nicht. Es gibt da einen Untertanengeist, der ist immer noch da. Wer Macht ausüben will, braucht die Bereitschaft anderer zu Gehorsam. Von ihnen gibt es noch manche.

Was gibt Ihnen das Engagement bei den „Omas gegen Rechts“?

Oma Kiki: Nähe. Ich fühle mich dann verbunden. Ich lebe allein, und da ist es ein gutes Gefühl mit Anderen ähnliche Schwingen zu erleben. Das geht auch in der Natur, oder mit Tieren – und mit den „Omas gegen Rechts“.