Was ist dran am verwöhnten Einzelkind?

Antonia Wallner
Freie Autorin

Einzelkinder sind verwöhnte Egoisten. Denn schließlich mussten sie nie mit Geschwistern teilen und waren stets der behütete Augapfel ihrer Eltern. Studien zeigen: Dieses Klischee ist tief in unseren Köpfen verankert.

Einzelkinder gelten als verwöhnt und egoistisch. Aber stimmt das wirklich? (Symbolbild: Getty Images)

Kaum ein Klischee ist so weit verbreitet, wie das des Einzelkindes. Wer ohne Geschwister aufwächst, kann ja gar keine sozialen Kompetenzen entwickeln. Die Folge: Wer zugibt, ein Einzelkind zu sein, riskiert oft schiefe Blicke und blöde Kommentare. In Zeiten von überbesorgten Helikopter-Eltern hat das Thema Einzelkind ganz neue Dimensionen entwickelt. Denn heute wächst die Zahl mit Ein-Kind-Familien vor allem in den Städten.

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Wohnungsmangel und steigende Lebenshaltungskosten lassen den Paaren oft gar keine andere Wahl. Im Gegensatz zu früheren Zeiten. Da war das Einzelkind eher die Ausnahme. Das wir dennoch eine negative Sicht auf Einzelkinder haben, geht zurück auf einen Psychologen aus dem 19. Jahrhundert.

Einzelkinder sind krankhaft: Mit Stanley Hall fing alles an

Im Jahr 1895 veröffentlichte der anerkannte Kinderpsychologe Stanley Hall eine Studie mit Einzelkindern. Darin erklärt er, dass es Großfamilien mit der Erziehung mehrere Kinder einfacher hätten. 10 Jahre später ging er noch einen Schritt weiter und behauptete, Einzelkind zu sein, sei krankhaft. Diese Vorstellung ist bis heute in den Köpfen der Menschen verankert, wenn auch abgeschwächt.

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Zahlreiche weitere Studien befassten sich seit Hall mit dem Thema Einzelkind und widerlegten seine Thesen. Mitunter kamen sie sogar zum gegenteiligen Schluss, wie etwa die Soziologin Judith Blake. Sie erkannte in ihrer Studie von 1989, dass Einzelkinder sogar höhere soziale Kompetenzen hatten, weil die Motivation größer war, neue Bekanntschaften zu schließen. In China, dem Land der jahrelangen Ein-Kind-Politik, wurde 2017 in einer Studie festgestellt, dass die Toleranzschwelle bei Einzelkindern etwas geringer sei. Ein Hinweis darauf, dass wiederum der Egoismus bei Geschwistermangel größer sei.

Unterschiede sind nur minimal

Was auch immer die Forscher in ihren Studien feststellen, die Unterschiede zwischen Einzelkindern und Geschwisterkindern sind, wenn überhaupt, minimal. Wer keine Brüder und Schwestern hat, knüpft seine sozialen Kontakte stattdessen in Kita und Kindergarten. Egoismus ist nicht ausschließlich Einzelkindern vorbehalten. Und auch wenn es schön ist, als Kind Geschwister zum Spielen zu haben – Kämpfe und Streit gehören da auch immer dazu.

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