Ist eine „Bikinifigur“ feministisch?

Sind Emily Ratajkowskis Bikinifotos eine Form des Feminismus? (Bild: Emily Ratajkowski via Instagram)

Am Mittwoch veröffentlichte Model, Schauspielerin und politische Aktivistin Emily Ratajkowski ein Instagram-Foto, auf dem sie ohne Oberteil – nur mit Juwelen bedeckt – posiert und dabei direkt in die Kamera blickt. Der Text: „Cannes“. Der Post an sich war zweifellos ein Erfolg.

Doch das Foto ist außerdem ein möglicherweise problematisches feministisches Statement, was vermutlich der Grund war, weswegen es Ratajkowski wieder löschte.

Die Fotoserie, die Ratajkowski auf Instagram postet und die sie in einem roten Bikini auf einer Yacht an der französischen Riviera zeigt, scheint Teil einer Kampagne zu sein, die Feminismus erklärt. In ihrem gepinntem Tweet auf Twitter schreibt sie: „Frauen, die bestimmen, wann und wie sie ihre Sexualität und ihren Körper teilen.“

Doch die unverblümt sexuelle Pose wirkt, als wäre sie explizit für das männliche Auge gemacht und scheint die strengen Normen zu stützen, die schon lange mit der Darstellung der weiblichen Identität und der weiblichen Sexualität assoziiert werden und die nicht in der Stärkung der Frau begründet liegen, sondern auf dem, was Männer wollen.


Frauen, die bestimmen, wann und wie sie ihre Sexualität und ihren Körper teilen.

Lizzie Crocker von The Daily Beast schrieb etwa: „Es ist leicht erkennbar, weshalb viele stolze Feministinnen Ratajkowskis Argument als widersprüchlich kritisieren. Sie will das Patriarchat stürzen und die Unterdrückung des weiblichen Körpers bekämpfen, während sie Profit mit dem Verkauf ihres eigenen Körpers macht, der, wie ich hinzufügen möchte, aussieht wie die sexuelle Fantasie eines Teenagers – das Sanduhr-förmige westliche Ideal.“

Crocker schrieb weiter: „Es wird einige Zeit dauern, bis die Gesellschaft sich an Ratajkowskis Traum gewöhnt, für ihre Schauspielerei und ihre politischen Ambitionen ebenso bekannt zu sein wie für ihren Körper. Bis dahin wären ihre feministischen Statements überzeugender, wenn sie zugeben würde, dass sie nicht immer im Einklang mit dem sexy Image stehen, das sie verkauft.“


Wie Juliet A. Williams, Professorin für Gender Studies und Vorsitzende des interdisziplinären Programms für Sozialwissenschaften der University of California-Los Angeles, Yahoo Beauty erzählte, zeigt bereits das Aufwerfen der Frage, ob ein Bikini Body feministisch ist oder nicht, das Problem, „wie schnell Reize wie diese Fotos damit enden, dass man mit dem Finger zeigt [und] ‚Du bist eine Feministin’ und ‚Du bist keine Feminisitin’ ruft.“

„Das ist wirklich ein negativer Kreislauf“, sagt Williams. „Es wird ein Spektakel daraus, bei dem Frauen aufeinander losgehen.“

Anschließend argumentiert Williams: „Ich denke, es wäre schwierig, Argumente zu finden, die [Ratajkowskis Foto] als feministische Handlung erklären.”

Bestenfalls könne eine mögliche feministische Interpretation von Ratajkowskis Bildern – die Körper und Sexualität scheinbar positiv sehen – in der Anerkennung liegen, dass wir in einer Kultur leben, in der Body-Shaming allgegenwärtig ist und wo die meisten Frauen das Gefühl haben, ihre Körper seien entweder nicht gut genug oder etwas, für das sie sich aus irgendeinem Grund schämen müssten. Daher ist „Selbstbewusstsein zu haben eine Leistung und ein sehr seltenes Erlebnis“, sagt Williams – was der Grund ist, warum man Ratajkowskis Fotos als feministisch sehen könnte, da sie sich dem kulturellen Instinkt entgegenstellen, Frauen für ihren Körper schlecht zu machen.

„Aber ich würde sagen, dass es eine ziemlich reaktionäre Form des Feminismus ist, in einer Kultur, die möchte, dass ich mich für meinen Körper schäme, zu sagen, dass ich es nicht tue“, sagt Williams. „Es ist auch deshalb problematisch, weil die Tatsache, dass es in unserer Gesellschaft eine Kultur des Body Shaming gibt, nicht bedeutet, dass es nicht auch die extreme Notwendigkeit gibt, dass Frauen übertrieben freizügig und ,sexy’ sind. Sexismus wird durch beides bestärkt, also müssen wir etwas differenzierter sein, wenn wir eine feministische Reaktion wollen.“


Laut Williams könne die Aussage, dass man selbst gerne Sexualobjekt ist, zwar ein starkes Statement sein, doch es besteht das Risiko, „zu übersehen, dass die Sexualisierung für zu viele Frauen viel zu lange nicht freiwillig geschah.“

„Das Problematische an diesem Foto ist, dass einige Frauen es zwar ansehen und denken: ‚Ich bin so inspiriert durch das Bild einer Frau, die deutlich zeigt, wie stolz sie auf ihren Körper ist’ – aber andere, Frauen und Männer, die ihre Zeit auf Porno-Webseiten oder mit anderen Aktivitäten, die Frauen degradieren, verbringen, werden davon ebenso begeistert sein“, erklärt Williams. „Wie kann man Stolz über seinen Körper zeigen, wenn man gleichzeitig all die Gründe zeigt, aus denen Frauen mit dem ständigen Zwang kämpfen, sexy sein zu müssen? Wenn man nicht auch das in Frage stellt, ist es als feministische Geste unvollständig. Das bedeutet nicht, dass man die ganze Sache verurteilen muss, aber unter Frauen muss man zugeben, dass sie nicht für beide Seiten gleich schön ist.

Oder, um es prägnanter zu formulieren: „Beim Feminismus geht es nicht einfach nur um ‚Ich liebe mich!’“, sondern es geht um uns alle.“

Williams hofft, dass jüngere Frauengenerationen, die im Schatten des Second-Wave Feminism aufwuchsen, einen Feminismus leben werden, der nicht nur ihre individuellen Erfahrungen betrifft, sondern auch andere Frauen anspricht, die mit vielfältigen Herausforderungen kämpfen, die über den Körper hinausgehen.

„Wenn Sie Emily Ratajkowski sind, können Sie nicht aufhören mit dem: ‚Ich fühle mich großartig, weil ich so gut aussehe und ich will das mit der Welt teilen’“, so Williams. „Diese Gefühle stehen Ihnen zu, aber Sie müssen sich fragen: ‚Wenn ich dieses Foto veröffentliche – wie werde ich mich dann fühlen? Tja, ich werde mich großartig fühlen. Aber welche Wirkung wird es haben?’ Es wird die Wirkung haben zu bekräftigen, dass Frauen für die meisten Männer und Frauen gut aussehen müssen, um geschätzt zu werden. Und aufgrund dieser Schlüsse könnten Sie sagen: ,Okay, ich werde trotzdem weiter so aussehen und in meinem Bikini herumstolzieren, aber ich werde es nicht auf Instagram teilen.’ Man kann eine Möglichkeit finden, stark zu sein und nicht wegen des Körpers verurteilt oder beleidigt zu werden und trotzdem eine Verantwortung für die Wirkung zu übernehmen, die das auf andere Frauen hat.“

Williams warnt auch vor der Schaffung eines bestimmten Bildes, dem eine Frau (oder eine andere Person) entsprechen muss, um Feministin genannt zu werden. Schließlich würde das der Grundidee des Feminismus widersprechen, die Williams wie folgt definiert: „Eine soziale Vision, die sich der Idee verschrieben hat, dass jeder, unabhängig von Geschlecht oder Gender, geliebt werden sollte und die Gelegenheit verdient, sich zu entfalten – mit einem speziellen Fokus auf die sich hartnäckig haltenden Ungleichheiten, die mit Geschlecht und Gender verknüpft sind.“

Williams fügt hinzu, „dass es unzählige kreative Möglichkeiten gibt, unglaublich heiß zu sein und trotzdem Frauen zu bestärken.“ Als ultimatives Beispiel verweist sie auf Beyoncé.

„Sie postet auf Instagram nicht nur Fotos von ihrem Luxusleben und sieht dabei fantastisch aus“, sagt Williams über Beyoncé. „Sie ist eine unglaubliche Künstlerin. Lemonade bricht einen großen Teil des ganzen Konzepts über weibliche Urheberschaft und Agenturen auf. Und Beyoncé äußert ihr Verständnis des Wortes „Feministin“ sehr laut, um [die Wahrscheinlichkeit] wirklich zu minimieren, dass ihre Fotos zweckwidrig verwendet werden. Und das ist etwas ganz anderes, als einfach nur Fotos auf Instagram zu posten, auf denen man gut aussieht und liebt, dass man gut aussieht. Das ist nicht überlegt genug.“

Was nicht heißen soll, dass es die Aufgabe des Feminismus ist, aufzuzeigen, welche Handlungen feministisch sind und welche nicht – besonders, wenn es um das weibliche Verständnis des eigenen Körpers geht. Laut Williams ist für Frauen ein essentieller erster Schritt die Erkenntnis, dass das Unvermögen, sich selbst und den eigenen Körper zu lieben – diese fehlende Akzeptanz also –, in einer „zutiefst frauenfeindlichen und Frauen kontrollierenden Gesellschaft“ liegt.

Doch die Arbeit hört hier nicht auf. „Man kann nicht einfach nur naiv etwas veröffentlichen und sagen: ‚Weil ich mich in meinem Körper wohl fühle, bin ich eine Feministin’“, sagt sie.

Die Arbeit, so erklärt sie, liege darin, reaktionäre Gesten zu vermeiden und stattdessen immer den Kontext suchen. Nur dann können wir gründlich und effektiv herausfinden, wie jede Handlung, sei es Selfies oder anderes, die Gleichberechtigung vorantreibt.

Jennifer Gerson Uffalussy
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