Jagen ist nicht nur Trend, sondern vor allem nachhaltig

Edith Löhle

„Früh morgens, bevor die Welt erwacht und die Hektik um sich greift, pirsche ich bedacht auf jeden Schritt durch das taunasse Gras. Die Luft ist noch kalt von der Nacht und jeder Atemzug erfrischt meine Seele. Bald wird die Sonne in prächtigen Rot-Orange-Tönen aufgehen. Ein Blick durch mein Fernglas verrät mir die Anwesenheit von Wild auf der Wiese. So leise wie möglich betrete ich die Jagdeinrichtung und lege mir mein Handwerkszeug griffbereit parat. Aus Graustufen wird langsam grün und der Himmel erhellt sich. Kurz bevor die Sonne aufgeht, hört man die ersten Vögel singen. Wind fegt durch die Bäume und die Hintergrundgeräusche der Stadt werden lauter. Schemenhafte Gestalten werden zu klaren Figuren. Und dann ein Knacken aus der Böschung am Wiesenrand. Meine Aufmerksamkeit ist geweckt.“

Wenn Jasmin Lakner von ihrer Liebe zum Jagen spricht, klingt es fast wie Poesie. Sie ist eine von 7 Prozent Frauen in der deutschen Jagd. Die Anzahl der Jägerinnen ist hierzulande so hoch wie nie zuvor. Dem Deutschen Jagdverband (DJV) zufolge machten Frauen Ende der 1980er-Jahre nur etwa ein Prozent aller Jäger*innen aus. In den Prüfungskursen sitzen heute im Schnitt 20 Prozent Frauen. Dabei sei die Jagd so facettenreich, wie die Natur schön ist, meint Lagner, „Wer kann von seinem Hobbyheute behaupten, dass es ihm so viel Seelenfrieden gibt?“

Ihre achtjährige Jagderfahrung fasst die 33-Jährige aus dem Schwarzwald in eine romantische Erzählung, die von Naturverbundenheit und Tierschutz handelt, aber auch von Tradition und Respekt, zusammen. Der Schuss an sich – das, was bei vielen auf Unverständnis stößt – sei der kleinste Teil des großen Ganzen: „Teilweise beobachtet man ein Tier über Jahre, bis es reif ist zu gehen. Es gibt also viele Tage, an denen ich entscheide den Abzug nicht zu betätigen. Wir Jäger*innen sind uns unserer Verantwortung bewusst. Wenn ich entscheide, dass die Situation perfekt ist, wird das Wild nach dem Schuss geehrt und wenn möglich komplett verarbeitet.“ Eigentlich ist das der Ehrenkodex aller Jagenden: Kein Tier soll unnötig leiden. Das Ziel ist eine Kugel hinter das Schulterblatt, die Herz und Lunge durchbohrt. Dann ist das Tier sofort tot.

„Den meisten Leuten fällt es leicht, sich eine Meinung auf Grund fehlender Informationen zu bilden. Keinen interessiert die Ausbildung und das Engagement das hinter dem Jagen steckt. Wenn man nüchtern darüber nachdenkt, sind es nicht die Waffen, die töten, sondern die Menschen selbst. Jede*r, die*der sich hinter das Steuer eines Autos setzt, hat eine Waffe unter dem Po und läuft Gefahr ein*e potentielle*r Mörder*in zu sein. In unserer Gesellschaft ist allerdings das Autofahren weit anerkannter als die Ausübung der Jagd“, sagt Jasmin. „Viele Kritiker*innen gehen nach ihren Anschuldigungen in den Supermarkt und kaufen mit reinem Gewissen billiges Fleisch aus Massentierhaltung. Als Jägerin ehre und schütze ich Natur und Tiere“. Bei aller Kritik wird das Jagen trotzdem wieder beliebter. Fast 384.000 Deutsche besitzen einen Jagdschein, Tendenz steigend.

Aber woran liegt es, dass sich endlich auch mehr Frauen ins Jagdgehege trauen? Zum einen leben wir in einer schnelllebigen, digitalen Zeit, die Sehnsucht nach Natur und Ursprung hervorbringt. Angesichts ständiger Erreichbarkeit und Reizüberflutung erscheint ein Hobby in der Natur immer attraktiver. Und für viele – das bestätigt auch Jasmin – ist der Grund für einen Jagdschein heute die Ernährungsfrage: Wenn schon Fleisch essen, dann wollen viele zumindest wissen, wo das Fleisch herkommt. Das Augenmerk liegt auf lokalen Bezugsquellen und antibiotikafreien Lebensmitteln, also wieso nicht selbst für sein Essen sorgen. Mehr Bio geht nicht!

Ein Jagdschein kostet etwa 1.500 Euro und beinhaltet mindestens 100 Theoriestunden. Schwerpunkte sind Wildbiologie, Tier- und Waffenkunde, Hundewesen, Wildkrankheiten und Fleischhygiene. Dazu kommen Schießübungen, die Arbeit mit Hunden und Waldbesuche.

Wer sich das leisten kann und die Prüfung geschafft hat, findet sich in einer Männerdomäne wieder. „Ich behaupte nicht, dass es leicht ist sich in den Kreisen zu bewegen. Noch heute nach 8 Jahren Jagdausübung, werde ich auf Grund meiner zierlichen Figur und meiner blonden Haare nicht ernst genommen. So meinte mal ein Treiber (Ü50) zu mir: ‚Na du bist ja ‘ne Süße, komm dich nehme ich an der Hand und wir laufen zusammen durch den Wald’.“ Sie erzählt nicht nur von den ständigen Herrenwitzen, sondern auch von Nacktbildern in Jagdhütten. „Man braucht als Frau ein starkes Fell und muss sich mehr beweisen. Am besten kontert man mit seinen Jagdfähigkeiten. Beim Schüsseltreiben stellte sich heraus, dass ich mit meinem erlegten Wild Schützenkönigin der Jagd wurde. Das hat mehr gebracht als die Diskussion mit anzüglichen Männern.“

Waidfrausheil? Dauert noch!

Nicht nur Sexismus ist laut Jasmin ein fortwährendes Problem – auch der Markt nimmt die Frauen mit Gewehr noch nicht ganz ernst: „Ich freue mich darüber, dass wir Frauen nun endlich eine Nachfrage generiert haben, die den Markt für Damenartikel für die Jagd eröffnet hat. Aber enttäuscht bin ich über die Herangehensweise: Damen-Waffen werden mit Zusätzen wie ‚Lady‘ oder sogar ‚Diva‘ betitelt. Männer-Waffen haben dagegen Funktionsbezeichnungen, ein Modell ‚Chauvinist‘ gibt es schließlich auch nicht“, so Jasmin. Auch die Frauenbekleidung sei ausbaufähig. Junge Jägerinnen wünschen sich Hüfthosen, damit sie einen Gürtel tragen können, an dem sie ihre Utensilien befestigen können, ebenso wie es die Männer tun. Der Bund von Damenjagdhosen endet oft unpraktisch über dem Bauchnabel. Seitentaschen an den Frauenhosen fehlen meist völlig. „Es gilt wohl immer noch die Devise: Frauen bei der Jagd müssen ein Hingucker für die Herrenwelt sein. Accessoires, anstatt ernst zu nehmender Jagdkolleginnen. Anstatt auf Attribute wie Funktionalität bei der Jagd und flüsterleise Stoffe, wird Wert auf vermeintlich ‚weibliche‘ Farben gelegt. Eine Jägerin soll nun pink und lila zur Jagd tragen, während Jäger bei den alt bewehrten Signaltönen bleiben.“ Trotzdem spürt sie einen positiven Wandel: Es gibt zunehmend Jägerinnenforen, Frauenstammtische und geschlechtsneutrale Jagdereignisse. Die Jagd auf Gleichberechtigung hat begonnen.

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