Nicht KI-Firmen, sondern grüne Startups räumen bei Geldgebern gerade richtig ab

Laut Pitchbook sammelten Cleantech-Startups 2023 bisher das meiste Kapital ein. 1Komma5°-Gründer Philipp Schröder zählt zu den Gewinnern. - Copyright: Sonnen GmbH / Christoph Neumann
Laut Pitchbook sammelten Cleantech-Startups 2023 bisher das meiste Kapital ein. 1Komma5°-Gründer Philipp Schröder zählt zu den Gewinnern. - Copyright: Sonnen GmbH / Christoph Neumann

Der Eindruck, trotz anhaltender Finanzierungsflaute würden nun KI-Startups von Investorengeldern überhäuft, scheint sich nicht zu bewahrheiten. Das legt zumindest ein aktueller Bericht des Datendienstleisters Pitchbook nahe, der dem Handelsblatt vorliegt. Die Statistiker haben sich angesehen, in welche Geschäftsmodelle Kapitalgeber im ersten Halbjahr 2023 investiert haben und die Summen den Vorjahreszahlen gegenübergestellt. Das Ergebnis: Die Investitionen in Künstliche Intelligenz verhalten sich recht ausgeglichen zum vergangenen Jahr, sind sogar leicht gesunken.

So flossen mit 442 Millionen Euro in der ersten Hälfte 2023 rund 18 Prozent weniger in KI-Startups als im ersten Halbjahr 2022. Da in puncto Datenschutz und bei dem Thema, wie KI-Modelle reguliert werden sollen, noch Vieles unklar ist, verhalten sich Investoren noch abwartend. Das bestätigte auch Audeering-Gründerin Dagmar Schuller im Gespräch mit Gründerszene. Sie hofft, dass Investoren künftig weniger risikoavers agieren.

Statt Künstlicher Intelligenz sammelte damit eine andere Branche bisher die meisten Investmentgelder ein. Sie adressiert ein weiteres Hype-Thema, das sich durch alle Bereiche des Lebens zieht und durch die aktuelle Regierung und den Ukraine-Krieg an Auftrieb gewonnen hat: Klimaschutz und die Förderung grüner Technologien – im Startup-Kontext mit dem Begriff Cleantech abgekürzt.

Allein im ersten Halbjahr 2023 wurde fast genauso viel Geld in Cleantechs investiert wie im gesamten vergangenen Jahr. Laut Pitchbook steckten Investoren von Januar bis Juni 2023 eine Summe von insgesamt 815 Millionen Euro in grüne Umwelt-Technologien von Startups. Auch in den Bereich Klima-Startups, die ihren Fokus speziell auf das Herausfiltern von CO2 aus der Luft legen, ist erneut viel Geld geflossen. Investoren stellten hier rund 743 Millionen Euro zur Verfügung, das entspricht mehr als 75 Prozent der Summer des Vorjahreszeitraumes.

Zu den Gewinnern zählen hier vor allem das Energie-Startup 1Komma5°, das Elektrikerbetriebe deutschlandweit aufkauft, sie modernisiert und auf einer digitalen Plattform zusammenführt. Die Idee dahinter ist, die Installation von Wärmepumpen, Ladesäulen, Solaranlagen und Stromspeichern effizienter und zu günstigeren Preisen anzubieten. Gründer Philipp Schröder sammelte im Juni 215 Millionen Euro ein und erreichte so bei einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro den Einhorn-Status. Ungebrochen scheint auch das Vertrauen, das große Investoren wie Blackrock in Mario Kohles Solar-Startup Enpal legen. Anfang Juni bekam der Gründer insgesamt 430 Millionen Euro von bestehenden und neuen Investoren, um alte Kredite abzulösen. Kredite braucht das Unternehmen, um neue Solar-Anlagen zu finanzieren, die Hausbesitzer monatlich mieten.

Neben Klima-Themen boomen Gesundheit und Wellness

Ein starkes Wachstum verzeichneten zudem Startups, die sich den Themen Gesundheit und Wellness für Endverbraucher verschrieben haben. Hier investierten Kapitalgeber von Januar bis Juni 2023 rund 650 Millionen Euro. Die Summe ist im Vergleich zum Halbjahr 2022 laut Pitchbook um fast ein Drittel gestiegen. Es geht dabei um Produkte, die auf eine gesündere Ernährung und einen nachhaltigeren Lebensstil abzielen und Konsumenten zur Prävention von Krankheiten ermuntern wollen. Überhaupt ist das Gesundheitsbewusstsein seit der Pandemie innerhalb der Bevölkerung gestiegen, wie Studien, zum Beispiel von PwC, gezeigt haben.

Davon profitieren Startups wie die Berliner Firma Aware, die professionell durchgeführte Bluttests anbietet und Endnutzern per App ermöglicht, ihre Werte im Blick zu haben. Auch Gorillas-Gründer Kagan Sümer plant seit diesem Jahr, mit seinem neuen Startup Mirror in das Bluttest-Geschäft einzusteigen. Neben der Auswertung von Blutwerten soll es dabei künftig auch um Lifestyle-Beratung gehen, wie Konsumenten etwa ihre Ernährung oder ihr Schlafverhalten verbessern können. Das Startup Clue, das für Frauen eine Menstruations-App entwickelt, hat im April zudem rund sieben Millionen Euro eingesammelt.

Negatives Wachstum: Der Finanzsektor schwächelt

Am stärksten eingebrochen sind im ersten Halbjahr 2023 laut dem Bericht die Investitionen in die Branchen Krypto, Fintech und Software-as-a-Service (SaaS). Während bis Juni 2023 nur noch 582 Millionen in Fintechs geflossen sind, war die Summe bei über zwei Milliarden im Vorjahreszeitraum fast viermal so groß. Ähnlich stark fällt der Unterschied bei den Investitionen in Software-as-a-Service-Produkte aus. Immerhin verkündete in der Branche das Kölner SaaS-Startup Sastrify im Mai noch den Abschluss einer 30-Millionen-Finanzierung. Dass die Gründer ihren Geldbeutel enger schnüren müssen, verdeutlichen auch die Massenentlassungen, die viele deutsche Fintechs, darunter Trade Republic, Solarisbank, Wefox, Moonfare und Smava in den vergangenen Monaten durchgeführt haben.