Warum Klatsch & Tratsch gut für dich ist (im Ernst)

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Bei dem folgenden Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch You’re Not Listening von Kate Murphy, das aufzeigt, wie oft wir einander nicht zuhören, und warum das von Bedeutung ist.

Während Klatsch und Tratsch – das Flüstern hinter vorgehaltener Hand auf Partys oder das schelmische Gemurmel in den Pausenräumen von Büros – oft als heimliches Vergnügen oder Laster angesehen wird, hat er eigentlich eine positive soziale Funktion. Es gibt einen Grund, warum es sich bei bis zu zwei Dritteln der Konversationen unter Erwachsenen um Klatsch handelt (definiert als eine Unterhaltung zwischen mindestens zwei Personen, die über jemanden sprechen, der in diesem Moment abwesend ist). Männer tratschen genauso viel wie Frauen und Kinder sind schon im Alter von fünf Jahren sehr geschickt in dieser Disziplin. Wir alle tratschen, weil es es uns erlaubt, zu beurteilen, wer vertrauenswürdig ist, wem wir nacheifern wollen, wie viel wir uns erlauben können und wer mögliche Verbündete oder Gegner:innen sind. Auf diese Weise trägt das Zuhören von Tratsch zu unserer Entwicklung als anständige, integre Mitglieder der Gesellschaft bei.

Wir werden durch Klatsch und Tratsch von Seiten unserer Familien, Freund:innen, Kolleg:innen, Lehrer:innen und religiösen Führungspersönlichkeiten sozialisiert. Sind Jesus-Parabeln und Buddha-Geschichten nicht schließlich auch eine Form von aufgezeichnetem Klatsch? Niederländische Forscher:innen haben herausgefunden, dass die Aufnahme von positivem Klatsch Menschen dazu veranlasst, sich ähnlich wie das Gehörte zu verhalten. Negatives Gerede hingegen bewegt sie dazu, sich wohler in ihrer eigenen Haut zu fühlen. Eine andere Studie zeigt, dass wir viel eher eine Lektion lernen, je schockierender oder ärgerlicher das Geschwätz über eine andere Person ist.

Natürlich gibt es auch die Wahrscheinlichkeit, sich bessern zu wollen, wenn du zum Gesprächsthema geworden bist. Forscher:innen der Stanford University und der University of California Berkeley fanden heraus, dass Proband:innen bereitwillig über andere tratschten, die bei einem Spiel nicht vertrauenswürdig rüberkamen, wenn sie die Gelegenheit dazu hatten. Das brachte Schummler:innen im Gegenzug dazu, fair zu spielen, um wieder bei allen gut angeschrieben zu sein. Daraus konnte der Schluss gezogen werden, dass Organisationen, die ihren Mitgliedern das Tratschen erlauben, kooperativer sind und egoistische Verhaltensweisen effektiver im Zaum halten, als solche, die das nicht tun. Das ist selbst dann der Fall, wenn das Gesagte nicht immer ganz wahr ist. Sozialpsychologie- und Wirtschaftsforscher:innen in Australien und Großbritannien arbeiteten gemeinsam an einer Studie, die zeigte, dass jede Art von Tratsch – egal, ob mehr oder weniger zutreffend – das Verlangen nach „Anständigkeit“ hervorbringt. Sie ließen Proband:innen ein Spiel spielen, das auf Vertrauen beruhte und bei dem es um die Verteilung von Belohnungen ging. Wenn die Teilnehmer:innen die Integrität ihrer Mitspieler:innen frei anzweifeln oder loben konnten, selbst wenn sie unecht war, verhielten sie sich besser und arbeiteten effizienter als diejenigen, die nicht tratschen durften. Die Forscher:innen beobachteten, dass Ungenauigkeiten am häufigsten durch den Wunsch motiviert waren, schlechte Schauspieler:innen härter zu bestrafen (Teilnehmer:innen stellten Schummler:innen manchmal schlimmer dar, als sie es tatsächlich waren). Die Einstellung, dass die Art und Weise, wie Menschen über andere reden – egal, ob wahr oder unwahr –, genauso viel oder sogar mehr über sie aussagen kann als die Menschen, über die sie reden, ist auch recht weit verbreitet.

Anstatt die Aufnahme von Klatsch und Tratsch als trivial, oberflächlich oder einfältig zu sehen, gibt es erstaunlich viele Hinweise darauf, dass es sich dabei um eine intelligente Aktivität handelt, die für die gesellschaftliche Anpassung unerlässlich ist.

Kein Wunder, dass Klatsch und Tratsch uns reflexartig dazu bringt, uns anderen anzuvertrauen und unsere Stimmen zu einem verschwörerischen Flüstern zu senken. Tratschen hat eine wichtige Funktion. Anstatt die Aufnahme von solchem Gerede als trivial, oberflächlich oder einfältig zu sehen, gibt es erstaunlich viele Hinweise darauf, dass es sich dabei um eine intelligente Aktivität handelt, die für die gesellschaftliche Anpassung unerlässlich ist. Klatschforscher:innen (von denen es mehr gibt, als du vielleicht denkst) sagen, dass das Reden über Menschen eine Erweiterung des Lernens durch Beobachtung ist, das es uns ermöglicht, von den Triumphen und Schwierigkeiten der Menschen zu lernen, die wir kennen, und sogar von denen, die wir nicht kennen.

Der britische Anthropologe und Evolutionspsychologe Robin Dunbar hat Klatsch in Verbindung mit seiner Arbeit über Freundschaft untersucht. Er teilte mir mit, dass – trotz der weit verbreiteten Ansicht, dass Tratsch meist böswillig ist – in Wahrheit in nur drei bis vier Prozent der Fälle tatsächlich böse Absichten hinter Klatsch stecken. „Gerede über andere hängt über dem Gartenzaun, sitzt auf der Treppe oder schaukelt im Schaukelstuhl“, sagte er. „Meistens geht es dabei um Schwierigkeiten, die du mit einer anderen Person hast, aber auch darum, was in deinen sozialen Kreisen los ist, und um den Status der Leute darin (wer sich mit wem zerstritten hat).“

Soziale Dynamiken ändern sich schnell und sind unglaublich kompliziert. Jede zwischenmenschliche Entscheidung und jedes Verhalten ist das Ergebnis von unzähligen Faktoren, die in einem bestimmten Moment zwischen bestimmten Personen zusammenkommen. Abhängig von einer Reihe von Variablen kann ein und dieselbe Interaktion unbedeutend sein oder völlig außer Kontrolle geraten. Der Versuch, diese komplexen Zusammenhänge zu verstehen, kann eine extreme Herausforderung darstellen, so Dunbar. Deshalb „sind wir so stark daran interessiert, so viele Beispiele wie möglich zu hören und sie zu analysieren. So wollen wir nämlich herausfinden, welche Spielregeln wir befolgen müssen, um dieses Spiel siegreich spielen zu können.“

Laut Dunbar können wir die Ursprünge von Klatsch verstehen, indem wir uns das Pflegeverhalten der Affen anschauen. Es wird angenommen, dass frühe Menschen – ähnlich wie bei den Affen – soziale Bindungen eingingen, indem sie sich gegenseitig pflegten. Das förderte das Wohlwollen untereinander, sodass zwei Personen daraufhin bereit waren, ihre Nahrung zu teilen oder sich gegenseitig zu verteidigen. Als wir Menschen uns weiterentwickelten, unsere Aktivitäten komplexer wurden und die Größe unserer Gemeinschaften wuchs, ersetzte Sprache – und insbesondere Tratsch – diese gegenseitige Pflege als Mittel, um Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten (obwohl wir immer noch jene Menschen berühren, die uns am nächsten stehen).

Der Vorteil von Klatsch und Tratsch im Vergleich mit gegenseitiger Pflege, so Dunbar, ist, dass das Reden über andere ein „effizienterer Mechanismus für den Aufbau sozialer Bindungen und für soziales Lernen“ ist. Gegenseitige Pflege ist eine Einzelaktivität, die viel Zeit in Anspruch nehmen kann (je nachdem, wie verfilzt oder verlaust das Gegenüber ist), wohingegen ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht schneller geht. Zudem können bis zu vier Personen daran teilnehmen (ein:e Sprecher:in und drei Zuhörer:innen). Bei einer höheren Anzahl neigen wir dazu, uns in kleinere Gruppen aufzuteilen. Das hast du wahrscheinlich schon mal auf großen Partys miterlebt, wo Gäst:innen automatisch verschiedene Gesprächsgruppen, die aus zwei bis vier Personen bestehen, bilden. Das erklärt vielleicht, warum wir soziale Medien so anziehend finden. Die Geschwindigkeit, mit der wir online auf Klatsch und Tratsch zugreifen können, und die schiere Menge ist mehr, als es in persönlichen Gesprächen jemals möglich wäre. Dadurch entsteht der Zwang, ständig nachzusehen, ob wir denn ja noch auf dem Laufenden sind. Natürlich können wir aber nie mit allem Schritt halten. Außerdem sinken die Qualität und der Wert der Informationen, die wir aufnehmen, bei so vielen Erzählungen und Interpretationen.

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