Kommentar: Alexander Gauland verwechselt Menschen mit Viren

Der AfD-Fraktionschef fordert dauerhafte Grenzkontrollen über die Coronakrise hinaus. Schlagbäume aber bringen auch keine Ordnung in die Welt.

Alexander Gauland von der AfD hätte gern dauerhafte Grenzkontrollen. (Bild: REUTERS/Fabian Bimmer)

Ein Kommentar von Jan Rübel

Lange nichts mehr gehört von Alexander Gauland, der Seniorchef der AfD macht sich ja auch in den Sozialen Medien rar – und die laufen gerade heiß. Die wohltuende Ruhe durchschnitt der AfD-Fraktionschef mit einer Pressemitteilung, in der er kundtat, wie er meint Morgenluft zu schnuppern.

Die Grenzen Deutschlands sind nämlich dicht, es gibt Kontrollen, wie früher. Das gefällt ihm. Er schreibt: „Die Bundesregierung bestätigt mit ihrer überfälligen Entscheidung, was wir seit der Flüchtlingskrise 2015 immer gesagt haben: Natürlich ist es möglich, die deutschen Grenzen zu kontrollieren, um die illegale Einwanderung von Ausländern zu verhindern.“

Schon gewagt, wie Gauland hier Äpfel mit Birnen vergleicht. Die Grenzkontrollen gibt es wegen einer Gesundheitsgefahr durch den Corona-Virus. Gauland aber nimmt diesen ins Handgepäck, springt zum Thema der globalen Fluchtbewegungen und packt dieses auch gleich ein. Virus = Geflohener, ist es das, was uns der Mann damit sagen will? Das raubt einem den Atem.

Corona und der Schlagbaum

Es gab im Jahr 2015 keine Grenzschließungen, weil es die Europäische Union (EU) gibt; deren Außengrenzen waren durch die vielen Konflikte, Kriege und Armutskrisen jenseits davon von einigen Menschen überwunden worden – es sind sehr wenige Menschen, denn die allermeisten, die fliehen, bleiben in der Nähe ihres Zuhause. Wir nahmen in Deutschland also Leute auf, die es in die EU geschafft hatten, es war ein selbstverständlicher Akt für jeden, der weiß, wie man das Wort Nächstenliebe schreibt.

Die Grenzen werden heute kontrolliert, weil es einen Virus gibt. Der breitet sich aus, und er wird auch vor Schlagbäumen nicht haltmachen – aber es geht darum, seine Verbreitung zu verlangsamen und einen zu starken Run zu vieler Erkrankter auf die Krankenhäuser zu verhindern. Es geht darum, dass Ärzte nicht entscheiden müssen, welchem Patienten sie die Beatmungsmaschine vorenthalten. Mit der Flucht von Menschen hat dies nichts zu tun. Daher machen die Grenzkontrollen jetzt Sinn.

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Gauland aber denkt gleich weiter. „Die Grenzkontrollen müssen daher auch nach dem Ende der Corona-Pandemie beibehalten werden, solange es keine wirksame Kontrolle der EU-Außengrenzen gibt", schreibt er. Das ist die Morgenluft, die er wittert.

Der AfD ging es schon mal besser. In der Corona-Zeit agieren viele Funktionäre hektisch, sie suchen nach Möglichkeiten immer einen neuen Aufreger draufzusetzen; es muss halt stets radikaler sein als bei den anderen, unabhängig von der Sinnhaftigkeit einer Forderung. Das wirkt in Zeiten, in denen es Ruhe und Orientierung braucht, komisch.

Gauland versucht also nach vorn zu kommen. Und er will die Gunst der Stunde nutzen. Die offenen EU-Binnengrenzen sind ihm immer ein Gräuel gewesen. Also rein ins Handgepäck. Was kommt als nächstes? Die Forderung nach einem Flugverbot für Viren?

Die vermeintliche Sicherheit

Europa braucht jetzt das, was die Italiener vormachen: Eine Solidarität nach innen und nach außen, eine Rücksichtnahme auf die Schwachen der Gesellschaft – die durch Corona riskieren ihr Leben zu verlieren. Selbstbeschränkung ist jetzt die Devise. Dafür braucht Europa auch eine einheitliche Grenzpolitik; bisher gab es leider nur die nationalen Alleingänge. Die EU-Kommission muss jetzt Führung anmelden. Und wir müssen bei aller Distanz (eineinhalb bis zwei Meter!) zusammenstehen: Dass Exporte von Masken und anderem dringend benötigten medizinischen Material aus Deutschland in die Schweiz und andere Länder behindert wurden, ist ein Skandal. So sieht Solidarität nicht aus. Gauland macht uns nur vor, ein Schlagbaum würde Ordnung bringen in eine Welt, die Corona nicht braucht, um als ungeordnet bezeichnet zu werden. Es ist alles nur Show. Corona macht all das noch transparenter.

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