Kommentar: Andreas Kalbitz ist der Wortschwurbler der AfD

AfD-Politiker Andreas Kalbitz muss mal wieder seine Biografie erklären. (Bild: Getty Images)

Der Spitzenfunktionär gibt seine eigene Biographie nur scheibchenweise zu. Was verschweigt er?

Ein Kommentar von Jan Rübel

AfD-Politiker sind mehrheitlich Mitglieder im Verein für deutliche Sprache. Meinen sie jedenfalls. Auf ihren Websites steht, dass sie Klartext reden, aussprechen, was andere sich nicht trauen, fulminante Reden halten – wie es halt ist, wenn man meint FÜR DAS Volk zu sprechen. Okay, diese Funktion ist eine selbst ernannte, aber der Anspruch besteht.

Umso mehr fällt auf, wenn sich ein Gegensatz auftut zwischen der klaren und hammerartigen Sprache gegenüber Mitmenschen und der kleinlauten, indirekten und ausweichenden gegenüber sich selbst. Bei Andreas Kalbitz ist dieser Gegensatz so groß, dass mir auf Anhieb kein Vergleich einfällt.

Der Mann ist wichtig, er ist Fraktions- und Landesvorsitzender seiner Partei in Brandenburg, starker Mann des aufgelösten nationalistischen „Flügels“. Seiner Partei schrieb er nun einen Brief, der jetzt bekannt geworden ist. In dem heißt es, dass sein Name auf einer "Interessenten- oder Kontaktliste" der mittlerweile verbotenen Organisation "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) geführt worden sein könnte. Kalbitz bezeichnet dies als "durchaus möglich und wahrscheinlich". Also: Könnte. Möglich. Wahrscheinlich. Kalbitz hätte schreiben können: Ja oder nein. Man weiß ja in der Regel, wo man Mitglied ist. Aber Kalbitz antwortet à la Facebook, es ist kompliziert. Was es nicht ist.

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HDJ war ein Verein von Neonazis. Da war nichts Heimliches, die Aktivisten vertraten die faschistische Ideologie nach innen und nach außen. Dass sich Kalbitz über viele Jahre hinweg in diesen Kreisen engagierte, ist bekannt. Nur steht er dazu nicht.

Als man ihn nach dem Besuch eines Sommerlagers der Vorgängerorganisation der HDJ befragte, antwortete Kalbitz laut „dpa“, er könne sich daran nach so vielen Jahren nicht erinnern. „Das ist Wahlkampfgetöse, fast 30 Jahre her und auch deshalb persönlich nicht rekapitulierbar.“

Da war noch was

Und als öffentlich wurde, dass da noch ein Campbesuch war, 2007 bei der HDJ, reagierte Kalbitz so: "Eine Teilnahme an dieser Veranstaltung der HDJ vor elf Jahren ist mir nicht mehr erinnerlich, aber nicht ausgeschlossen, da ich eine Vielzahl verschiedenster Veranstaltungen besucht habe." Anhänger der HDJ sei er nicht gewesen. Von Journalisten des „RBB“ mit Fotos konfrontiert, die ihn bei dem Treffen zeigten, korrigierte Kalbitz seine Aussage. "Ich war als Gast dort, mutmaßlich, um mir das mal anzuschauen. Ich sehe da kein Problem.“

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Solche Erinnerungslücken sind bei ihm keine Seltenheit. 2007 reiste Kalbitz zu einem rechtsextremen Aufmarsch nach Athen, er traf sich dort mit Neonazis, quartierte sich mit ihnen in einem Hotel ein, mitunter mit dem damaligen NPD-Parteichef Udo Voigt. Einige dieser Reisegruppe hängten vom Balkon die Hakenkreuzfahne. Was sagte Kalbitz dazu? Er bestritt eine Teilnahme an den Vorgängen rund um die Fahne. In der „nachträglichen Bewertung dieser Veranstaltung“ sei diese laut seinen Worten „nicht dazu angetan“ gewesen, sein „weiteres Interesse oder Zustimmung zu wecken“. Es klingt hinreichend zaghaft.

Dazu muss festgestellt werden: All diese Besuche und Engagements realisierte Kalbitz, als es die AfD noch nicht gab. Sein Eintritt in diese neue Partei scheint strategischer Natur gewesen zu sein; in ihr konnte er eine Karriere antreten, meinetwegen seine Überzeugungen verwirklichen, wie es die NPD zum Beispiel ihm mangels Masse nicht bieten konnte. Da störte nur seine „Vergangenheit“.

Ansonsten feste druff

Dabei weiß er Bescheid, wenn es um Andere geht. Da redet er dann seinen „Klartext“. Mal sagte er, „Masseneinwanderung“ sei „Messereinwanderung“. Da wird Sheriff Kalbitz also an der offenen Grenze gestanden und die Messer in den Hosentaschen gezählt haben, nicht wahr? Die Polizeiliche Kriminalstatistik jedenfalls unterstützt seine Behauptung nicht. Bei der Klimaaktivistin Greta Thunberg schaute er auch genau hin und beschrieb sie als „zopfgesichtiges Mondgesicht-Mädchen“. Nun, im Deutschunterricht würde man ihm diese Wortschöpfung und -wiederholung um seinen denkerstirnigen Glatzkopf hauen, aber zumindest kann er den Anspruch erheben, sich verständlich gemacht zu haben.

Warum also dieser Gegensatz? Warum reden AfD-Politiker so oft von Haltung und Würde, von der „Wahrheit“, aber Kalbitz selbst schwurbelt über sich herum, als wolle er verschweigen, dass er insgeheim vom Planeten Krypton stammt?

Man kann dieses Verhalten opportunistisch nennen. Kalbitz wollte Macht und Einfluss, also streifte er das eine Hemd ab und zog das andere an.

Die AfD und Kalbitz sollten sich entscheiden. Entweder will die Partei offen und formell rechtsextremistisch sein. Oder Kalbitz sucht sich eine Organisation für sein Engagement, die besser zu ihm passt.

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