Kommentar: Bill Gates ist die neue Corona-Hexe

Bill Gates steht im Visier von Verschwörungsliebhabern. (Bild: REUTERS/Hannah McKay)

Der Milliardär hilft im Kampf gegen die Pandemie. Verschwörungsliebhaber dagegen vermuten dabei Böses. Was ist die Grundlage ihrer Kritik?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Bill Gates muss sich gerade verrückt vorkommen. Da brennt das Haus, und der heraneilende Feuerwehrmann wird zum Brandstifter erklärt. Der zu Milliarden gekommene Microsoft-Gründer gibt eine Menge seines Geldes aus, um über die Bill & Melinda Gates Stiftung gegen Gesundheitsgefahren anzugehen. Doch genau dies wird ihm nun vorgeworfen.

In den Kommentaren unter einem Yahoo-Artikel über Gates heißt es von „Billionenprofiten“, die er damit machen wolle. Und auf der Berliner „Hygiene-Demo“ gab es Schilder mit dem Aufdruck „Gib Gates keine Chance“ – was auch solch eine verrückte Angelegenheit ist, weil sich seine Stiftung weltweit auch gegen Aids engagiert; die Immunschwächekrankheit ist ja ursprünglicher Pate dieses Spruchs („Gib Aids keine Chance“.

Tja. Die Welt ist ein wenig verrückt gerade.

Warum rückt gerade Gates in den Vordergrund von Kritik?

Zum einen kennt er sich mit Pandemien aus. Schon 2015 warnte er davor, öffentlich. Das macht anscheinend verdächtig. In gewissen Kreisen, die morgens aufstehen und nach der nächsten Kausalbeziehung suchen.

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Dann gibt es die Geschichte mit den Mikrochips, die uns allen angeblich eingepflanzt werden sollen. Die These: Erst verdient Gates über eine globale Totalimpfung gegen Corona, dann kontrolliert er uns über die Chips. Manche gehen so weit und behaupten, Corona sei von einem „seiner“ Labors entwickelt worden, um diese oben beschriebene Kette in Gang zu setzen. Klingt logisch, oder? Tut es, aber nur in der Welt einer Glaskugel von der Größe eines Kuckuckseis.

Ich bin dein Vater

Verschwörungsliebhaber wenden an dieser Stelle ein, man müsse nach dem „Qui bono“ fragen, nach dem: „Wem nützt es?“

Können wir gern machen. Würden diese Behauptungen stimmen, würde Gates dadurch Geld verdienen. Noch mehr? Er weiß ja jetzt schon nicht, wohin damit. Außerdem würde nicht er Geld verdienen, sondern seine Stiftung, in die er einzahlt und nichts rausnimmt. Und die Stiftung ist auch eher dafür bekannt, dass sie die Brieftasche weit aufmacht als dass sie diese füllt. Bleibt der Verdacht, Gates strebte nach, sagen wir der Weltherrschaft. Oder einfach nach mehr Kontrolle. Theoretisch ist das möglich. Theoretisch ist aber vieles möglich, und die Psychiatrien kennen eine Menge Leute, welche die Weltherrschaft anstreben. Sie kennen aber noch mehr Leute, die sich vor irgendeiner Weltherrschaft fürchten; übrigens gibt es keinen einzigen Hauch von Hinweis für die Überlegung, Gates habe zu viel “Star Wars” geschaut und machte nun auf Darth Vader.

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Wenden wir uns also den Ursprüngen zu. Jede Behauptung über die angeblichen Untaten von Gates in Sachen Corona kommt ohne Quellenangabe aus. Oder es sind solche: Für die angebliche Laborentwicklung von Corona wird als „Beweis“ herangezogen, dass ein von der Stiftung finanziertes Institut 2015 ein Patent mit dem Namen „Coronavirus“ anmeldete. Dabei ging es indes nicht um Sars-CoV-2, sondern um die Impfstoffentwicklung gegen ein Geflügelvirus aus der Gruppe der durchaus bekannten Coronaviren – ein gewohnter Vorgang, um das Erbgut von Erregern zu verändern und sie dadurch weniger gefährlich zu machen; so entstehen Impfstoffe.

Und bezüglich der Chips hatte Gates Anfang des Jahres die Vision von „digitalen Zertifikaten“ geäußert, welche Impfungen ausweisen. Daraus gleich eine geheime Chipproduktion zu konstruieren wäre in etwa so realitätsbezogen wie: Alexander Gauland spricht von Vogelschiss in der deutschen Geschichte und peilt damit insgeheim die Weltherrschaft der deutschen Nebelkrähe an.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Das sind die Ursprünge der Gates-Coronamärchen. Entweder sind es allgemeine Pandemie-Übungen, die als Beweis dienen sollen, oder die Zahlungen der Stiftung an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese Institution der Vereinten Nationen leistet eine wichtige Gesundheitsarbeit. Keine Ahnung, warum es schlecht sein soll, ihr Geld zu spenden.

Hinzu kommt, dass eine Fraktion der Gates-Verschwörer aus Impfgegnern besteht. Wer es suspekt findet, sein eigenes Kind gegen Masern zu impfen, wird es auch problematisch finden, dass sich die Gates-Stiftung für zahlreiche Impfungen in ärmeren Regionen stark macht.

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Gates hat vielleicht das Pech, durch seinen enormen Reichtum im öffentlichen Interesse zu stehen, und damit auch im Visier von Verschwörungsliebhabern. Reichtum schafft Macht. Und Macht schafft Ohnmacht sowie eine Menge Phantasie.

Sündenböcke gab es schon immer in der Geschichte der Menschheit. Einfache Erklärungen sind nicht lösungsorientiert, aber zuweilen betörend. Wurden vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit Frauen als vermeintliche Hexen verbrannt, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren oder zu unabhängig, oder zu schlau – so ist Gates unsere Hexe im Jahr 2020. All dies hilft nicht.

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