Kommentar: Die FDP ist wieder auf dem Weg zur Spaß-Partei

Jan Rübel
Reporter
Christian Lindner, FDP-Parteichef, fährt auch mal gern Auto. (Bild: REUTERS/Pawel Kopczynski)

Liberalen-Chef Christian Lindner vertraut auf sich und auf die Technik. Das wird lustig.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Christian Lindner zeigt Mut. Eine Äußerung, die ihm im Fernsehen entschlüpfte, fing er nicht mehr ein. Er tweetete sie sogar im Nachhinein:

"Ich will nicht verzichten und will auch nicht, dass andere verzichten müssen. Ich will durch die beste & neueste Technik erreichen, dass die Menschen frei leben und sich frei bewegen können, während wir gleichzeitig etwas für den Klimaschutz tun."

Diese Ehrlichkeit beeindruckt. Lindner will nicht verzichten, wer will das schon? Aber wer gibt es auch zu? Die soziale Ader beim FDP-Vorsitzenden erkennt man daran, dass auch andere nicht verzichten sollen. Alles wird gut, ist die Botschaft.

Und warum? Weil es eben “beste & neueste Technik” gibt. Oder geben soll. Vielleicht hat Lindner in ein paar “Perry Rhodan”-Heften geschmökert, für die Zukunft kann er sich offenbar tolle Dinge vorstellen.

Letztlich ist Lindners Tweet, den er besser kassiert hätte, eine persönliche Bankrotterklärung. Denn die Verantwortung dafür, dass alles gut wird, schiebt er jenen zu, welche die beste & neueste Technik entwickeln; ich nehme nicht an, dass sich Lindner am Wochenende in den Hobbykeller stellt. Dabei hätte ich gedacht, dass Lindner als Politiker ein klitzekleines bisschen Verantwortung auch bei der Politik sieht. Die Technik soll es richten, während Lindner nicht verzichten will, “frei leben” und sich “frei bewegen” will.

Wovon spricht der FDP-Chef eigentlich?

Nun, er ist bekannt als Porsche-Fan. Darf man ja sein. Ich zum Beispiel liebe Ketchup, das ist auch nicht jedermanns Sache. Nur bleibt die Frage, wo in Deutschland ein freies Leben oder eine freie Bewegung eingeschränkt wird. Meint Lindner die Auflagen für Asylbewerber? Will ihm jemand seinen Porsche wegnehmen? Werden in Deutschland Straßensperren eingeführt? Wegezölle oder Reisepässe nach Bundesländern ausgeteilt?

Leider gaukelt Lindner uns zweifach etwas vor. Zum einen meint er, ein wirksamer Kampf gegen den Klimawandel, der leider notwendig ist, funktioniere ohne jegliche Art von Abkehr von bisherigen Konsumgewohnheiten. So einfach ist die Nummer nicht.

Zum anderen aber illustriert der Liberale diese anzustrebenden Veränderungen, die durchaus auch einen Verzicht darstellen sollten, als Ende des “freien Lebens” oder der “freien Bewegung”. Das ist hoffnungslos vermessen. Nicht das Steinzeitalter ist auszurufen, sondern mit Hilfe von bester & neuester Technik ein Schritt nach vorn – flankiert mit Lenkungsfunktionen: Bahnfahren zum Beispiel muss eben deutlich attraktiver als das Auto sein, was keine Kampfansage gegen das Auto an sich ist; Lindner kann also beruhigt seinen Porsche aus der Garage holen.

Malen nach Zahlen

Unbeantwortet bleibt, warum er so techniknaiv und alarmiert zugleich ist. Aufschluss gibt vielleicht ein aktueller Text. Vor vier Tagen veröffentlichte Lindner einen Gastbeitrag in der “Welt”, er berichtete von seinem Besuch der Internationalen Automobilmesse (IAA). Darin orakelte er zunächst: “Ich musste damit rechnen, nahezu allein zu sein. Schließlich hatten in den Tagen zuvor die Gegner der Messe und des Autos die Medien bestimmt.” Eiderdaus – Christian allein zuhaus? Aber Lindner gab Entwarnung. “Tatsächlich war ich aber nicht der einzige Besucher: Die Zahl der Besucher in den Hallen überstieg die Zahl der Gegner vor den Hallen. Die Debatte entkoppelt sich von der Realität im Land.”

Die IAA hatte in den zehn Tagen ihrer diesjährigen Eröffnung insgesamt 560.000 Besucher. Das war zwar ein starker Rückgang – aber trotzdem eine ganze Menge; einzelne Demos erreichen höchst selten solche Dimensionen. Lindner will offenbar uns mitteilen, dass es schon eine Demonstration von IAA-Gegnern mit einer Größe von 560.001 Teilnehmern oder deutlich mehr gebraucht hätte, um eine Debatte über Autos zu rechtfertigen, wie es sie gab und gibt. Was die “Realität im Land” angeht, legt Lindner interessante Maßstäbe an. Oder hat er es nicht so mit Zahlen? Dann sollten vielleicht doch die Leute von der besten & neuesten Technik ran.