Kommentar: Die Kopftuchdebatte als Opium für das Volk

Nour Khelifi
·Freie Journalistin
·Lesedauer: 4 Min.
"Mein Schleier, meine Entscheidung" - in Frankreich gehen Muslime immer wieder gegen Diskriminerung auf die Straße, hier im Oktober 2019 in Toulouse (Bild: Alain Pitton/NurPhoto via Getty Images)
"Mein Schleier, meine Entscheidung" - in Frankreich gehen Muslime immer wieder gegen Diskriminerung auf die Straße, hier im Oktober 2019 in Toulouse (Bild: Alain Pitton/NurPhoto via Getty Images)

Nichts polarisiert mehr als ein nackter, aber auch ein verhüllter Frauenkörper. Frankreichs Senat möchte das Kopftuch verbieten und international stellt sich besonders auf Social Media die Frage: Wie feministisch ist das?

Ein Kommentar von Nour-El-Houda Khelifi

In Frankreich ist das Kopftuch seit nahezu 20 Jahren sowohl politisch als auch gesellschaftlich ein Thema. Erst neulich beschloss der französische Senat, dass junge Frauen unter 18 in der Öffentlichkeit keine Kopftücher mehr tragen dürfen. Ebenso ist der Burkini, ein Ganzkörperbadeanzug, in öffentlichen Schwimmbädern verboten. Das Kopftuchverbot gilt außerdem auch für Mütter, die ihre Kinder auf Schulausflügen begleiten. Bislang handelt es sich nur um einen Gesetzesentwurf, dennoch hat dieser sowohl national als auch international Wellen geschlagen. Besonders auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder TikTok wurde der er millionenfach kommentiert und bewertet. Auch in Deutschland wird die Kopftuchdebatte immer wieder aufgewärmt, etwa anlässlich von Gesetzen wie dem Berliner Neutralitätsgesetz, welches letzten Endes doch nicht mit der Verfassung vereinbar war. Zuletzt entschied der Europäische Gerichtshof, dass Unternehmen Frauen, die Kopftuch tragen, nicht einstellen müssen mit der Begründung, dass ein wirtschaftlicher Nachteil vorliegen könnte. Inwiefern dies der Realität entspricht, steht offen.

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Doch welche Bedrohung stellt das Kopftuch dar, oder besser gesagt die Frauen, die jenes tragen? Die Kopftuchverbote werden häufig unter dem Deckmantel des Feminismus ausgefochten. Indem das Kopftuch verboten wird, kämpfe man gegen die Unterdrückung der Frau an. Dabei wird völlig außer Acht gelassen, dass man sich auch hier patriarchaler Strukturen bedient und eine Forderung, wie eine Frau sich zu kleiden hat, ebenso unter Zwang und Unterdrückung fällt. Ob das laizistische Frankreich oder das säkulare Deutschland - beide sehen sich besonders beim Kopftuch in ihren demokratischen und westlichen Werten bedroht. Doch so fragil ist die Demokratie hierzulande nicht, als dass sie durch ein Stück Stoff in die Knie gezwungen werden kann. Dann müssen wir uns aber die Frage stellen, ob es ein westlich-demokratischer Wert ist, im 21. Jahrhundert Frauenkörper politisch zu regieren. Inmitten der #metoo-Debatten, der Diskussionen um faire Bezahlung, Schwangerschaftsabbruch und Gendergap, scheint die Kopftuchdebatte sehr fehl am Platz und doch so passend zu sein. Eine patriarchale Politik, die Frauen dazu zwingt, sich nicht so ausleben zu können, wie sie wollen und über ihre Körper zu bestimmen. Am anderen Ende ebenso Männer, die Frauen vorgeben, wie sie sich zu verhüllen oder zu leben haben. Wer befreit nun wen von wem? 

Antifeminismus - sind das westliche Werte?

Wir können keine feministischen Ansätze in der Politik verfolgen, wenn gleichzeitig antifeministische Gesetzesentwürfe vorgelegt werden. Wir brauchen eine authentische und ehrliche Auseinandersetzung mit feministischen Aspekten. Und der Status Quo bestätigt dies gerade nicht. Egal ob muslimisch oder nicht - gesellschaftlich, politisch und ökonomisch spricht noch immer nicht vieles für eine geschlechtsgerechte Politik, eher für ein patriarchales System. Nichtsdestotrotz müssen wir dem nachgehen, warum die Kopftuchdebatte immer wieder Thema wird. Besonders im politisch-öffentlichen Diskurs ist das Kopftuch ein gutes Tool, um von anderen politischen Skandalen abzulenken, aber auch den Fokus wegzubringen von Rassismus- oder Diskriminierungserfahrungen von Betroffenen aus der Gesellschaft. Kurz: die leidige Kopftuchdebatte als Opium gegen wichtigere Probleme in der Gesellschaft. Erhöhung der Steuern? Weiterer geplanter Lockdown? Korruptionsvorfälle in einer Partei? Das Kopftuch wird's schon richten. Denn es polarisiert, die Standpunkte dazu sind klar - jeder und jede hat dazu eine Meinung und schon ist das vorherige Thema oder der Skandal vergessen.

Protest gegen ein Kopftuchverbot an belgischen Universitäten im Juni 2020 (Bild: Jonathan Raa/NurPhoto via Getty Images)
Protest gegen ein Kopftuchverbot an belgischen Universitäten im Juni 2020 (Bild: Jonathan Raa/NurPhoto via Getty Images)

Es ist gerade bei diesem Thema nahezu unmöglich, auf einen Nenner zu kommen, da es sich über die Zeit zu solch einem komplexen Knoten entwickelt hat. Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, Feminismus, Religion, Spiritualität, Identität, Tradition, Kultur, Mode - viel zu viele Faktoren, die es eigentlich nicht zulassen, das Kopftuch auf nur eine Sache festzulegen und damit auch den Menschen, der dieses Kopftuch trägt. Wenn die Kernaussage der Kopftuchdebatte aber "das Kopftuch ist mit westlichen Werten nicht vereinbar" lautet, dann ist jegliche Kritik an dieser Aussage legitim. Anstatt Identität nur als starres Konstrukt zu begreifen, nach dem man nur muslimisch oder europäisch sein kann, muss man sich an der Stelle vielleicht fragen, ob wir hier in Europa ein Umdenken nötig haben. 

Gerade Debatten rund um das Kopftuch, aber auch die Flüchtlings- oder Klimafrage stellen uns heute auf die Probe. Welche Werte sind uns hier in Europa wichtig, bis wohin reicht die Demokratie und auf wessen Rücken wird wieder Politik getrieben? Denn gerade letzteres beweist, dass insbesondere im Kampf gegen den Islamismus diese aggressive Politik auf dem Rücken von muslimisch gelesenen Frauen ausgetragen wird. Terrorismus wird mit anderen Mitteln bekämpft. Ob eine Frau nun ihren Kopf oder Körper verhüllen möchte, kann und sollte nie Gegenstand der Politik sein. Dafür sind wir in Europa schon viel zu weit - oder etwa doch nicht?