Kommentar: Die seltsame Parallelwelt des Stephan Brandner

AfD-Politiker Stephan Brandner twittert gern und oft (Bild: Getty Images)

Der AfD-Politiker offenbart in seinen Tweets komische Erklärversuche. Lebt er eigentlich in Deutschland?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Manchmal wirkt Stephan Brandner wie von einem anderen Stern. Der Mann ist eigentlich Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestages – damit verbindet man Seriosität, Nüchternheit und eine gewisse Trockenheit. Brandner dagegen ist stets on fire.

Energiegeladen scheint er. Ruhelos twittert der AfD-Politiker, wahrscheinlich sind es gewisse Sorgen, die ihn treiben. Unterm Profil stehen zuerst die Deutschlandfahne, dann sein Name und schließlich “100%”. Wie meint er das?

Dass er voll und ganz für Deutschland innerlich brennt? Nun ja, es ist grundsätzlich gut und auch anzunehmen, dass gewählte Politiker leidenschaftlich für die Belange der Bürger eintreten. Oder will Brandner uns sagen, dass er zu 100 Prozent ein Deutscher sei, also blutsmäßig gesehen? Auch dies wäre eine Nachricht von nachrangiger Bedeutung. Was interessiert, ob seine Ur-Ur-Ur-Oma in Herten oder Honolulu zur Welt kam? Oder fände er besonders toll, wenn kein Honolulu in ihm steckt? Wäre dies so, hätte Brandner ansonsten keine große Auswahl stolz auf etwas zu sein, wenn er in seinem Blut kramen muss.

Drauf, immer drauf

Jemand wie er, der ständig einen neuen Scheit ins Feuer werfen muss, vergreift sich natürlich ab und zu. Und beim Hin und Her baut sich eine Parallelwelt auf. Eine, die mit der Realität nicht viel zu tun hat, sie ist komplett halluziniert. Ein Beispiel dafür? Gern.

Neulich irritierte Brandner mit einem Erklärversuch zur Vergabe von Ehrenmedaillen. Der Musiker Udo Lindenberg hatte das Bundesverdienstkreuz erhalten, und diesen Akt deutete Brandner so: “Klar, warum der gegen uns sabbert/ sabbern muß: ‘Der Musiker, der vor wenigen Tagen das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erhalten hat...’ #Judaslohn”

Lindenberg hatte gegen die AfD gewettert, in ihren Parolen die “alten” gesehen, also mit Blick auf die Weimarer Republik und den Aufstieg des Rechtsextremismus. Dass Brandner sowas nicht gefällt, ist verständlich. Aber der Tweet verwundert. Denn der sagt: Lindenberg habe nur gegen die AfD gewettert, um das Bundesverdienstkreuz zu bekommen, sozusagen unabhängig von seiner Überzeugung, schließlich ging es ihm um den “Judaslohn”, also jene Belohnung, die Verräter einheimsen.

Glaubt Brandner, was er schreibt? Denkt er, Lindenberg würde die AfD nicht aus seiner Seele heraus verabscheuen? Denkt er, dass Lindenberg in den vergangenen Jahren beim Gedanken an das Bundesverdienstkreuz feuchte Träume hatte? Dass der Mann vom Panikorchester angestrengt meinte, jemandem nach dem Mund reden zu müssen, um das Metall zu kriegen?

Nehmen wir Brandner ernst und beim Wort. Dann offenbart sich bei ihm eine Fata Morgana. Und natürlich ist der Rückgriff auf den “Judaslohn” aus dem Instrumentenkasten des Antisemitismus.

Brandner schreit nun auf und behauptet, “Judaslohn” sei eine gängige und generelle Formulierung, Sozialdemokraten und Grüne hätten das Wort auch verwandt. Das stimmt. Aber auch da war es falsch. Judas war ein Jünger von Jesus, der ihn an die Römer preisgab, es brachte ihm die berühmten “30 Silberlinge” ein. Judas ist nur ein Name und kein Schimpfwort.

Dennoch hat es sich im christlichen Antisemitismus eingeprägt, “Judas” mit “Juden” in Verbindung zu bringen – da beißt die Maus keinen Faden ab. Damit geht die böswillige Erfindung einher, Juden hätten Jesus verraten. Das ist Quatsch, denn Jesus war selbst Jude, seine Jünger waren Juden, sein Umfeld war jüdisch. Wer denkt, Jesus sei als Christ auf die Welt gekommen, handelt, höflich ausgedrückt, geschichtsvergessen. Daher ist “Judaslohn” ein Wort, das man besser nicht benutzt, und das hat nichts mit “Gedankenpolizei” oder “Political Correctness” zu tun: Der Jünger mit dem Namen Judas Iskariot ist durch seine Tat negativ besetzt. Brandner sollte das wissen.

Die holde Weihnachtszeit

Aber in solch einer Parallelwelt kriegt man nicht viel mit, vielleicht hat der AfD-Politiker tatsächlich ein Problem mit dem Wissen. Kürzlich zeigte Brandner auf Twitter besorgt das Foto eines Kalenders mit Türchen und Zahlen – ohne das Wort “Adventskalender”, stattdessen “Geschenke-Lager”, was zugegeben etwas profan klingt. Brandner klagte also: „Ganz früher hieß das mal Adventskalender, oder?“ – und setzte ein empörtes Emoji dahinter.

Tja. “Früher” bedeutet in diesem Fall 19. Jahrhundert, denn furchtbar alt ist die Tradition mit den Adventskalendern nicht; die Tradition des christlichen Antisemitismus mit seiner Judas-Juden-Masche ist jedenfalls älter. Besonders christlich sind die Kalender auch kaum, sie sollen mehr das Warten auf den Weihnachtsmann versüßen, von dem ebenfalls nichts in der Bibel steht.

Aber sei’s drum: Dummerweise zeigte Brandner seinem Publikum lediglich die Rückseite besagten Kalenders; auf der Vorderseite stand sehr wohl “Adventskalender”. Das kann man doch nicht ahnen, nicht wahr? Wie soll der arme Brandner in seiner Parallelwelt darauf kommen die Dinge vorn vorne zu betrachten?

Später ist man immer schlauer, und Brandner behauptete in einem Tweet danach, das Ganze sei eine “Wette” gewesen und dankte für die Reaktionen, als sei Aufregung und Wortmeldung an sich ein positiver Wert.

Das mag in der traurigen Welt von Brandner so sein. Wer ihm noch bei Twitter folgt, hat zu viel Zeit.