Kommentar: Egoismus ist Coronas bester Freund

Noch verwaist: Strandkörbe in Sankt Peter Ording. (Bild: Getty Images)

Individualismus feiert gerade Party. Mit eingeladen ist der Sensemann. Aber anstoßen wird er ja nicht mit jedem.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Ein wirklich drängendes Problem scheint die Urlaubsfrage zu sein. Die Medien sind voll mit Mutmaßungen darüber, ob im Sommer wieder Auslandsflüge möglich sein werden. Schön, möchte man meinen, dass wir keine anderen Probleme haben. Haben wir aber.

Anfang Mai gibt es die ersten Lockerungen aus der coronabedingten Einschränkung. Bisher haben wir relativ Glück gehabt. Über die Lockerungen wurde notwendigerweise viel diskutiert, wie es in einer Demokratie der Fall ist. Und nun öffnen wieder Friseure und Schulen.

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Dass aber im Ernst All-Inclusive-Urlaube auf Malle, in Thailand und der Türkei auf der Agenda weit oben stehen, erstaunt: Erstmal sollte es doch wohl um Öffnungen des Wirtschaftslebens gehen. Aber Urlaub, ganz weit weg, scheint dem Deutschen eine Obsession zu sein. Gefällt es uns daheim so wenig?

Plötzlich tun eine Menge Leute, als gäbe es Corona nicht mehr. Als wäre diese „Krise“ vorbei. Dann gibt es natürlich die Schlaumeier, die meinen: Das sei eh alles übertrieben, es handele sich nur um eine Grippe. Diese Neunmalklugen verschweigen natürlich, dass allein die Einschränkungen dafür gesorgt haben, dass nach dem ersten und dramatischen Anstieg der Infektionen diese nicht mehr durch die Decke gehen. Plötzlich ist Deutschland voller Individualisten und Liberalen, die sich in ihren Freiheitsrechten beschnitten sehen. Dabei ist das einzige, was sie zu zügeln hatten, ihr verdammter Egoismus.

Wer demonstriert?

Wenn Gastronomen auf die Straße gehen würden, hätte ich großes Verständnis. Wenn Selbständige protestieren würden, weil ihre Aufträge und Einkommen seit Wochen bei Null liegen. Wenn Angestellte in kleinen Firmen öffentlich fürchten, dass ihre Chefs das nicht mehr lange durchhalten werden, der lange Atem fehlt. Auf die Straße aber gehen Verschwörungsliebhaber, Anti-Impf-Idioten und andere Spinner, mit dem Grundgesetz in der Hand, in das sie tatsächlich einmal reinschauen sollten.

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Wir nehmen den Virus nicht ernst genug. Die allermeisten haben keine Großmutter, die einfach verschied. Wir haben zwar von dem und der gehört, aber es war meist hinreichend weit entfernt. Und „Risikogruppe“ ist eh eine Minderheit.

Von wegen Made in Germany

Daher ist es Zeit mit einem Mythos aufzuräumen. Wir Deutschen klopfen uns gern auf die Schulter, das ist bei Corona nicht anders. Wir hätten die Pandemie gut im Griff, wir wären unheimlich diszipliniert. Das Gegenteil stimmt: Gemessen an unserem Verhalten kann man uns nur großes Glück attestieren. Denn im persönlichen Alltag versagen viele: Wer hält die Abstände tatsächlich ein, versucht es zumindest? Wer trägt eine Atemmaske? Es scheint die Leute nicht zu jucken. Das Bild ist durchaus divers: Während zum Beispiel in Berlin-Mitte kaum jemand irgendein geändertes Verhalten an den Tag legt, tragen in Berlin-Wedding deutlich mehr Leute Masken. Sind die Einwohner von Wedding womöglich weniger individuell und liberal? Buckeln die einfach kritiklos? Ich vermute: Viel eher sind sie weniger asozial.

Würden wir achtsamer agieren, könnten die Öffnungen auch lockerer angegangen werden. Würden wir es massenhaft mit den Abständen und der Maske auf die Reihe kriegen, wäre es viel eher möglich, rasch wieder Familienmitglieder zu besuchen, an die Nord- oder an die Ostsee zu fahren. Wir heulen wegen einem verwaisten Ballermann. Sehnen uns nach Scharm el-Scheich. Dabei sollten wir eher daran denken, wie wir Reisen im Inland normalisieren. Dass sich ganze Regionen abschotten und fremde Autokennzeichen mit Argusaugen verfolgt werden: überflüssig. Wir bräuchten nur mehr Disziplin. Und weniger Egoismus.

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