Kommentar: Ein Extra-Urlaubstag für Radfahrer ist die grüne Schnapsidee des Tages

Eine Fahrradstraße ist prima - aber braucht es dafür einen extra Urlaubstag? (Bild: Getty Images)

Ein Bundestagsabgeordneter der Umweltpartei fordert Ferienlohn für Berufsradler. Das ist gut gemeint und schlecht durchdacht.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es gab Zeiten, da wurden die Grünen bei allzu sehr die Republik verändernden Forderungen zerzaust wie ein Collie in der Waschstraße. Fünf DM für den Liter Sprit? Eine Frechheit! Tempolimit auf der Autobahn? Wie Gefängnis! Ein Veggieday? Diktatur! Die anderen Parteien nahmen die waghalsigen Überlegungen auf, gossen sie in Kampagnen und stutzten damit die Grünen gehörig.

Da verwundert es, dass sich ein Grünen-Politiker hervorwagt und eine Überlegung in den Raum stellt, die ein gehöriges Maß an Entrüstungspotenzial in sich birgt. Der Berliner Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar meinte, wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, solle mit einem Urlaubstag extra belohnt werden. „Ein zusätzlicher Urlaubstag für Radfahrende ist gerecht“, so Gelbhaar zur „Bild“-Zeitung. Zudem würden „mehr Menschen dazu motiviert, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu kommen“.

Der Grüne verweist auf eine Studie aus den Niederlanden, nach der Radfahrer tatsächlich weniger krank werden. Gelbhaar sieht also eine Art ausgleichende Gerechtigkeit in seinem Vorschlag, weil die gesunden Radfahrer (minimal) mehr schuften würden durch längere Präsenz am Arbeitsplatz.

Eine Gesundheitspolizei brächte totalitäre Züge

Gut an der Idee ist, dass Gelbhaar sich Gedanken darüber macht, wie man Verkehr aufs Rad umlenkt – denn das Rad ist das gesündeste und umweltfreundlichste Verkehrsmittel. Schlecht an der Idee ist, dass sie in jedem Praxistest scheitert.

Gelbhaar argumentiert damit, einen Anreiz schaffen zu wollen, nämlich für gesundes Verhalten. Doch wer bemisst das, und wo Belohnungen entstehen, sind Strafen nicht weit. Schon jetzt planen Krankenversicherungen den gläsernen Patienten, mit einem vielfältigen Punktesystem, welches persönliches Gesundheitsverhalten bewertet. Am Ende steht dann, dass Bürger unterschiedlich viel für ihre Versicherung zahlen müssen – und zwar unabhängig vom Einkommen. Einige Bürger, so die nicht unrealistische Befürchtung, könnten dann eine bestimmte Behandlung oder ein Medikament bekommen, und andere nicht.

Der Einzug einer Gesundheitspolizei würde den sehr kostspieligen Gesundheitssektor verschlanken, vernünftige Einsichten würden sich leichter durchsetzen – aber auf der Strecke blieben die Freiheit und die Gerechtigkeit, von der Solidarität in der Gesellschaft ganz zu schweigen. Solch eine Polizei würde unsere inneren Werte angreifen und totalitäre Züge ins System bringen. Was also hat der Grüne Gelbhaar sich dabei gedacht?

Wie sollte das denn gehen?

Und sollte seine Idee morgen Gesetz werden – wie wird es umgesetzt? Was geschieht mit Pendlern, die brav die Bahn nehmen, ärgern die sich nicht zurecht über die entgehende Belohnung? Was ist mit einem äußerst ungesund lebenden Mitmenschen, der aber hundert Meter auf dem Rad zur Arbeit fährt, während sein Kollege ein Musterpatient ist, aber aus einem Dorf kommt, in der es keine Anbindung des Öffentlichen Nahverkehrs gibt?

Diese Idee ist ein allzu grober Klotz. Um das Fahrradfahren attraktiver zu machen, gibt es andere Möglichkeiten: Bessere Radwege und ein sicheres Verkehrsklima zum Beispiel.

Früher hätte man einem Grünen solch eine Schnapsidee um die Ohren gehauen. Heute aber sind die Grünen derart erfolgreich, dass ihnen dieser Gedankenausflug nicht schaden wird. Sollte jemand eine Kampagne daraus zu schnitzen versuchen, wird er damit keine schlafenden Hunde wecken. Zu professionell und zu sehr breite Massen ansprechend treten die Grünen auf; das grundsätzliche Misstrauen gegenüber anderen Parteien ist auch gewachsen.

Dennoch sollte Gelbhaar nicht allzu viel Zeit auf seine Idee verwenden. Sie gehört in den grünen Giftschrank.