Kommentar: Empathie für Russland erfordert kein Mitgefühl für Putin

Am Wochenende protestierten Tausende in Moskau für mehr Demokratie - und wurden mit massiver Polizeigewalt konfrontiert (Bild: REUTERS/Maxim Shemetov)

Der Kreml prügelt auf Kritiker ein – die wahre Fratze eines Regimes. Warum wollen dann so viele in Deutschland eine Annäherung?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Wer in Russland für Menschenrechte einsteht, kriegt auf die Mütze. Bestenfalls. Wer sich in Moskau für Gedöns wie Freiheit einsetzt, kann auch eine Gefängniszelle kriegen, eine Kugel in den Kopf oder tödliches Gift auf die Haut. Der Kreml ist nicht zartbesaitet. Wie die Regierung am Wochenende auf tausende friedliche Demonstranten einprügelte und mehr als tausend verhaften ließ, nur weil sie fairere, eben demokratischere Regeln bei Regionalwahlen wollen, spricht Bände: Präsident Wladimir Putin steht an der Spitze einer Diktatur, in der Geheimdienstler und Oligarchen den Staat aufteilen. Das verteidigt er halt, auch über Grenzen hinweg: durch die Manipulation in den Sozialen Medien, durch Trollarmeen und eine Gülleladung von Falschnachrichten. Klar, wer selbst Dreck am Stecken hat, wirft damit am besten.

Die Leute gehen in Moskau dagegen auf die Straße, und noch ist nicht abzusehen, was daraus wird. Die Antwort der Gewalt von Seiten der Autokratie kann Erfolg zeitigen und die Freiheitsgelüste unterdrücken. Doch alles hat mal ein Ende, auch Putins Herrschaft. Es ist auch nicht unrealistisch zu erwarten, dass er bei anwachsenden Protesten die Stabilisierungskarte ziehen wird und einen äußeren „Feind“ kreiert: sei es eine Eskalation mit der Ukraine, eine terroristische Bedrohung, Stress mit Kaukasiern – bisher funktionierten solche Manöver gut.

All dies in seinen negativen Urteilen betrifft, aus dem bequemen Westen betrachtet, nicht das Land an sich, nicht die Menschen und deren Kultur, sondern nur die Politik und die darin Herrschenden. Mit Putin ist kein Staat zu machen, auch gute Nachbarschaft ist schwer mit jemandem, der gern mal Zäune versetzt, den Vorgarten unter Wasser setzt und Lügen in der Straße über diesen und jenen erzählt.

Neue Annäherung?

Da erstaunt es mich immer wieder, wie in Ostdeutschland ein anderer Umgang mit „Russland“ gepflegt wird. Laut „Tagesspiegel“ befürworten 54 Prozent der Westdeutschen eine neue Annäherung an Russland, bei den Ostdeutschen sind es 72 Prozent. Ich bin westdeutsch geprägt, daher kann ich nur mutmaßen: Natürlich haben Ostdeutsche eine intensivere Vergangenheit mit Russland – in der DDR waren Russen präsenter, in der BRD galt für viele die Formel „Russland=Sowjetunion=die Bösen im Kalten Krieg“. Während also im Westen eine Menge wie Rocky Balboa dachten, gab es im Osten viel Austausch und Miteinander. Den Ostdeutschen war auch viel klarer als den Westdeutschen, wer die Naziherrschaft beendete (egal, wie man dazu steht), wer die größte Schlacht gegen sie schlug, wie Russland unter ihr litt. Es war von allem viel mehr, was Ostdeutsche mitkriegten. Aus dem hohen Turm der Unbefangenheit können Westdeutsche leicht urteilen.

Das bedeutet aber nicht, dass Westdeutsche weniger wissen. Ihr Urteil kann auch prinzipieller sein, halt abstrakter. Die Frage ist, inwiefern eine intensivere gemeinsame Vergangenheit, auch wenn sie erzwungen war, sich auswirkt. Ostdeutschen zum Beispiel ist durchaus präsent, dass es die Entspannungspolitik eines Russen namens Michail Gorbatschow war, welche die deutsche Einheit brachte. Natomanöver in Osteuropa können da schon komisch wirken. All dies mögen Motive sein, auf Russland und damit auf die Regierung mehr zuzugehen.

Auf der anderen Seite ist auch zu fragen, wie es mit dem Mitgefühl für Polen und Balten bestellt ist, für Ukrainer: All diese Länder teilen die Erfahrung, welche die DDR machte und sehen die Dinge heute anders.

Das Abstrakte hat seinen Wert

Deshalb befremdet es, wenn ostdeutsche Regierungschefs, ob von CDU oder SPD, ein Ende der Sanktionen gegen Russland fordern. Da mag es wirtschaftliche Interessen geben, und die Nähe zum Nachbarn. Aber was ist zum Beispiel mit dem näheren polnischen Nachbarn und den Gefühlen dort? Mit den wirtschaftlichen Interessen in Polen?

Die russische Regierung verletzt Völkerrecht und eine Menge guter Sitten. Da lässt sich meiner Meinung nach kein Auge zudrücken oder fünfe gerade sein lassen, das mag jetzt ein westdeutscher Turmblick sein, aber auch Abstraktes hat seinen Wert, besonders wenn es um fragiles wie wichtiges geht wie Grundrechte.

Und noch etwas schwingt in der Empathie für Putin mit, und das teilen Ost- und Westdeutsche: Es ist eine Sympathie für das alte, welches seine Herrschaft umrankt. In Putins Russland werden sexuelle Minderheiten locker verfolgt, man darf über Schwule lästern und sie schlagen, Frauen und Männer sind stärker traditionellen Rollenbildern ausgesetzt, Demokratie ist Wurst und ein Führerstaat schick, weil einfach; die Welt ist ja auch furchtbar kompliziert in diesen Tagen.

Die Attraktivität Putins für politische Rechte in Deutschland ist Ausdruck ihres intellektuellen Ausverkaufs. Nichts, was Putin wirklich anfasst, ist zukunftsfähig. Nichts wächst aus seiner Hand, jedenfalls nichts Grünes. Er agiert nur als Besitzstandsverwalter seiner eigenen Interessen, er verwechselt die Welt mit einem „Risiko“-Spiel. Wollen Rechte eigene Ideen für eine Zukunft entwickeln, bringt der Blick nach Russland derzeit nichts.

Die Sanktionen sollten also bleiben, alle Austausche zwischen Menschen, Gruppen und Institutionen indes intensiviert werden. Russland ist ein Nachbar. Und Russen sowie Deutschen sind längst in der Lage, sich ein Russland ohne Putin zu denken.