Kommentar: Ey, du Bauer

Bauern demonstrieren mit Treckern vor dem Brandenburger Tor (Bild: Reuters/Annegret Hilse)

Unter den Landwirten brodelt es. Nun legten sie aus Protest den Berufsverkehr in Berlin lahm. Doch ihre Forderungen weisen in die falsche Richtung.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die Augen gerieben hat sich am Dienstag mancher Hauptstädter. Wo es bereits Aufmerksamkeit schafft, wenn eine Pferdekutsche den Boulevard Unter den Linden abfährt, stauten sich nun zahllose Traktoren vor dem Brandenburger Tor. Denn viele Bauern sind sauer. Sie fühlen sich von der Politik zuerst vernachlässigt und nun gegängelt, und von der Bevölkerung gemobbt. Und weil Bauern Trecker haben, benutzten sie diese für ihren Ärger. Das hat manchen Berliner geärgert – aber das sind im Zweifelsfall die gleichen Bürger, welche die Trecker im Wendland bei Protesten gegen Atommüll gern sehen.

Außerdem ist es nicht das Problem der Bauern, wenn Großstadtbürger noch nicht verstanden haben, dass sie mit Bahn und Tram besser ans Ziel kommen; die Treckerproteste sind also auszuhalten, weil gutes Recht der Bauern.

Doch wie gerechtfertigt sind die Proteste an sich?

Es scheint sich eine unsichtbare Mauer aufzutun, zwischen Bauern und dem ganzen großen Rest. Zwischen denen, die das Land bearbeiten, und jenen, welche deren Ernte auf den Esstisch kriegen. Doch für unüberbrückbar halte ich die Proteste nicht.

Kritik Nr. 1: Das Mobbing

Ich bin auf dem Land inmitten von Höfen aufgewachsen. Irgendwann lernte ich, dass Manche das Wort „Bauer“ zum Beleidigen nutzten. Das verstand ich zuerst ich nicht. Wenn ich jemanden verbal erniedrigen will, nenne ich ihn auch nicht „Ey, du Feuerwehrmann“ oder „Ey, du Architekt“ oder „Ey, du Journalist“ (nein, mach ich wirklich nicht). Die harte körperliche Arbeit der Bauern nötigte mir von Kindesbeinen an Respekt ab, ihre Verbundenheit mit der Erde faszinierte mich und informierten Kreisen zufolge soll „Trecker“ mein erstes Wort gewesen sein. Ja, es gibt eine Grundarroganz der Städter gegen über den ländlichen Bewohnern, und Bauern stehen als Symbole für letzteres. Sie zu beleidigen unterliegt demselben Mechanismus, mit dem andere „Minderheiten“ diskriminiert werden, seien es Schwule, Türken oder Juden; früher stellten die Landwirte die Mehrheit der Bevölkerung, aber das ist vorbei. Dass heute Bauern dagegen aufbegehren, ist gut. Städter sollten entweder die Klappe halten oder nur von auf dem Balkon gezogenen Kartoffeln leben.

Kritik Nr. 2: Von der Politik vernachlässigt

Dieser Vorwurf stimmt nur zum Teil. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren den Bauern Vorgaben von der Politik gemacht worden, die ihre Arbeit spielballartig gestalteten. Zuerst wurden Milchquoten eingeführt, dann wieder weggelassen. Heute belohnt die Politik Großbauerntum, oder besser formuliert: Agrarkonzerne. Denen wird der Landerwerb erlaubt, sie profitieren von den pro Hektar Bodenbesitz gezahlten Subventionen, während die Kleinbauern in der Masse so nicht profitieren und sehen müssen, wo sie bleiben. Doch die andere Seite der Medaille sagt uns, dass die Landwirtschaft insgesamt eine Summe an Geldsubventionen verschlingt, die einfach nur irre zu nennen ist. Es werden Milliarden von Euro ausgegeben, um Getreideberge und Milchseen entstehen zu lassen, welche keiner braucht, welche an den Ressourcen der Natur zehren und welche als Exportgüter in anderen, vor allem afrikanischen, Ländern die Entwicklung der örtlichen Landwirtschaft hemmen. Es läuft also etwas mächtig falsch. Und Bauern sollten ehrlich werden, das auch so zu benennen.

Kritik Nr. 3: Von der Politik verraten

Dieser letzte Vorwurf stimmt schlicht nicht. Die Bauern erregen verschärfte Umweltauflagen und strengere Düngeregelungen. Doch daran führt kein Weg vorbei. Ey, Bauer: Du bist doch verbunden mit Mutter Erde. Glaubst du, dass die Unmengen von Gülle, die auf die Felder kommen, gut sind für den Rest der Welt? Und ich rede nicht vom Gestank, der in der Luft liegt, sondern von akuter Gefährdung. Denn der Boden kann längst nicht mehr so viel Gülle schlucken. Die Stickstoffüberschüsse und der Sauerstoff werden zu Nitrat und vergiften das Grundwasser. Nitrat kann sich zu Nitrit verwandeln, welches im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Und verbindet sich der Stickstoff mit Wasserstoff, entsteht Ammoniak – ein weiteres ätzendes Gift.

Wir sind eigentlich blöd, es so weit kommen gelassen zu haben. Natürlich müssen die Regeln stark verschärft werden. Es gilt das Allgemeinwohl, die Notwendigkeit zur Gefahrenabwehr und die Erkenntnis, dass wir jeden See und jedes Meer nur einmal haben.

Was bedeutet das für die Bauern? Es gibt nur einen Weg. Qualität statt Quantität. Ökologische Landwirtschaft statt konventioneller. Eben Bodenbewirtschaftung, welche die Belange der Natur nicht aus dem Blick verliert.

Die Subventionen müssten also in diese Richtung fließen. Und Biofleisch könnte dann bezuschusst werden, damit auch einkommensschwache Haushalte sich dieses leisten können. Aber den Centwahnsinn in den Supermärkten können wir nicht aufrechterhalten.

So gesehen stehen die Bauern, mal wieder, vor radikalen Umbrüchen. Es ist ein harter Beruf. Die Digitalisierung erfasst ebenfalls die Landwirtschaft, da bleibt mancher Stein nicht auf dem anderen. Doch daran führt kein Weg vorbei.