Kommentar: Gegen Antisemitismus kann jeder was tun

Dieses antisemitische Relief ist an der Wittenberger Kirche angebracht (Bild: Hendrik Schmidt/dpa)

Komisch, aber nicht witzig: Noch immer lebt eine Unkultur, die Negatives gegenüber Juden hegt – weil sie Juden sind. Dazu gibt es aktuelle Nachrichten, jeden Tag. Heute sind es allein drei.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Achtung, gleich wird es ein wenig kritisch. Zum einen unangenehm, weil wir über Dinge reden, die einen nicht hübsch aussehen lassen. Und zum anderen konkret, weil jeder sich an die Nase fassen kann.

Deutschland im Jahr 2020, wir reden über Elektroautos und einen grünen Kanzler. Über Handball und die schwarze Null.

Und dann gibt es jeden Tag Nachrichten über antisemitisches Geschehen in Deutschland. Da laufen Meldungen auf über aktive Täter und über passive Beschwichtigende, die meinen: Nicht jedes Fass soll aufgemacht werden. Zum Thema haben sie einen Antisemitismus, der einem kaum zu fassen vorkommt, so blöd ist er. Es gibt also eine Feindschaft gegenüber Menschen, weil sie Juden sind. Die tun nichts dafür, nur wird ihnen und einem „Jüdischsein“ allerlei negativer Kram angedichtet. Letztlich erwischt es Juden, weil sie in Deutschland immer eine genügend kleine Minderheit darstellten, dass auch der letzte Feigling unter den Charakterschweinen dachte und denkt, gegen sie sich etwas leisten zu können, nämlich das Schlechte in sich.

Antisemitismus hat keine realen Wurzeln. Er ist das Auto, in das man sich setzt, um Mitmenschen als Sündenböcke zu gebrauchen: für eigene Erfolglosigkeit, für die Kompliziertheit der Welt und Regenschauer, wenn man just keinen Regenschirm dabei hat. Hier also die aktuellen Verkehrsmeldungen von heute Morgen:

Meldung Nr. 1

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat mal durchgegriffen. Er hat „Combat 18“ verboten, eine bewaffnete Nazigruppe. Sie schmückt sich mit diversen und dämlichen Abkürzungen und Codes, als würde sowas schlau oder mächtig klingen. Gefährlich sind diese „Brüder“ aber. In ihren Schreiben ist von „ZOG“ die Rede, einem „Zionist Occupied Government“ – eben einer Regierung wie unsere in Berlin, die angeblich von Juden kontrolliert werde; ein totales Hirngespinst ohne einen Hauch von Hinweis und gerade in seinem Wahnsinn wirkmächtig, weil es groß daherkommt und eine Erklärung für ALLES bereithält, ohne Gehirnschmalz produzieren zu müssen.

Der Verfassungsschutz hat jedenfalls regelmäßig „Combat 18“ verharmlost. Womöglich sträubte sich der Inlandsgeheimdienst gegen eine Zerschlagung, weil er diese Gruppe sicherlich bestens infiltriert hatte und somit über das internationale Combat-Netzwerk an Insiderinformationen kam. Irgendwann wird den Ordnungshütern aufgegangen sein, dass eine Straftat zu verhindern besser ist als über sie Bescheid zu wissen. Übrigens stehen Täter aus dem Umfeld von „Combat 18“ im Verdacht, in den Nullerjahren einen Sprengstoffanschlag auf einen jüdischen Friedhof in Berlin verübt zu haben und einen jüdischen Gedenkort in Holstein mit einen eingeritzten Schwein verunziert und mit roter Farbe ein „C18“ hinterlassen zu haben, was uns zur nächsten Meldung führt.

Meldung Nr. 2

Das Oberlandesgericht Naumburg verhandelt seit vergangenem Dienstag über eine Klage: In der alten Wittenberger Kirche, in der einst Martin Luther predigte, steht seit 700 Jahren ein judenfeindliches Relief, es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen trinken und einer ihr in den After schaut. Mit den Menschen sind Juden gemeint. Auch vor 700 Jahren hatten die Menschen keine vernünftigen Gründe etwas gegen Juden zu haben. Aber Erfolglosigkeit, eine komplizierte Welt und schlechtes Wetter gab es auch damals. Nun will ein Aktivist diese Sandsteinplastik entfernt haben. Zwar ist sie seit 2017 durch eine Erklärtafel eingeordnet, aber die Beleidigung bleibt. Öffentlich, und als sei es Alltag. Genau jene Kultur ist ein Grundpfeiler des Antisemitismus, wenn achselzuckend ein angeblicher Fingerzeig zur Kenntnis genommen wird, nach dem Motto: Und wenn schon. Oder: Da wird vielleicht was dran gewesen sein…

…war und ist es nicht. Nur, der bisherige Höhepunkt dieses Achselzuckens war Auschwitz.

Meldung Nr. 3

Heute entscheidet die Beuth-Hochschule für Technik in Berlin, ob sie sich umbenennt oder nicht. Namensgeber war nämlich ein Beamter namens Beuth, der im 19. Jahrhundert nicht nur als Wegbereiter der modernen Ingenieurwissenschaften gilt, sondern als Antisemit gegen die Emanzipation von Juden vorging und ihnen in einer Rede den Tod wünschte. Eigentlich ist die Sache klar, solch ein Scheusal will doch keiner im Namenszug haben, oder? Doch nun gibt es einen Ex-Hochschulpräsidenten, der als Hobbyhistoriker den Judenknacks des Herrn Beuth verharmlost. Und wie der Newsletterdienst „Checkpoint“ vom Berliner „Tagesspiegel“ berichtet, legt Hochschul-Vizepräsident Kai Kummert eine komische Rechnung vor, sollte es zu einer Umbenennung kommen: „Demnach soll eine einfache Namensänderung exakt 1.866.864,52 Euro kosten, inklusive ‚Logo und Farbe‘ sogar 2,508.783,08 Euro”, schreibt der “Checkpoint”. “Alleine für ‚interne zusätzliche Aufwände in der Verwaltung‘ der Hochschule sind rund eine halbe Million Euro veranschlagt. Auch die Pressestelle kommt auf Kosten von rund einer halben Millionen Euro, davon 466.808,13 Euro für externe ‚Grafiker-Kompetenzen‘.” Hm. Wie man auf solche Zahlen kommt, würde ich gern wissen. Da möchte wohl einer, dass alles bleibt, wie es ist. Liebe Grafiker, Pressesprecher und Malermeister, wendet euch mal an diese Hochschule. Die scheint eure Arbeit hoch zu schätzen.

Gegen Antisemitismus vorgehen – das heißt: Wenn der Staat Gruppen wie Combat 18 zerschlägt, wenn die Kirche ihren steinernen Schweinkram in ein Museum stellt und eine Fachhochschule sich ehrlich macht und zu ihren Fehlern steht. So viel zu den Meldungen an einem Donnerstag in Deutschland, Anfang 2020.