Kommentar: Gibt es einen Klima-Holocaust?

Eine Detailansicht auf das Vernichtungslager Auschwitz (Bild: REUTERS/Nora Savosnick)

Ein Kandidat der Linken in Hamburg redet über den Massenmord an Juden und landet beim Klimawandel. Willkommen in Deutschland.

Ein Kommentar von Jan Rübel

In Hamburg spielt sich bei den Linken ein kleines Drama ab. Bald sind Wahlen zum Landesparlament, und einer ihrer Kandidaten hat Tweets losgelassen, die – Nun ja, zwischen folgenden Bandbreiten surren: Der Kandidat goes wild oder das Ganze lässt tief blicken.

Vorläufiger Höhepunkt dieses Dramas ist eine Mail unseres Kandidaten an die Nachrichtenagentur DPA, er schreibt dort: “Was habe ich denn falsches gesagt? Ich bin 18 Jahre alt und aktuell wird Menschen meiner Generation die Zukunft weggenommen.”

Also, was hat Tom Radtke, 18 Jahre jung, Schüler und Kandidat der Linken, nun gesagt?

Am 27. Januar, dem 75. Jahrestag der Befreiung des Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz, wollte Radtke drastisch sein. Der Klimawandel bewegt ihn offensichtlich, da suchte er Aufrüttelndes und mischte eine komische Suppe herbei. "Heute vor 75 Jahren wurde Auschwitz befreit. Der Holocaust war eines der größten Verbrechen im 2. Weltkrieg. Die Nazis gehören auch zu den größten Klimasünder*innen, da ihr Vernichtungskrieg und ihre Panzer riesige Mengen an CO2 produziert haben."

Die Dinge beim Namen nennen

Die Masche mit dem “auch” ist wirklich unangenehm. Die Schoah ist zweifellos das größte Verbrechen des Zweiten Weltkriegs, solch einen relativierenden Politikerdrechsel vom Format eines “eines der größten” kann man dem Jungpolitiker, der notgedrungen seine Erfahrungen sammeln muss, noch durchgehen lassen. Aber dann versteigt er sich zu einem Vergleich, bei dem es nicht um Äpfel und Birnen geht, sondern um etwas, wo Worte schwer zu finden sind.

Der Massenmord an den Juden, diese bewusste Entscheidung einer industriellen Vernichtung von unschuldigen Menschen macht mich oft sprachlos. Der Holocaust lässt sich so beschreiben, wie ich es im vorhergehenden Satz getan habe. Aber das Leid, der Verlust, der Horror, der humanistische Verfall, der Abgrund an Verbrechen wiegen noch so viel mehr.

Und dann kommt der Pennäler Radtke um die Ecke und meint, dass die Nazis neben dem Holocaust AUCH zu den größten Klimasündern gehört hätten. Denn: Vernichtungskrieg und Panzer, jede Menge CO2! Klar, einen Katalysator werden die Panzer “Tiger” oder “Panther” nicht gehabt haben, welch Sauerei.

Radtke postete ein Bild, auf dem unter anderem Luisa Neubauer und Greta Thunberg zu sehen sind – zwei der bekanntesten Gesichter im Protest gegen die Klimakrise. Dass er ausgerechnet jene zuvor scharf kritisierte Version des Fotos benutzte, bei dem die Klimaaktivistin Vanessa Nakate aus Uganda herausgeschnitten worden war, erinnert mich an die Weisheit: Wenn etwas schiefgeht, dann aber richtig.

Weiter schrieb er: "Viele Politiker sagen, dass sich das nicht wiederholen darf. Aber was tun sie gegen den Klima-Holocaust, der in diesem Moment Millionen Menschen und Tiere tötet."

Neben der Masche mit dem “auch” gibt es die mit dem “aber”. Meine Güte, was hat das eine mit dem anderen zu tun? Bestenfalls ist der Schüler Radtke mit einer Sensibilität ausgestattet, die stark verbesserungsfähig ist.

Klimawandel ist kein Holocaust, weil er aus Ignoranz und Profitwillen heraus entsteht, und nicht aus Vernichtungswillen. Das Wort lassen wir also rasch beiseite. Und was nun den Klimawandel an sich angeht, möchte ich eigentlich nicht darüber hier schreiben, denn dann lenkt das von der Unglaublichkeit des sprachlichen Umgangs mit der Schoah ab. Nur dies: Übertreibungen dienen der Sache nicht.

Bekannte Ablenkungsmanöver

Keine Ahnung, ob Radtke aus Unwissenheit heraus handelt, oder ob er ein Problem damit hat, die Dimensionen des Völkermords an Juden anzuerkennen. Zwar ist er Linken-Politiker, aber dass wir Deutschen uns schwertun, zu dieser Verantwortung zu stehen, ist offensichtlich und umfasst alle politischen Lager.

Jedenfalls betreibt er das elendige Spiel des “Whataboutism”, des Ablenkungsmanövers. Der 27. Januar galt dem Gedenken an Auschwitz. Wenn Radtke dann die Frage aufwirft, was eigentlich (what about) mit dem Klimawandel ist, relativiert er die Schoah.

Wie die Geschichte weitergeht, ist noch offen. Sein Landesverband fordert ihn nun auf, auf seine Kandidatur bei der Wahl in Hamburg zu verzichten. Der Landesvorstand werde am Mittwochabend zusammentreten und über ein ordentliches Verfahren bis hin zum Parteiausschluss beraten, heißt es. Den ganzen Morgen und Vormittag über habe man nach Angaben von “t-online” das Gespräch mit Radtke gesucht. "Eine Distanzierung von diesen Äußerungen kam dabei nicht zustande." Nach zahlreichen Kontaktversuchen und ausführlicher Beratung beende die Linke die Zusammenarbeit.

Radtke hat nun etwas richtig gemacht. Er hat alle Tweets gelöscht und auch seinen Facebook-Account stillgelegt. Er braucht eine Zeit der Besinnung. Denn natürlich: Ein 18-Jähriger darf Fehler machen. Das sollte ihm nicht dauerhaft ans Bein gebunden werden. Wichtig ist, dass er mit dieser geballten Kritik, die nun auf ihn einprasselt, ernst und gut umgeht. Darüber nachdenkt. Viel mit Leuten darüber redet. Daraus lernt, denn die Möglichkeit es in der Zukunft besser zu machen, die gibt es immer. Wenn er Fehler zugibt, werden sie kleiner. Vielleicht ergibt sich aus diesem Schlamassel eine Chance, eine intensive Beschäftigung mit Antisemitismus zum Beispiel, oder ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland mit Aktion Sühnezeichen.