Kommentar: Hilfe für Sterbewillige ist endlich nicht mehr strafbar

Die Bundesverfassungsrichter in Karlsruhe haben die Strafbarkeit von Hilfe für Sterbewillige aufgehoben (Bild: REUTERS/Uli Deck/POOL)

Das Bundesverfassungsgericht erteilt praktische Lebenshilfe und kassiert ein Gesetz. Im Regen stehen so genannte Lebensschützer.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Fürs Leben ist ja jeder. Jugendliche widmen ihm gar Wochentage („Fridays for future“) und Abtreibungsgegner rufen auf zum „Marsch fürs Leben“. Zum Leben gehört auch der Tod, denn den erleben wir alle einmal im Leben. Die obersten Richter unseres Landes anerkennen ihm nun ein Stück Würde.

Karlsruhe hat ein 2015 beschlossenes Gesetz in mehreren Teilen für verfassungswidrig erklärt. Suizid ist straflos. Doch die Helfer eines solchen wurden bisher durch dieses Gesetz verfolgt, ihnen drohten bis zu drei Jahren Gefängnisstrafe. Die Bundestagsmehrheit, angeführt von der Union und außen begleitet von den Kirchen, wollte damit „Missbräuchen“ vorbeugen. Angeblich sah man einen Druck auf alte Menschen am Horizont, Platz zu machen, sozusagen als überflüssiger Esser – wie es uns Geschichten aus der Antike überliefern.

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CDU, CSU und Kirchen entwickelten damals ein sehr abstraktes „Schutzkonzept“ mit der Folge: Wer todkrank war, keinen Willen zum Leben mehr hatte, aber sich nicht aus dem Fenster stürzen wollte oder konnte, durfte nicht auf Hilfe hoffen. Beim letzten Gang in seinem Leben. Ich empfand dieses Konstrukt immer als unchristlich. Eine Hilfe wurde verweigert.

Das Gesetz war unmenschlich

Letztlich ist das Urteil der Bundesverfassungsrichter ein Akt der Selbstermächtigung für den Menschen. Wie man mit seinem Tod umgeht, ist eine ziemlich persönliche Angelegenheit; es betrifft einen recht konkret. Und ich habe Freunde, die können sich partout nicht vorstellen endlos an lebensverlängernden Maschinen zu hängen, haben einen Horror vor einem „Leiden“, das sie als Schrecken ohne Ende verstehen. Ich persönlich sehe das anders, würde nach jedem Lebensstrohhalm für mich greifen lassen – aber wie halt der Berliner sagt: Jedem nach seiner Fasson. Nun kriegen wir ein Stück Kontrolle über diesen Lebensabschnitt zurück.

Nie habe ich verstanden, warum Leute im Bett liegen müssen, wenn sie das nicht mehr wollen, weil sie damit ein komisches Schutzkonzept erfüllen sollen. Sollten sie sich tapfer dabei fühlen? Ehrenhaft? Es ist auch keine Überraschung, dass besonders hartnäckige „Lebensschützer“ als Unterstützer dieses Gesetzes von 2015 eine ähnlich strikte Haltung zu Abtreibung haben: Auch dabei wird Frauen eine Kontrolle über ihr Leben abgesprochen, und zwar im Auftrag eines „Schutzkonzepts“.

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Klar, mitfühlend ist man dann nur, wenn es hinreichend abstrakt ist, also weit weg. Nächstenliebe aber sieht anders aus. Die schaut den Nächsten an und versucht zu ergründen, was er will und braucht, ob dadurch andere leiden würden. So gesehen haben die Kirchen mit ihrem Widerstand gegen Sterbehilfe ein mächtiges Eigentor geschossen. Hoffentlich ziehen sie mit dem Urteil der Verfassungsrichter daraus ihre Lehren.

Darauf muss man erstmal kommen

Einen Ansturm alter Leute hin zum raschen Exitus wird es auch nicht geben. Die Befürchtung, nun könne eine „Drucksituation“ heraufziehen, ist – genau: abstrakt. Unheimlich unrealistisch. Als Befürchtung rasch rausgehauen, um sich als Bedenkenträger hübsch aufzustellen. Ich glaube, eine Menge an negativen Zukunftsszenarien ist möglich, eine Selbstoptimierung inbegriffen. Aber dass Alte nun mental die Klippen runtergeschubst werden, hat nicht einmal die Dystopie-Fernsehserie „Black Mirror“ sich ausdenken wollen. Oder sind doch die Geschichten wahr, die sich die Römer vor 2000 Jahren über die Kelten und Germanen erzählten, nach denen die ihre Alten angeblich einfach im Wald aussetzten?

Freiheit und Menschenwürde haben mit Hilfe der Richter nun wieder mehr Platz – in unserem Leben.