Kommentar: Klimakampf geht nur für alle oder einen

Yasmine M'Barek
Freie Autorin
Luisa Neubauer auf einer FFF-Demo im März 2019 (Bild: Reuters/Fabrizio Bensch)

Gesellschaften schreien nach Vorbildern, sie lieben es, Ikonen zu küren. Während dieses Prozesses, ob gewollt oder nicht, merkt man gar nicht, wie viel Macht und Reichweite das Idol gewinnt. Merkt man es, wünscht man sich doch, dass diese Reichweite weise genutzt wird. Auch aus politischen Bewegungen gehen früher oder später solche Gesichter hervor, die sie dann öffentlich vertreten. So wie Luisa Neubauer.

Die 23-Jährige ist das Gesicht der deutschen “Fridays for Future”. Sie repräsentiert Aufruhr und Unzufriedenheit nicht nur der jungen Generationen in Bezug auf die Leichtfertigkeit der Politik in puncto Klima. Das ist nicht die einzige Leichtfertigkeit. Auch Menschen mit der politisch vermeintlich richtigen Einstellungen können Diskurse gezielt mit polarisierenden Aussagen steuern. Und diese Leichtfertigkeit kann auch toxisch sein für diejenigen, für die man kämpft.

Luisa Neubauer hat gesprochen und alle Journalisten sprechen darüber. Sie hat geäußert, das sie Aktionen des zivilen Ungehorsams aufgrund der Notwendigkeit eines schnellen Handelns in der Klimapolitik als vertretbar ansieht. Dazu würden dann unter anderem Aktionen wie zum Beispiel Flughafen-Blockaden gehören. Dass Luisa für eine Message steht, die unnachgiebigen Klimaaktivismus bedeutet, ist klar. Aber auch Luisa ist fehlbar und sollte bestimmte Punkte reflektieren. Dazu gehört auch: Zu wissen, wie viel Reichweite sie hat und welche Macht das mit sich bringt.

FFF-Demonstration im August in Berlin (Bild: Reuters/Reinhard Krause)

Jetzt steht nicht im Raum, ob Luisa Neubauer opportunistisch ist oder nicht, denn sie wird schon für die Sache einstehen, für die sie kämpft. Die mediale Aufmerksamkeit auf Flugzeugblockaden zu lenken, damit eine riesige Diskussion zu eröffnen und den Talkshows und Zeitungen Futter zu geben, ist fahrlässig. Denn damit verdrängt man wichtige Themen. Und: Die Aussage, dass diese Blockaden vertretbar seien, sind privilegiert und eurozentrisch. Denn: Flugblockaden treffen Bürger*innen, und nicht das Herz der Wirtschaft. Die überlebt ein paar Tage Ausfall.

Was ist mit Familien, die teilweise im Ausland leben und einander besuchen wollen? Plötzliche Todesfälle in Kasachstan, Tunesien oder Israel? Soll man dann sagen, ach, ich fliege jetzt nicht? Das Ticket habe ich erspart und kann mir einen anderen Tag aufgrund meiner Arbeit nicht leisten? Schwierig. Und die gut bezahlten Spesenreiser, die man damit insbesondere stammen möchte, nehmen den nächsten ICE oder lassen sich von Flugunternehmern ein Sammeltaxi bezahlen.

Nicht jeder hat das Privileg, nicht über Kosten oder den Arbeitsplatz nachzudenken und auf die Straße zu gehen. Dazu kommt, dass das Flugshamen an sich sozial tief spaltet, denn Klimaaktivist*innen haben kein Recht dazu, finanziell Schwächere zu innerhalb eines Systems zu shamen, das sie zu einem bestimmten Konsumverhalten zwingt.

Vorbild Extinction Rebellion

Blockaden aller Art kennt man von Extinction Rebellion, einer radikalen Klimagruppe mit Wurzeln in Großbritannien. Sie hatte mit Blockaden in London und weiteren britischen Städten für Aufmerksamkeit gesorgt. Durch die Stilllegung der Waterloobridge gingen zu den Protestzeiten zahlreichen Taxifahrern, die meistens aus der Diaspora kommen, viele Aufträge durch die Lappen. Einige Menschen konnten nicht rechtzeitig zur Arbeit. Die britische Regierung hat es mäßig interessiert. Aber der soziale Faktor wird nicht berücksichtig.

Protestaktion von Extinction Rebellion am Heathrow Airport im 2019. (Bild: Reuters/Simon Dawson)

Sollten auch in Deutschland solche Proteste stattfinden, werden auch hier prekär Beschäftigte oder Pendler davon betroffen sein. Warum ich mich so dagegen sträube? Weil die eigentlichen Handlungsschritte auf der Hand liegen. Innerhalb von Fridays for Future werden die richtigen Dinge gefordert, aber mit solchen Aktionen ist es nicht getan und auch nicht mit Nachdruck gefordert.

Das politische System und seine Ausrichtung sind die Ursache. Fatale Verkehrspolitik und konservative Parteien, die auf neoliberale Weise den Klimawandel klein reden. Dazu gehört auch, dass die neoliberale Finanzspekulation und Konzentration auf das reiche Individuum im Fokus stehen.

Ich weiß nicht, ob jemals davon gesprochen wird, des Klimas wegen eine Realwirtschaft zu fördern. Die würde nämlich nicht auf der ökonomischen Theorie basierend die Selbstregulierung des Marktes durch Angebot und Nachfrage fördern, sondern in realistischer Relation Güter produzieren. Und somit wäre das Thema Klima schon weitaus früher in der Wirtschaft und Politik angekommen.

Aber der meist als linksradikal abgestempelte Kampf der Klimaaktivist*innen wird so weiter nur polarisierend medialen Erfolg haben. Und er wird weiß bleiben und privilegiert. Um die Fehler im System ganzheitlich beheben zu können, muss man auch erstmal das Gesamtbild der Fehler sehen. Gut, dies ist nicht die Aufgabe von Luisa Neubauer, sondern die der Bewegung.

Aber ist sie nun mal Repräsentantin von FFF, so muss sie auch acht auf ihren Einfluss geben. Neokolonialismus und die nahezu hundertprozentige Verantwortung der Europäer durch die vorherige Ausbeutung sind nämlich nicht die Infos, die von ihr medienaffin verbreitet werden. Wenn sie das eine möchte, ist es dringend notwendig, intersektional, sozial und solidarisch zu denken.

FFF sollte auch BPoCs in ihre Arbeit mit einbinden. Menschen wie zum Beispiel Imeh Ituen leisten wichtige Aufklärungsarbeit und klimaaktivistische Arbeit. Sie ist Teil des BPoC Environmental and Climate Justice Collective Berlin, eines Kollektivs für Klimaschutz von Schwarzen sowie Menschen of Color. Mit solchen Kollektiven muss FFF zusammenarbeiten, um davon sprechen zu können, für “alle” auf die Straße zu gehen.

Es ist von Nöten, das einflussreiche Personen wie Luisa Neubauer diese Position nutzen, um auch das eigene Privileg zu hinterfragen. Denn dieses hat dem Klimawandel in der Vergangenheit auch zugespielt. Und: Ziviler Ungehorsam tut auch den gezwungen Gehorsamen weh. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass man das im gutbürgerlichen Aktivismus nicht sein möchte: Eine Person, die nach unten tritt.