Kommentar: Markus Söder spielt jetzt Champions League

Neue Leute für die Bundesregierung? Markus Söder beim Besuch des Nürnberger Christkindlesmarkt im vergangenen Dezember (Bild: Getty Images)

Bayerns Ministerpräsident wirbt für Auswechslungen im Bundeskabinett. Wenn er da mal nichts verwechselt.

Ein Kommentar von Jan Rübel

In den vergangenen Monaten bemühte sich Markus Söder um den Fairplay-Pokal. Nichts Böses sagte er über die Bundesregierung in Berlin, obwohl die im kalten Preußen sitzt. Die Wähler umgarnte er von allen Seiten, als könne er es allen recht machen. Und vor allem malte er seine rechtspopulistischen Tendenzen schlicht grün an.

Damit hat Bayerns Ministerpräsident Erfolg. Die einen mögen in seinen Manövern die Runden eines Wendehalses sehen. Andere können darin die Fähigkeit zur Selbstkritik erkennen: Söders Versuch, die AfD durch Kopieren ins Abseits zu drängen, scheiterte kläglich. Und er war klug genug, irgendwann dieses Pferd zu wechseln.

Doch nun könnte es eine Volte zu viel sein. Zum einen vergaloppierte er sich in seiner politischen Sprache. Und seine Wendigkeit kommt gerade vor wie ein Winkelzug nach dem anderen.

Was ist passiert? In einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ warb Söder dafür, man möge in Berlin „bis Mitte des Jahres das Regierungsteam verjüngen und erneuern". Warum? Der Ministerpräsident verglich die Bundesregierung mit einer Fußballmannschaft. In so einem Team würde man zur Halbzeit auch frische Kräfte bringen, sagte er.

Der Ball ist rund

Dieser Vergleich hinkt, dass er kaum vorankommt. Im Fußball wird nicht automatisch zur Halbzeit gewechselt. Es soll vorkommen, dass Trainer auf die Mannschaft der ersten Halbzeit auch weiterhin setzen. Und zwar macht die Große Koalition zuweilen einen unkoordinierten Eindruck, dann leidet das Passspiel. Aber die so genannte zweite Halbzeit dauert in der Politik längst nicht so lange wie im Fußball: Spätestens im Oktober 2021 wird der Bundestag neu gewählt, und ob das Bündnis aus Union und SPD bis dahin hält, hängt nicht an der Performance einzelner Minister.

Auch ist der Ruf nach einer „Verjüngung“ zweifelhaft. Denn ob eine Politik alt oder jung daherkommt, liegt nicht am Alter ihrer Exponenten: Jung an sich ist kein Wert. Es kommt auf die Inhalte an. Junge Politiker, die mit ihrem Alter werben, tun dies, weil ihnen nichts anderes einfällt.

Eine Auswechslung drängt sich also nicht wirklich auf. Warum nun der Flügelvorstoß von Söder?

Zum einen will er sich, nach dem Einheimsen des Fairplaypokals, anderen Zielen widmen. Söder, der sich gerade andauernd erneuert, im Grunde jeden Tag, will dadurch in Berlin mehr mitreden. Denn bisher verhielt sich der CSU-Parteichef dort recht still. Da die Umfragen jedoch auch damit liebäugeln, angesichts des Chaos in der CDU gar an einen Unions-Kanzlerkandidaten Söder zu denken, wachsen dem Franken Flügel. Und denen will er nun ein wenig Wind verschaffen. Auch treibt er mit solchen Vorschlägen andere vor sich her, das ist kommod.

Zum anderen zielen seine Halbzeitideen auf einen alten Rivalen. Sein Vorgänger Horst Seehofer ist nicht der jüngste im Bundeskabinett. Zwar hat er die lange Reihe seiner Fettnäpfchen im Amt des Innenministers hinter sich gelassen und leistet geräuschlos seine Arbeit – aber Rivale bleibt Rivale; Seehofer darf sich bei den Wechselphantasien Söders, der als Parteichef bei der Besetzung von CSU-Posten das letzte Wort hat, angesprochen fühlen.

Einen gäbe es ja

Interessant auch, dass in Söders Visier, zumindest nicht direkt, ein CSU-Bundesminister nicht steht: Verkehrsminister Andreas Scheuer ist mehr als angezählt. Er verantwortet gleich mehrere Debakel zu Maut und Diesel, wird den Ruf nicht los, kein Erneuerer zu sein und stattdessen bestrebt zu sein, möglichst viele Baugelder nach Bayern zu schieben – was die CSU-Minister vor ihm auch taten, aber irgendwann ist das Ende der Toleranz erreicht. All dies spüren Scheuer und auch Söder. Aber noch hält letzterer seine schützende Hand. Dummerweise ist Scheuer auch nicht alt. Die sich logisch aufdrängende Auswechslung passt gar nicht zu den politfußballerischen Ideen von Söder.

Also alles halb so wild. Der bayerische Löwe hat nur ein wenig miaut. Das mit der Kanzlerkandidatur sollte man sich besser nochmal überlegen.