Kommentar: Neue Hinweise im Fall Oury Jalloh – und sie machen Angst

Oury Jallohs Bruder Saliou Diallo vor der Präsentation des neuen Gutachtens am Montag (Bild: Jörg Carstensen/dpa)

2005 starb ein Mann in einer Polizeizelle. Die Aufklärung geriet zum Skandal. Und nun sprechen neue Erkenntnisse von Misshandlung.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Dass die Polizei Freund und Helfer ist, stimmt nicht nur. Es ist eine wichtige Wirklichkeit, denn auf die Ordnungshüter ist Verlass – und diese wichtige Arbeit verrichten sie in vielen Überstunden und schlecht bezahlt. Dann gibt es noch die faulen Äpfel, wie in jedem Beruf, nur dass diejenigen unter Polizisten mehr Macht kriegen, wegen der Verantwortung. Und schließlich ist immer die Frage zu stellen, ob gewisse Strukturen diese Umtriebe begünstigen.

All dies führt zum Fall Oury Jalloh. Denn der löst die Angst aus, dass es Strukturen gibt, die über schlimmstes Verhalten bei einzelnen Beamten hinwegsehen.

Was war passiert, damals im Jahr 2005, als in einer Dessauer Gewahrsamszelle der in Deutschland geduldete Jalloh starb? Es entblättert sich eine unglaubliche Geschichte, die nun weitererzählt wird.

Der Mann aus Sierra Leone kam in Gewahrsam, weil er erheblich betrunken war und Frauen belästigt haben soll; man fand auch Spuren anderer Drogen im Blut. Jalloh wehrte sich, wurde gefesselt, auch an die Matratze in seiner Zelle. Stunden später starb er einen Hitzetod – die Matratze war in Flammen aufgegangen.

Es geht nicht nur um Versagen

Was dann geschah, ist eine Kette von Skandalen. Die Polizei ging von Suizid aus, Jalloh habe die Matratze selbst angezündet. Und die ermittelnde Justiz tat alles, schaute aber nicht genau hin. Scheibchenweise mussten private Initiativen die Recherchen vorantreiben, und dann stand fest: Jalloh war gar nicht in der Lage gewesen sich anzuzünden. Doch auch dann schloss die Justiz weiter die Augen, wegen Ermangelung eines Tatverdachts gegen Dritte; Polizeibeamte wurden nur wegen fahrlässiger Tötung zu Geldstrafen verurteilt, weil sie ihn hätten retten können. Doch Feuermelder und Lautsprechanlage waren, welch Zufall, abgeschaltet gewesen.

Protestierer erinnern an den Todestag von Oury Jalloh in Dessau (Bild: Getty Images)

Und nun kommt ein erneuter Höhepunkt. Im Grunde sind es zwei. Zuerst hat das Gericht eine so genannte „Klageerzwingung“ in diesem Monat abgelehnt, aus formalen und materiellen Gründen. Dem Antrag sei es nicht gelungen, in sich schlüssig und mit ausreichend Beweisen das mögliche Tatgeschehen darzustellen – als wäre dies Aufgabe von Anwälten und nicht der Justiz. Doch nun ist ein erneutes Gutachten aufgekommen, ein forensisches. In Auftrag gegeben hat es die private „Initiative Gedenken an Oury Jalloh“ (IGOJ) – auch ein Skandal, dass Bürger das übernehmen, wozu sich Polizisten, Staatsanwälte und Gerichte weigern.

Dieses neue Gutachten auf radiologischer Basis kommt zum Schluss, dass Jalloh VOR seinem Tod erhebliche Verletzungen erlitten habe. Ihm seien demnach unter anderem das vordere Schädeldach, das Nasenbein, die Nasenscheidewand und eine Rippe gebrochen worden. Als Jalloh auf die Polizeiwache kam, hatte ein ihn untersuchender Arzt diese Verletzungen nicht festgestellt.

Was ist denn da geschehen?

Wie wäre es mit 1+1=2?

Es wäre nicht die erste Wende in diesem Fall. Es gibt belastende Aussagen von Polizisten, welche diese später ohne Angabe von Gründen zurücknahmen. Es gibt Milchmädchenrechnungen, wonach die Schlussfolgerungen der betroffenen Beamten nicht stimmen können. Aber es gibt auch die Weigerung von Seiten der Behörden genauer hinzuschauen. Warum eigentlich? Fürchtet man die Offenlegung unbequemer Wahrheiten?

Ein Mann starb in einer Lage, in der er unbedingt sicher hätte sein müssen. Wer in Obhut der Polizei ist, egal aus welchen Gründen, muss sich fühlen wie in Abrahams Schoß. Hier geht es nicht nur um den Verdacht staatlichen Versagens, sondern Verbrechens. Ansonsten können wir den Rechtsstaat vergessen. Und den wollen wir doch. Ironischerweise sind es nicht selten jene, die eine Schwächung von Recht und Ordnung beklagen, welche an der Aufklärung des Falls Oury kein gesteigertes Interesse zeigen. Wie lebt man mit solcher Widersprüchlichkeit?