Kommentar: Sigmar Gabriel verlässt im SUV die Politik

Sigmar Gabriel ist im Gespräch als oberster Autolobbyist (Bild: Getty Images)

Der Ex-Parteichef wird als Autolobbyist gehandelt. Sein Umgang damit zeigt: Gut, dass die Politik ihn bald los wird.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Sigmar Gabriel beweist in diesen Tagen nicht zum ersten Mal, dass er den schmalen Grat zwischen Gelassenheit und Arroganz nicht kennt. Er hat gern beides.

Die Chefs der deutschen Autoindustrie suchen für ihren Automobilverband VDA einen neuen Präsidenten, der bisherige hat nicht ordentlich Wumms entwickelt. Sowas kann Gabriel tatsächlich. Er wäre auch nicht schlecht in der Ausfüllung dieses Amts. Selbst überraschen könnte er, denn immerhin war Gabriel, ungefähr in der Jungsteinzeit, einmal Bundesumweltminister. Er könnte der inhaltlich dahinsiechenden Autoindustrie das nötige Bewusstsein für eine Energiewende einflößen, damit diese ihre Rolle dabei findet.

Dass also der ehemals oberste Umweltschützer nun Oberlobbyist des größten Luftverpestungsclubs auf vier Rädern wird, könnte für die Veränderungsfähigkeit der Industrie sprechen – oder für die von Gabriel.

Was haben wir nicht alles von ihm gesehen. Oft war er Boss. Ministerpräsident, Ressortchef für Umwelt, Wirtschaft und für Äußeres, nicht zu vergessen die SPD als Partei. Am Ende dieser Karriere, bei der Gabriel jede Aufgabe ernsthaft und mit Leidenschaft auszufüllen versuchte, bleibe ich ratlos auf der Strecke. Für was stand und steht der Herr überhaupt? Welches sind die Wertmaßstäbe seines Handelns?

Immer dieses Boss-Gen

Mit Gabriel, der im November sein Bundestagsmandat niederlegen will, scheidet ein Alphatier aus der Politik aus. Und das ist gut so. Inhaltlich verbog er sich bei seiner Reise bis aufs Unkenntliche, bis auf ein immer wieder durchschimmerndes Kernelement, und das ist das Boss-Gen. Kollegen neben sich kannte er kaum. Die waren weiter unten anzusiedeln. So spiegelt sich in Gabriel zwar eine Sehnsucht nach Führerschaft, die es in der kriselnden SPD zuhauf gibt. Andererseits hört sich seine bloße Mitgliedschaft als Betriebsunfall an, sollte er VDA-Präsident werden, oder anders formuliert: Dieser Job ist aus linker und ökologischer Sicht dermaßen kontaminiert, dass sich ein Sozialdemokrat sowas nicht antut. Aber dann ist da das Gehalt, der Einfluss, die dicke Karosse.

Es bleibt für mich unverständlich, wie ein Politiker, der für seine Familie und das Rentnerdasein sicherlich genügend vorgesorgt haben wird, nach seinem Ausscheiden in andere Jobs wechselt, die noch mehr Geld versprechen – und das auf Grund seiner gemachten Erfahrungen und vor allem Kontakte in der Politik. Ich sehne den Tag herbei, an dem solch ein Alpha-Spitzen-Politiker einen Job fürs Volk im Volk macht. Der Anwalt für Mieter wird statt für Vermieter, oder Sozialarbeiter berät, kleine Bauern oder von der Demografie bedrohte Regionen. Als VDA-Präsident dient man – ausschließlich den Interessen der Autoindustrie, und da möge keiner kommen mit den Arbeitsplätzen dort: Dass dort viele gefährdet sind, liegt weniger an der Politik als an den Herstellern selbst. Ein Umbruch wird kommen, hoffentlich so gut wie möglich moderiert, aber das liegt in den Händen der Autovorstände, der Entwickler und der Politik; nicht aber bei einem Lobbyisten, dessen einzige Aufgabe es ist, möglichst viel an öffentlichem Geld und Leidensfähigkeit für seine Auftraggeber herauszuleiern.

Er staunt und kann eine Menge

Dass Gabriel sich nicht schämt, führt uns wieder zu dem schmalen Grat zwischen Gelassenheit und Arroganz. Als die Berichte aufkamen, er könnte VDA-Präsident werden, und es auch aus der Autoindustrie Signale gab, wonach eigentlich schon alles klar sei, ließ Gabriel verlauten: "Ich habe mich nicht ins Spiel gebracht und bin nicht offiziell vom VDA angesprochen worden", sagte er der “Zeit”. "Ich staune ein bisschen, bin aber auch weit genug weg in den USA und sehe mir das mit großer Gelassenheit an." Und ferner: "Ich kann dementieren, dass es mit mir irgendwelche formellen Gespräche darüber gegeben hat."

Arroganter und selbstvergessener geht es kaum. Wer wen “ins Spiel gebracht” hat, spielt keine Rolle. Schön auch für ihn, dass er, ganz wichtig und quasi über den Wolken, “weit genug weg in den USA” weilt. Woher er seine “Gelassenheit” indes nimmt, erschließt sich mir nicht, denn: Für die Öffentlichkeit ist es völlig unerheblich, ob es ein formelles oder informelles Gespräch gegeben hat. Die Öffentlichkeit will Bescheid wissen, also Butter bei die Fische haben. Und entweder “dementiert” Gabriel oder er tut es nicht, aber dass er dementieren “kann”, also eine gewisse Potenz zu demonstrieren versucht, erklärt sich von selbst.

Bisher ist klar, dass die Autobosse ihn wollen. Und dass nichts in trockenen Tüchern ist. Wäre Gabriel vor Selbstbewusstsein also nicht “weit genug weg”, hätte er kommuniziert: Ich kann darüber nichts, oder noch nichts sagen. Sie werden zu gegebener Zeit davon hören. Oder er hätte gesagt, dass ihn der Job interessiert oder nicht interessiert. Stattdessen lässt uns Gabriel teilhaben, an seiner Gelassenheit, seinem Weit-Weg-Sein, seinem Staunen und seinem Können.

Gut, dass er bald weg ist aus der Politik.