Kommentar: Sind wir zu blöd für ein Tempolimit?

Ist dies das Zeichen wahrer Freiheit? (Bild: Getty Images)

Ganz Europa ist von Geschwindigkeitsbegrenzungen besetzt. Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Teutonen bevölkertes Land hört nicht auf, ihnen Widerstand zu leisten. Warum eigentlich? Zehn Fragen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Womöglich bin ich schlicht ein Angsthase. Sehe ich ein Auto mit hoher Geschwindigkeit rasen, also bei um die 130 Stundenkilometern, denke ich nicht an Freiheit, an das sich schneller nähernde Ziel, sondern an den drohenden Knall in die Leitplanken und daran, dass unsere Körper für solches Tempo nicht gemacht sind – sie bieten bei Unfällen keinen Schutz, sondern verwandeln sich in Zustände, die ich an dieser Stelle lieber nicht mit Worten beschreibe.

Daher habe ich bisher selten auf Autobahnen die Versuchung gespürt, richtig schnell zu fahren. Mit dem steigenden Zähler schwindet ja die Kontrolle. Und wer anderes sagt, glaubt auch an den Weihnachtsmann (sorry, Kids).

Mehrheitsfähig scheint diese Einstellung nicht zu sein. Zumindest unter Politikern gibt es ein Beharren auf dem Status quo, der ein generelles Tempolimit ablehnt. Entweder sind also die Deutschen besonders schlau, weil unser Land das einzige ist, welches noch kein generelles Tempolimit hat, oder sie sind besonders beratungsresistent. Zeit also für ein paar Fragen. Besonders, nachdem unser Nachbar Niederlande gerade mal so nebenbei, als Regierungsdekret ohne lange Debatten im Parlament, das Tempolimit von 130 auf 100 Stundenkilometern begrenzt hat, während wir nicht einmal 130 hinkriegen. Es sind genau zehn Fragen:

  • Welchen Preis zahlen wir bei einer „freien Fahrt für freie Bürger“? Wie viele Leben hat ein einzelner Mensch, wie verwundbar ist sein Körper?

  • Kommen wir tatsächlich schneller ans Ziel, wenn wir aufs Gaspedal treten?

  • Was spricht gegen ein vermindertes Unfallrisiko?

  • Was ist das für ein Gefühl, wenn jemand mit 180 unterwegs ist, und ein anderer schert bei 100 aus zum Überholen?

  • Nimmt der Liberalismus ab, wenn es eine Beschränkung mehr gibt?

  • Liegt unser Beharren daran, dass Deutschland das Land der Autoindustrien ist? Bei Rauchverboten waren wir auch mit die Letzten, und viele Zigarettenfabriken stehen hier.

  • Glauben wir, dass ein Tempolimit nicht zu weniger Abgasen führen würde?

  • Wollen wir nicht etwas gegen den Klimawandel unternehmen?

  • Was hat erhöhtes Fahrtempo mit Individualität und Persönlichkeit zu tun? Und wie stark leidet mein Ego, wenn ich im ICE sitze?

  • Vielleicht haben die Anderen ja doch Recht? Franzosen, Holländer und Italiener zum Beispiel vermitteln nicht den Eindruck, ein Problem mit dem Tempolimit in ihren Ländern zu haben.

Es braucht einen einfachen, klaren Schnitt. Es ist Zeit, dass sich das gallische Dorf ändert.