Kommentar: Thüringens CDU braucht einen Ruck

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke, rechts) würde gern an der Macht bleiben - braucht aber dafür mitunter Mike Mohrings (links) CDU (Bild: Carsten Koall/Getty Images)

Jetzt mal beiseite mit dem Ideologie-Kram. Thüringens Christdemokraten denken nach vorn, wenn sie eine linke Regierung zulassen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

In Zeiten der Krise cool bleiben, das ist doppelt schwer. Die CDU in Thüringen ist derzeit nicht zu beneiden – denn ihr geht es nicht gut, und dann muss sie auch noch halb Deutschland auf den Schultern tragen.

Von Regierungsverantwortung und Macht sind die Christdemokraten weit entfernt. Die seit Jahrzehnten erfolgsverwöhnte CDU landete bei den Landtagswahlen im vergangenen Herbst auf dem dritten Platz. Doch seitdem ist immer noch nicht geklärt, wie die künftige Regierung aussehen soll. Und da kommt die CDU wieder ins Spiel, die eigentlich in Ruhe ihre Wunden lecken müsste.

Denn auch die bisherige Koalition aus Linke, SPD und Grünen hat keine Mehrheit. Alle weiteren Bündnissuchen erschweren sich, weil im Landtag eine starke AfD sitzt, mit der keiner will. Außer die mit sich selbst. So ist das, wenn man als Landeschef einen Mann hat, der sich Führerphantasien hingibt. Dass mit der AfD niemand regieren will, liegt an keinen undemokratischen Verschwörungsspielen, sondern daran, dass die AfD nicht anständig genug ist.

Eine Regierung sollte funktionieren können

Doch diese Konstellation stellt Thüringens CDU vor eine Kniffelaufgabe. Das Wahlergebnis hat keine eindeutigen Sieger ergeben. Und von einer Neuwahl sind keine groß anderen Stimmenergebnisse zu erwarten. Aber es gibt einen Trend, der aus dem Resultat herauszulesen ist: Dass die bisherige Landesregierung eher bestätigt wurde und sie eine zweite Chance unter dem beliebten und von den Wählern anerkannten linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow verdient, der so präsidial und überparteilich agiert, dass man ihn schon einen Landesdaddy nennen möchte.

Es wäre also ein Schritt der Vernunft, wenn die CDU nun dieser neuen Landesregierung das Regieren ermöglicht – sei es durch ein Bündnis, durch eine Duldung oder durch eine „projektgebundene“ Zusammenarbeit, wie es nun heißt. Den thüringischen Christdemokraten ergeht es ein wenig wie der SPD im Bund, die nach der desaströsen Bundestagswahl am liebsten in der Opposition ein bisschen Reha absolviert hätte, dann aber doch Verantwortung übernehmen musste, weil sie niemand anderes fand, und das Land ja regiert werden muss. Nur hat die CDU, ganz generell, eine deftigere Portion Größenwahnsinn: Regieren scheint ihr normal zu sein, den Duft der Macht kriegt sie nicht rasch aus der Nase.

Verantwortung heißt nicht automatisch Macht

So zeigte Thüringens Landeschef und Spitzenkandidat Mike Mohring eine Volte nach der anderen, um an die Macht zu kommen. Früh brachte er ein Bündnis mit der Linken ins Spiel, wurde dann zurückgepfiffen. Dann versuchte er sich absurderweise im Herbeireden einer Koalition aus CDU, SPD, FDP und Grünen, welche natürlich keinen Millimeter aus diesem Luftschloss herauskam. Und nun also redet er von einer projektbezogenen Zusammenarbeit mit dem Landesdaddy.

Es lungert nämlich eine Gefahr in seiner eigenen Partei. Da sind einige, auch Spitzenleute, die gern mit der AfD reden würden, übers Regieren. In Thüringens CDU existiert eine rechte Flanke, die empfänglich ist für den Machttalk. Deren Vertreter sehen in der Linkspartei etwas ähnlich Schlimmes wie die AfD, wenn nicht noch mehr. Das ist, auch im Schatten der Diktaturvergangenheit der Linken als Nachfolgepartei der SED, Kokolores. Freiheit und Demokratie sind in diesen Zeiten von rechts her in Gefahr, nicht von links.

Und das beschreibt genau, warum es das halbe Deutschland ist, welches die thüringischen Christdemokraten auf ihren Schultern tragen müssen. Sie müssen Verantwortung übernehmen, indem sie selbst nicht zu den Fleischtöpfen drängen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen man erfolgreich Wahlkampf mit roten Socken machte. Denn längst wehen die braunen im Wind.