Kommentar: Warum fährst du einen SUV?

Über Sinn und Zweck von SUVs in der Stadt lässt sich trefflich streiten - ohne gleich die "Öko-Polizei" zu rufen (Symbolbild: Getty Images)

Die “Bild”-Zeitung kommt ins Kreischen, weil ein Wissenschaftler zu Streit unter Nachbarn und in Familien aufruft – um mehr beim Klimaschutz zu erreichen. Merke: Je lauter “Bild” gegen etwas tönt, desto richtiger ist es.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Eine Kampagne der “Bild”-Zeitung erkennt man an Kronzeugen, die nichts zu verlieren haben. Die beteiligen sich an jedem Unsinn, um einen letzten Strahl Scheinwerferlichts abzubekommen. Angeheizt wird dieses Manöver durch eine krasse These, und die lautet mit der heutigen Schlagzeile: “ARD-Professor will Öko-Stasi”.

Holla, die Waldfee, in solch einer Parole steckt Marschmusik. Was ist passiert? Der Deutschlandfunk hatte einen Wissenschaftler interviewt, der Volkswirt Nico Paech sollte die Klimaschutzbemühungen der Bundesregierung kommentieren und holte dabei zu einem Rundumschlag aus.

Er sagte: “Das Problem ist nur, dass eine nächste Entwicklungsstufe nötig ist, sodass Menschen auch wieder untereinander anfangen darüber zu diskutieren und sich gegenseitig auch, wenn es sein muss, zu kritisieren, auch mal einen Streit beginnen dergestalt, dass ich meinem Nachbarn sage, hör mal, warum hast du eine Kreuzfahrt gebucht, wer gibt dir das Recht, einen SUV zu fahren, warum musst du eine Flugreise in den Skiurlaub auch noch tätigen. Das muss in Familien, das muss an Schulen, das muss in allen öffentlichen Institutionen, allen Gesprächen, allen Wirtshäusern Thema sein.”

Paech formulierte einen heftigen Appell ans Miteinander, an das eigene Nachdenken über die Folgen eigenen Handelns und an kontroverses Diskutieren, Streiten. Darüber kann man streiten. Aber keinem Nachbarn und keinem Papi fällt ein Zacken aus der Krone, wird er wegen seines Geländewagens, der bisher nur Innenstädte sah, kritisiert. Das wird man ja wohl ertragen können.

“Bild” macht auf Mimimi

Nicht aber “Bild”. Denn sie sieht darin Zeug zum Skandal. Sie interpretiert: “Im Klartext: Menschen sollen ihre Nachbarn hochnotpeinlich zur Rede stellen – um sie zum Umdenken zu bringen.”

Schon interessant, dass eine Zeitung, die selten mit Samthandschuhen unterwegs ist, nun ein Faible für Mimosen entwickelt. Eine Debatte über mögliches klimaschädigendes Verhalten ist dann fürs Blatt gleich “hochnotpeinlich”. Ich finde anderes hochnotpeinlich.

Nun schlägt die Stunde der Nobodys. Sie werden nun von “Bild” als Kronzeugen für die Abteilung “Schräges & Skurriles” rekrutiert.

“Wenn wir Bürger für Umweltschutz gewinnen wollen, brauchen wir Maß und Mitte”, sagt der FDP-Bundestagsabgeordnete Oliver Luksic erstmal moderat nichtssagend. Der Verkehrspolitiker ist bei den Liberalen durchaus etabliert und anerkannt – nur geht es der Partei an sich gerade nicht gut, das hängt auch damit zusammen, dass sie Dinge wie Klimawandel bei “Profis” sehen will und meinte damit Schüler dissen zu können. Leider hat sich die Partei selbst ins Abseits der öffentlichen Wahrnehmung gedisst, und daher meinte womöglich Luksic ausholen zu müssen: “Die Klima-Debatte nimmt immer mehr hysterische Züge an. Was kommt als nächstes, die Öko-Stasi?”

Es ist ein bekanntes Muster, einem Vorschlag totalitäre Züge anzuheften, wenn man anderer Meinung ist. Die Stasi, als Inlandsgeheimdienst der DDR, sorgte nicht nur für eine möglichst lückenlose Überwachung der Bürger, sondern auch für deren Drangsalierung, damit sie bloß nicht gegen die Diktatur aufmuckten. Was bitteschön, hat das mit der Idee zu tun, mit Nachbarn, Freunden und Verwandten kritisch zu diskutieren, ob dieser Flug oder jenes Auto nun nötig sei? Der Vergleich mit der Stasi ist, höflich ausgedrückt, verhoben.

Eine Frage der Macht

Doch es kommt noch dicker. Ein echter Stasi-Experte tritt auf. Vorhang auf für Hubertus Knabe, er kennt sich aus und hat anerkannte Standardwerke zur Stasi verfasst. Im vergangenen Jahr wurde ihm als Leiter einer Gedenkstätte gekündigt. Seither ist es ruhig um ihn geworden. “Bild” bietet ihm nun eine Bühne. “Die Aufforderung, seine Nachbarn zur Rede zu stellen, erinnert an totalitäre Staaten, in denen man dazu angehalten wurde, seine Mitbürger zu agitieren.”

Knabe sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht: Er weigert sich die Machtfrage zu stellen. Totalitäre Staaten haben eine machtvolle Spitze, und die hat sie auf Kosten ihrer Bürger. Damit das so bleibt, sollen die “auf Linie” sein – mit Hilfe von Agitation. Was Paech aber fordert, kommt aus der Position der Machtlosigkeit. Es ist das krasse Gegenteil und daher NICHT totalitär – egal, wie man inhaltlich zum Klimawandel und dem eigenen Verhalten steht.

Knabe indes ist nicht zu stoppen. “Der nächste Schritt ist, die Nachbarn öffentlich an den Pranger zu stellen oder bei der Öko-Polizei zu denunzieren, wenn sie nicht nach den eigenen Vorstellungen leben. Eine beunruhigende Vorstellung.”

Beunruhigend ist, dass Knabe von einer “Öko-Polizei” halluziniert, die es nicht gibt. Er kreiert ein Monster, um es kritisieren zu können; eine billige Nummer.

In Deutschland gibt es ein Recht auf den Kauf von SUV und dem Fliegen für jeden zu erledigenden Kleinkram. Paech appelliert an eine Bewussteinsschärfung. Am Ende könnten dann Gesetze stehen, welche den Verkauf von SUV verbieten (ziemlich unwahrscheinlich) und ein Kontingent für Flugreisen (schon wahrscheinlicher) einführen. Gesetze reagieren halt auf Umstände, wenn diese zum Wohle der Allgemeinheit korrigiert werden müssen. Wenn es mit dem Klimawandel so weitergeht, wir seine Folgen immer bitterer bezahlen müssen, ergeben sich die rechtlichen Schritte von allein.

Ein selbstbewusster SUV-Fahrer wird seine Autowahl schon begründen können. Und antworten sollte er, denn es gibt Unterschiede in Bezug auf Spritverbrauch, Raumbedarf und Unfallgefahr. Wer das nicht aushalten will, soll das Fahrrad nehmen. Oder bin ich jetzt bei der Öko-Polizei?