Kommentar: Wer sich bedroht fühlt, bedroht andere selbst ganz gut

Österreich ist schön. Nur am Liedgut könnte man noch arbeiten (Bild: Getty Images)

Rechte sehen Unbill öfters als andere. Ist das geschärfter Realitätssinn? Interessant jedenfalls ist das zweierlei Maß, das sie anlegen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Es ist ja nicht gut, oft auf Hundertachtzig zu sein. Ängste sind auch wenig ratsam, irgendwann traut man sich nicht mehr vor die Tür. Hyperventilierend um den Wohnzimmertisch tigern – das scheint kein wünschenswerter Zustand.

Bleibt also die Frage, warum „da draußen“ so viel Furcht ist, vor dem „da draußen“. Es heißt ja, die Deutschen würden sich mehr ängstigen. Nur wird es selten konkret. Und wenn doch, dann schnell zum Lachen.

In der Nähe Münchens bekam ein AfD-Funktionär nasse Füße, als er das Nürnberger Christkind erblickte, das ist kein Scherz. Aktuell wurde eine Gymnasiastin gewählt, und weil ein Elternteil aus Indien stammt, hat das in Nürnberg geborene Christkind der kommenden zwei Jahre keine weiße Haut. Nun ja. Ich wusste bisher nicht, dass es Normen etwa beim TÜV für Christkinder gibt, aber man lernt nie aus: Auf der Facebookseite des AfD-Kreisverbands München-Land las man dazu, dass das "Christkind auf den Bildern eigentlich immer nur goldenes Haar besitzt". Und ich dachte, das Christkind als Gabenbringer werde eh nicht gesehen. Eine Google-Bildersuche übrigens ergibt, dass Christkinder durchaus mit dunklem Haar auftraten; je weiter man zurückgeht, desto öfter. Aber damals gab es ja noch nicht die AfD, und die denkt an eine ganz andere Bescherung. Denn wenig später hieß es zum Nürnberger Christkindpost: "Nürnberg hat ein neues Christkind. Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen."

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Holla, da zeigt einer aber ordentlich viel Angst. Die Indianer Amerikas wurden bekanntlich Opfer eines Völkermords, das möchte ja keiner erleben. Sowas ist nicht nur krass überzeichnet, sondern verfügt über keinerlei Bodenhaftung mit der Wirklichkeit. In Süddeutschland wurden noch keine von Kavallerie flankierten Siedler gesichtet. Und dass jemand davon ausgeht, der gemeine Deutsche sei bleich auf der Haut und golden sein Haar, mag zu vielen Tränken an Halloween geschuldet sein.

Die AfD distanzierte sich rasch und aufrichtig von diesem Post. Sie muss sich dennoch fragen, warum solche Angsttiraden immer wieder in ihren Reihen auftreten.

Lass mal Fünfe gerade sein

Auf der einen Seite herrscht die Wahrnehmung einer Bedrohung vor, die nicht mit Wachsamkeit erklärt werden kann. Auf der anderen aber wird auch scharf geschossen, während beim Blick auf das eigene Lager jede Wachsamkeit abgelegt wird. Da fühlt man sich plötzlich gar nicht schnell bedroht, von den Bösartigen gegen alles Mögliche - weil es eben von den eigenen Freunden kommt? Weil es Spaß macht andere zu bedrohen?

Die österreichische Vorbild-Partei der AfD ist die FPÖ. Und dort ist nun der neu ins Bundesparlament gewählte Abgeordnete Wolfgang Zanger in die Schlagzeilen gekommen, wegen seines Liedgutes. Zanger war, nach eigener Aussage, bis vor zwei Jahren „Altherrenobmann“ der schlagenden Verbindung „Corps Austria zu Knittelfeld“, eine Art Ansprechpartner. Und die Burschenschafter erhielten 2005 ein besonderes Geschenk von anderen Kameraden aus Graz, nämlich extra gedruckte "Liederliche Lieder zum 125. Stiftungsfest des Corps Austria zu Knittelfeld". Der Politiker Zanger besitzt also ein Liederbuch, in dem es heißt: "Heil Hitler, ihr alten Germanen". Österreich selbst kommt nicht gut weg, es wird als "Land der Kriecher" und "Land der Schieber", als "Schmiergeldreich" bezeichnet. Klar, kriechen tun immer die anderen. Die Republik ist in den Zeilen dieses Buches auch nicht so toll, "Skandale dann vertuschen", heißt es, "das geht nur in Österreich". Stimmt, wie die Bemühungen der FPÖ zur Vertuschung der Videoaffäre ihres ehemaligen Chefs Strache dokumentieren.

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Antisemitismus darf da nicht fehlen. „Rothschild“, wer auch immer das ist, sei das „größte Schwein“. Der Name wirkt als Chiffre der alten Nazis für Juden. Noch heute gilt er unter Idioten aller Länder als Element einer rein ausgedachten Weltverschwörung von Juden. Wer diesen Quatsch glaubt, hat verdammt gern Angst.

Immer die anderen

Zanger jedenfalls ist nicht nur großzügig mit seinen Ängsten, sondern auch mit seiner Rechtfertigung. „Distanzieren kann ich mich nur von etwas, das ich selbst geschrieben, gesagt oder getan habe", sagte er der Zeitung Krone. "Warum soll ich mich von etwas distanzieren, das andere geschrieben haben?"

Tja, warum machten die Grazer Burschenschafter ihren Freunden solch ein offizielles Geschenk? Wollten sie sie ärgern? Oder dachten sie, da habe man etwas zum gemeinsamen Singen?

Es bleibt ein offener Widerspruch, wenn einerseits viel Angst herrscht und andererseits überhaupt nicht hingeschaut wird. Was das mit Realitätssinn zu tun haben soll, möge man mir mal bitte erklären.