Kommentar: Wie der Lockdown allen auf die Ketten geht

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 3 Min.
Bayern Münchens Trainer Hansi Flick. (Bild: Stefan Matzke - sampics/Corbis via Getty Images)
Bayern Münchens Trainer Hansi Flick. (Bild: Stefan Matzke - sampics/Corbis via Getty Images)

Reduzierung ohne Ende: Das normale Leben ist längst nicht zurück. Neben der Müdigkeit wächst auch stille Wut. Dies verdeckt, wie viel wir eigentlich schon geschafft haben.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Bayern Münchens Trainer Hansi Flick sprach ein, zwei Wahrheiten aus. Die Bundeskanzlerin, sagte er, nehme sich „nicht zu wichtig“. Es sei aber „krass“, wie ihr Handeln von Experten und anderen Politikern andauernd bewertet werde. „Da sollte man ein Miteinander finden, um den Menschen wieder Zuversicht zu geben. Das ist aktuell nicht der Fall.“

Zuversicht brauchen wir tatsächlich. Da sind die beruflich Verzweifelten, die am Tun gehindert werden, auf Staatshilfen warten und deren Ersparnisse schmelzen. Dort sind jene, die sich abrackern wie nie, in der Pflege oder im Krankenhaus. Und wir alle, die uns nach Normalität sehnen, nach einfach rausgehen zu einem Lokal, einer Kneipe, zum Friseur. Zu den Freunden. Und dann gibt es noch Hansi Flick, der mit seiner Mannschaft mal kurz nach Qatar düst. Kritik daran wie von SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach könne er nicht nachvollziehen: „Der Herr Lauterbach hat immer zu allem einen Kommentar abzugeben. Wenn ich nicht in der Verantwortung stehe und mir nur das Ergebnis anschaue, kann ich das immer leicht bewerten.“

Da war doch was

Flick übt sich anscheinend in der alten Arroganz seines Vereins, die zeitweilig abgelegt wirkte. Zum einen: Lauterbach wurde von Journalisten gefragt – warum hätte er nicht antworten sollen? Und zum anderen: Der Bundestagsabgeordnete steht sehr wohl in der Verantwortung, er ist in die wichtigen Entscheidungen der Bundesregierung einbezogen, was man von Flick nicht sagen kann; auch im Endeffekt, ob der Fußball mal wieder eine Extrawurst serviert kriegt. Flicks Äußerungen als unqualifiziert zu bezeichnen, ist noch höflich.

Dabei gibt es viele Fragen. Warum musste die Mannschaft nach ihrer Rückkehr aus einem Risikogebiet nicht in die Quarantäne? Und das nicht einmal, als Stürmer Thomas Müller positiv getestet wurde? Andere Sportler wie die Handballer mussten in der Isolation ausharren, aber hey: Für den FC Bayern München ist es schon ein Skandal, wenn die Abflugregeln des Berliner Flughafens nicht einfach so für ihn geändert werden. Wenn das Team dann die Nacht in einer Maschine verbringen muss, dann fühlen sich die Großkopferten „verarscht“.

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Ehrlich, ich fühle mich von Flick, Rummenigge und Hoeneß verarscht. Dabei finde ich es schon wichtig, dass die Bundesliga spielt – wir brauchen diese Abwechslung. Arroganz aber brauchen wir nicht. Der allwissende Flick dozierte dann auch noch: „Sie sollen sich zusammensetzen und eine Strategie entwickeln, dass man irgendwann Licht am Ende des Tunnels sieht. Das ist aktuell zu wenig.“ Ach so, haben die bisher nicht zusammengesessen und um eine Strategie gerungen? Denkt er, die Bundesrepublik ließe sich führen wie ein Fußballverein?

Was es jetzt braucht

Mehr Licht brauchen wir natürlich, Stichwort Müdigkeit und Wut. Eine Perspektive muss her. Die Hilfsgelder müssen endlich unkomplizierter und rasch ausgezahlt werden. Denn die Politik ist auf den Konsens für ihre harten Maßnahmen angewiesen. Demokratie ist ein kompliziertes Gebilde, da wird nicht „durchregiert“ wie in Nordkorea. „Leave no one behind“ – dieses Motto muss stärker beherzigt werden und Anwendung finden auf die Gastronomin und auf die in Isolation ausharrende Risikoträgerin. Wir sollten nicht vergessen: Sehr viel haben wir bisher geschafft, und damit meine ich nicht den Meistertitel von Bayern München. Die Gesellschaft ist nicht auseinandergebrochen, für alle ist es die erste Pandemie. Und die Werte der Neuinfektionen sinken; die Richtung stimmt. Halten wir weiter durch mit der Disziplin, kommen immer mehr Impfungen, ist dann auch bald der Frühling da.

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