Kommentar: Wie der "Spiegel" Ostdeutsche tatsächlich sieht

Das Verlagsgebäude des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" in Hamburg (Bild: Getty Images)

Das Nachrichtenmagazin entblödet sich nicht, mit Klischees zu spielen. Merke: Auch in der Ironie steckt große Ehrlichkeit.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Im schnieken Hamburg, an der Elbe, wo nur Jaguar und Porsche Cheyenne elegant schnurren, steht ein gläsernes Hochhaus. Alles neu und piekfein. Drinnen arbeiten lauter Schnösel, schauen aus ihren Fenstern herab aufs Land und meinen, alles schon gesehen zu haben. Das schreiben sie dann auf und verkaufen es als ihre Wahrheit.

Man könnte so den Arbeitsort und die -Weise der beim “Spiegel” arbeitenden Redakteure beschreiben, wollte man mit Ironie einige Klischees aufgreifen: Die von Kaufleuten geprägte Hansestadt, das Nachrichtenmagazin mit starkem Selbstbewusstsein, der Englandtick der Hamburger – natürlich alles Vorurteile, die der Wirklichkeit kaum nahekommen. Dies ließe sich aufspießen und bearbeiten. Doch man kann schnell selbst zum Klischeelieferanten werden, denn Ironie ist schwierig. Besser, man lässt es.

Die Kollegen vom “Spiegel” jedenfalls landen mit der aktuellen Titelseite kräftig auf der Nase. Ironie war beabsichtigt, doch davon bleibt am Ende nichts.

Was ist zu sehen? Prominent prangt da der so genannte “Wutbürger-Hut”, jenes Stoffteilchen wie ein missglückter Kolonialhelm in den Deutschlandfarben. Berühmt geworden ist dieses Utensil, als ein Pegida-Demonstrant filmisch dokumentiert wurde, wie er unter diesem Hut ordentlich herumpöbelte. Darunter ist auf der Titelseite geschrieben: “So isser, der Ossi. Klischee und Wirklichkeit: Wie der Osten tickt – und warum er anders wählt.”

Ironie hat ein scheues Wesen

Das “so isser” im Mundsprech soll ironisch sein, werden die Kollegen beteuern. Und angeblich soll ja auf “Klischees” hingewiesen werden. Nebenbei macht das Magazin ein großes Versprechen, nämlich zu erklären, wie eine ganze Region “tickt”. Das ist in der Tat sehr herablassend, gläsernes Hochhaus hin oder her. Die Menschen einer bestimmten Region derart als Gruppe zu normen, dass sie als solche beschreibbar werden, ist ein Stempel und sicher mehr ein Klischee als die Wirklichkeit. Die passt in keine Schublade.

In der Wahrnehmung bleibt hängen, dass dieser komische Hut repräsentativ für Ostdeutsche sei. Gerüchten zufolge sollen auch in der Nähe von Gastrop-Rauxel einige Trägerinnen und Träger solcher Schlapphüte in Schwarz-Rot-Gold gesichtet worden sein, und dies nicht nur zum Vatertag, Herrentag oder Nikolaus.

Merke: Die Ironisierung von Klischees funktioniert nur, wenn am Ende das Klischee nicht orientierungslos im Vordergrund abhängt – wie es auf dem “Spiegel”-Titelbild geschieht.

Eine westdeutsche Angelegenheit

Die auf mehreren Seiten aufgeschriebene Geschichte hinter dem Titelbild ist natürlich differenzierter und die Frage legitim, warum in ostdeutschen Bundesländern mehr Leute die AfD wählen als in westdeutschen – denn dies ist offenbar damit gemeint, dass “der Osten” “anders wählt”. Der Ostdeutsche an und für sich, er ist schon ein “anderes” Wesen.

Der “Spiegel” entpuppt sich als westdeutsches Medium in Mark und Bein. Natürlich gibt es eigene Erfahrungen und Entwicklungen, die Ost und West voneinander unterscheiden. Aber das Nachrichtenmagazin packt diese Themen mit einer Kneifzange. Schon merkwürdig. Und peinlich.

Es ist genau die Art, welche von der AfD geliebt wird. Denn diese Partei greift solche Herablassung auf und schmiedet sie zum Evergreen der diskriminierten Ostdeutschen – durch Besserwessis, Migranten und Geflüchtete. Die Form der korrekten Reduktion, ohne die Wirklichkeit zu verscheuchen, muss man in Hamburg wohl noch üben.