Kommentar: Wie Facebook uns Gruppengefühle vorgaukelt

Demonstranten protestieren mit einem zornigen Emoji gegen Facebook - vor den Toren des Aktionärstreffens in Kalifornien (Bild: REUTERS/Stephen Lam)

Die Plattform startet eine große Werbekampagne. Alles soll privater werden. Mit dieser Gefühlsduselei macht Facebook alles noch schlimmer.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Mit einem Mal fühlte ich mich einsam und heimatlos. „Für jeden gibt es eine Facebook Gruppe“ hat der Internetgigant diese Woche bekanntgegeben, unter dem Motto: „Mehr gemeinsam“.

Ich habe dann auf meine Facebook-Gruppen geschaut und gemerkt, dass mich eigentlich nichts mit ihnen verbindet. Jedenfalls startet Facebook nun in Deutschland eine breit aufgelegte Werbekampagne, es soll die bisher größte werden, mit TV-Spots, großflächigen Anzeigen und allem, was dazugehört. Im Fokus stehen die „Gruppen“. „Die Zukunft ist privat“, hatte Gründer und Chef Mark Zuckerberg schon im Frühling hinausposaunt, und privater sowie gefühliger soll es nun bei Facebook zugehen.

Laut dem Unternehmen sind weltweit 400 Millionen Menschen in Facebook-Gruppen organisiert. Leitlinie des Konzerns: Gemeinsame Interessen bringen Menschen zusammen, die sowas unter normalen Umständen nicht täten. Und so zeigt Facebook Fotos und Filmchen von 30 ausgewählten Gruppen: Da gibt es Hundehalter in Hamburg, vegane Bodybuilder oder Mütter. „Diese Gruppen machen deutlich, was alles möglich ist, wenn Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Überzeugungen zusammenkommen und sich über ein geteiltes Interesse verbinden“, schwärmt Marketingchefin Ineke Paulsen.

Jetzt wird alles gut

Mir erscheint diese Kampagne wie ein schlechter Witz. Denn die Leute, die auf diesen Fotos gemeinsam erscheinen, treffen sich in Wirklichkeit nicht. Sie verharren in virtuellen Räumen. Dort kann man sich austauschen, lernen und Erfahrungen weitergeben, miteinander lachen und sich auch mal ausheulen – aber echte Privatheit, eine echte Gruppe ist das nicht. Uns wird lediglich etwas vorgegaukelt.

Nachdem Facebook in seiner Öffentlichkeitsarbeit bisher mehr darum bemüht war uns zu erzählen, es sei gar nicht so schlimm, man könne vertrauen, setzt der Konzern nun also auf Gefühliges. Das klingt souverän und wie eine selbstbewusste Verteidigung nach vorn. Denn den Vorwürfen in der Vergangenheit hat sich Facebook nie richtig gestellt: Erst vor kurzem hat sich Facebook geweigert ein politisches Werbevideo für Donald Trump NICHT zu bringen, in dem gelogen wird, sein Rivale Joe Biden von den Demokraten habe der Ukraine Unsummen von Geld versprochen, sollte man Ermittlungen gegen seinen Sohn beenden.

Facebook ist der Pontius Pilatus unserer Zeit und wäscht die Hände in erfundener Unschuld. Wegen Facebook werden Wahlkämpfe manipuliert, überströmen Falschnachrichten die Welt – und es sind nicht Journalisten in Nachrichtenmedien, die sie schreiben.

Dieses Private macht Angst

Und nun postuliert Zuckerberg eine private Zukunft. Neben dem Hauch des Pseudogruppengefühls baut Facebook da weiter an einer Gegen-Öffentlichkeit. All diese Gruppen sind von außen nicht einsehbar. Und immer mehr stellen sich deren Mitglieder, die „drinnen“ sind, Informationen, die sie durch diese Gruppen filtern. Man bleibt immer mehr unter sich, kriegt weniger Input von außen. So entstehen Filterblasen und Echokammern, die immer das verstärken, was man lesen, sehen und hören will. So sad, würde ein berühmter Präsident sagen, der übrigens Facebook zum wichtigsten Instrument seines Wahlkampfs gemacht hatte und dies auch weiterhin tun wird.

Bleiben wir bei der Wahrheit: Es ist völlig normal, sich viel in virtuellen Welten zu bewegen. Es durchdringt und strukturiert unseren Alltag. Facebook-Gruppen können dabei Ratgeber sein, Wärme aber strahlen sie kaum aus. Sie bringen keine Freunde zusammen, sie sind keine Gruppen an sich. Sie sind der traurige Fake, der uns zum Albtraum werden wird.