Kommentar: Wie sich „Bild“ symbolhaft über Antisemitismus in Rage bringt

Der iranische Spitzenpolitiker Ali Laridschani ist zweifellos ein Antisemit. Doch wie soll man damit auf dem internationalen Parkett umgehen? (Bild: Reuters/Denis Balibouse)

Das Boulevardblatt kritisiert Claudia Roth für ihre Herzlichkeit. Kein Wunder, dass „Bild“ damit nichts anfangen kann.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Was mich an deutscher Politik kolossal nervt, ist das Reden für die eigene Galerie – wenn es nur darum geht, sich selbst toll dastehen zu sehen und über andere, wegen irgendwelcher symbolhaften Worten und Gesten, den Stab zu brechen.

Manch Leser wird jetzt womöglich fragen, ob der Rübel über sich selbst schreibt. Nee, ich kritisiere auch lieber andere. Und was die „Bild“-Zeitung gerade an Empörung liefert, finde ich arg übertrieben und irreführend.

„Bundestagsvizepräsidentin herzt Israel-Hasser“ titelt das Blatt heute. Es ging um ein Treffen zwischen Claudia Roth und Ali Laridschani, dem Sprecher des iranischen Parlaments, sie begegneten sich bei einer Sitzung der „Interparlamentarischen Union“ in Belgrad, das ist eine internationale Vereinigung von Parlamenten. Weiter im Text heißt es: „Mit ausgestreckten Armen und freudig strahlend begrüßte Roth ihren alten Bekannten.“

Eiderdaus. Roth ist bekannt für ihre anpackende Art, direkt und herzlich. Das mag manchen norddeutschen Evangelischen verschrecken, sagt aber nichts über eine politische Meinung aus. Doch „Bild“ ist pikiert, denn es kommt noch schlimmer. „Die beiden treffen sich nicht zum ersten Mal“, raunt es. Holla! Das klingt nach einer heimlichen Liaison, aufgedeckt von einem investigativem Journalismus.

Was ist das Problem von „Bild“?

Der Antisemitismus eines Regimes

Nun, Laridschani ist ein Antisemit. Er hetzt gegen Juden und gegen Israel, dass einem schlecht wird. Der Iraner ist einer der Einheizer des Mullah-Regimes in Teheran, das wegen seiner schlicht diktatorischen Züge einen äußeren Gegner braucht. Sowas kennt man von Autokraten zur Genüge. Und leider auch, dass es Juden und Israel dann besonders oft trifft. Da macht es zwar Sinn, nach dem Motiv für solchen Antisemitismus zu suchen, aber das vernichtende Urteil bleibt. Natürlich ist das Israel-Bashing von Typen wie Laridschani eine Pflichtübung zur Ablenkung von den hausgemachten Problemen, aber wie stark sie selbst an ihre Vernichtungsphantasien glauben, ist ab einem gewissen Punkt egal – und den hat Laridschani längst überschritten. Er will beim Wort genommen werden. Und da bleibt zu bilanzieren, dass er mit seinem Judenhass ein akutes Problem mit seinen Werten hat – und die Politik, die aus seinen Tiraden folgt, eine konkrete Bedrohung für ein ganzes Land im Nahen Osten darstellt.

Wie geht man also um, mit solchen Leuten?

„Bild“ erinnert daran, dass nach dem rechtsextremistischen Anschlag von Halle die Parteien beteuert hatten, für Antisemitismus sei kein Platz. Und sieht im Verhalten von Roth eine „unerträgliche Doppelmoral“, denn:Es ist zum Glück unvorstellbar, dass sie Vertreter von Nazi-Kameradschaften ähnlich freundlich begrüßen würde, um anschließend lediglich über ihren Sprecher mitzuteilen, dass man deren antisemitische Drohungen ‚aufs Schärfste verurteilt‘ habe.“

Auweia: Sogar Wolfgang Kubicki von der FDP wird von Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth geherzt (Bild: Reuters/Fabrizio Bensch)

Dabei ist klar, dass es in der Politik zwischen Staaten Treffen geben muss. Es ist nicht nur gut miteinander zu reden, sondern wichtig. Und es lassen sich auch unangenehme Meinungsunterschiede mit einem Lächeln ausdrücken. Der Ton macht eben nicht ausschließlich die Musik.

Daher ist die Kritik von „Bild“ selbst die unerträgliche Doppelmoral. Der Iran ist eine Regionalmacht am Golf und in die Levante hinein. Das sollte nicht zu Buckeln führen, sondern zu einer ehrlichen Auseinandersetzung über Interessen. Roth wäre also nur zu kritisieren, wenn sie INHALTLICH im Gespräch mit Laridschani nichts gesagt hätte. Doch darüber ist nichts bekannt. Vom Bundestag heißt es, Roth habe im Gespräch „die permanenten Drohungen iranischer Offizieller und der sogenannten Revolutionsgarden gegen Israel aufs Schärfste verurteilt“. Was nun also?

Wie wäre es mit sich ehrlich machen?

Lächeln und Herzlichkeit sind nichts, wofür man sich schämen muss, auch nicht im Umgang mit Bösewichten. Auf den Inhalt kommt es an. Und da läuft manchmal in Bezug auf Iran einiges schief in Deutschland.

Ich erinnere mich an ein Treffen des Auswärtigen Amts, zu dem ich eingeladen war. Es war in den Nullerjahren, und ein deutsch-iranischer Journalistendialog stand auf der Agenda. Da wurde von deutschen Kollegen erstmal über die Missetaten Israels im Nahen Osten gejammert, und die iranische Seite stimmte mit ein. Ganz offensichtlich sollte es um eine Annäherung gehen, ohne ehrlich miteinander zu sein. Es war verlogen. Man stellte sich keine kritischen Fragen, sondern fand sich am Ende ganz nett und toll. Es war zum Heulen.

Ich wünsche mir mehr Herzlichkeit in der deutschen Politik à la Roth. Und „Bild“ bräuchte davon auch eine gehörige Portion, mit einem Schlag Empathie obendrauf. Denn mit der Kritik geht es dem Blatt nur um Symbole, nicht um eine echte Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Deutsche Nazi-Kameradschaften sind anders als der iranische Parlamentssprecher. Da mag es den gleichen Hass geben, oder vielleicht auch nicht. Aber den Antisemitismus des iranischen Regimes verringert man nicht, wenn man sich düster anschaut oder nicht miteinander spricht. Übrigens ist es auch nicht verboten einen Nazi anzulächeln; als wäre sowas ein Kniefall.

Vielleicht folgt die Autorin von „Bild“ einem Leitartikel, den Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner im Schatten des Anschlags von Halle geschrieben hatte. Der Vorgesetzte hatte echt wirres Zeug zusammengesammelt. Er haute auf die Medien ein, nur einige würden „die Fakten nennen“, viele „beschwichtigen“, und dann ratterte Döpfner los und schrieb über vieles, nicht aber über den deutschen Antisemitismus aus den rechten Milieus; dass der Attentäter von Halle sich just aus jenem rekrutierte, verlieh dem Artikel Döpfners nicht nur eine bittere Note, sondern lässt ihn als Lachnummer dastehen. Döpfner verbindet seine Auseinandersetzung mit Antisemitimus mit Islam-Bashing und Linkenkritik. Damit schießt er am wahren Ziel vorbei. So sad.