Kommentar: Wir müssen wieder über Atomkraft reden

Der Reaktor Isar 2 ist eines von drei Atomkraftwerken, die bis Ende 2022 als letztes abgeschaltet werden sollen (Bild: Reuters/Euroluftbild.de)

In der Atomdebatte in Deutschland läuft gewaltig viel schief - vor allem, weil es nahezu keine gibt. Rund um die Klimadebatte werden Möglichkeiten diskutiert, die mit der jetzigen Bundesregierung schier unmöglich umzusetzen sind. Das Tabuthema Kernkraft muss wieder auf den Tisch - nicht zuletzt weil diese dem Klima nicht schadet. Ein Plädoyer, das schmerzt.

Lesen Sie auch: Warum Atomkraft keine Zukunft hat - ein Kommentar von Jan Rübel

Deutschland kommt in einen Engpass der Energieversorgung, da wir mehr spekulieren und reden als handeln. Wirtschaftsminister Peter Altmaier erzählt von der Zukunft des Wasserstoffes und hat rekordniedrige Ausgaben zu verzeichnen, ein Dolchstoß für den Zukunftsbegriff. Die Deutschen brauchen Strom, und zwar viel - der Bruttostromverbrauch beträgt 600 Milliarden kWh im Jahr. Dieser wird derzeit zu rund 40% durch erneuerbare Energien gedeckt. Die restlichen 60% werden durch Kohle, Gas, Erdöl und Kernkraft produziert. In dieser Lage müsste Deutschland nicht sein, doch die Politik hat zaghaft gehandelt, die Energiedebatte wurde durch “Atomkraft, nein Danke”-Sticker überklebt, ohne konstruktiv darüber zu sprechen. Alle Jahrgänge ab den 1960ern werden die Kernkraft ablehnen, ohne es erklären zu können. Es ist schlicht ein Tabu. Ein berechtigtes, aber auch ein fatales.

Illusionen in der Wüste

Es gibt diese Illusionen, die utopische Dächer voller Sonnenkollektoren sehen, ausgebaute Bio-Gasanlagen, die landwirtschaftliche Abfälle verwerten und eine Wüste vollgepflastert mit Solarplatten, die über Hochspannungsleitungen ganz Afrika und Europa versorgen sollen. In Marokko gibt es Testläufe dafür, deswegen sieht es sich im Ranking der umweltfreundlichsten Staaten im oberen Bereich. Aber den Preis für derlei Projekte wird die deutsche Regierung nicht zahlen, eher wird die Braunkohle weitere 70 Jahre laufen.

Das Solarkraftwerk Noor in Marokko (Bild: Reuters/Youssef Boudlal)

Nun scheint es paradox, im sonst so sachlichen deutschen Wirtschaftsdiskurs, die wirklich sehr schädliche sowie teure Braunkohle weitaus länger laufen zu lassen als Kernkraftwerke. Spätestens nach Fukushima gab es keinen Diskussionsspielraum dafür, die Deadlines für das Auslaufen der Kraftwerke zu vertauschen. Insbesondere hinsichtlich des Pariser Klimaabkommens schleicht Deutschland nun selbst Frankreich und Skandinavien weiterentfernt hinterher. Diese sind durch Kernkraft und Wasserstoff näher an ihren selbst gesetzten Klimazielen, als Deutschland dies mit der Aufrechterhaltung der Kohle leisten kann.

Kohle, der Klimakiller

Die bei der Energieerzeugung anfallenden Emissionen machen mit etwa 40 % den größten Posten des deutschen Treibhausgas-Ausstoßes aus. Im Jahr 2017 waren das über 300 Millionen Tonnen CO2-Emissionen, die auf die Kappe der nichtatomaren Energiegewinnung gehen. Etwa 55 % davon entfallen auf die Kohlekraftwerke.

Angesichts der in den nächsten Jahren anstehenden Atom-Abschaltungen dürfte dieser Anteil kaum zu senken sein. Gerade bei “Fridays for Future” verwundert mich angesichts des dort vorhandenen Realismus, dass man sich nicht kompromissbereiter zeigt. Greta Thunberg deutete diese Thematik im vergangenen Jahr leicht an und nannte die Atomkraft als mögliche Übergangslösung. Es folgte ein massiver Backlash auch aus den eigenen Reihen, die causa verschwand im Nichts. Es könnte aber ein entscheidender Punkt sein, mithilfe von FFF auf diesem Punkt zu verharren. Die CO2-Emissionen sind hier das größte Argument, größer als das Risiko eines AKWs, Katastrophen zu verursachen.

Der Braunkohletagebau Hambach, im Hintergrund das Kraftwerk Niederaußem (Bild: Reuters/Wolfgang Rattay)

Natürlich ist da die Sache mit den Endlagern. Im Rückblick lässt sich sagen, dass die Investitionen in eine Lösung dafür dürftig waren und wir uns jetzt eventuell an einem anderen Punkt befinden könnten. Doch die zentrale Frage ist: Wie wägt man ab? Atommüll gegen massive CO2-Ausstöße. Es ist grausig gegen verheerend, doch im Hinblick auf die Zukunft ist Kernkraft das kleinere Übel. Die Energiegewinnung wäre damit auch gesichert, befinden sich doch Deutschlands Atomkraftwerke in einem besseren Zustand als die französischen. Und die Abschaltung der deutschen Reaktoren wird unter anderen noch mehr Greenwashing von französischem Atomstrom bedeuten. Der Import wird laufen, selbst Peter Altmaier ist sich da sicher. Da der Kernkraftverbrauch auf den Deckel Frankreichs geschrieben wird, gilt der importierte Strom jedoch als “öko”, da er sich nicht in der deutschen Bilanz niederschlägt.

Realpolitische Visionen

Realpolitisch gesehen wird die Vorstellung einer Welt, die bis 2030 rein von erneuerbaren Energien getragen wird, für immer eine Utopie bleiben. Selbst wenn die Grünen in eine Regierungsbeteiligung kommen, gar den Kanzler stellen, wird die Union nicht Hals über Kopf den dafür nötigen Haushalt zulassen. Und die Bürgerproteste gegen Offshore-Windparks sind nur der Anfang eines langen Kampfes, bei dem ich mir sicher bin, dass sich auch die Grünen kompromissbereit zeigen müssten. Wieso nicht einfach den einschlägigen Weg nehmen und die Emissionen zackiger reduzieren?

Mit dem jetzigen Bedarf und der fortgesetzten Gewinnung von Kohlestrom wird Deutschland das Pariser Klimaabkommen nicht einhalten. Die Atomabschaltung ist in dieser Sache kein Gewinn, sie ist ein Minus. Die Energiemisere wird es so oder so geben, der Zeitpunkt, sie zu verhindern ist in jeglicher Richtung abgelaufen. Es bedarf der Kombination von Realismus und Entschiedenheit, um der Klimakrise mit effektiven Mitteln entgegenzuwirken, eine radikale Eindämmung der CO2-Produktion wäre da ein Anfang.