Kommentar: Wir verdammten Corona-Egoisten

Urlaubslaune ist zwar grad, aber Urlaub kaum möglich. (Bild: Getty Images)

Deutsche Urlauber werden heimgeflogen, während die humanitäre Aufnahme von Fliehenden stoppt. Wir blamieren uns gerade vor der Welt.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Manchmal frage ich mich, ob uns klar ist, wie man auf Deutschland schaut. Wir haben ungeniert darüber hinweg gesehen, dass die Schweizer sauer auf uns sind, weil wir Lastwagen mit medizinischem Bedarf an den Grenzen zurückhielten. Dass Corona ein Virus ist, der Schlagbäume nicht kennt, könnte ruhig anerkannt werden – und dass Solidarität solche Kleingeisterei nicht kennt.

Ebenfalls interessant, wie unbeeindruckt wir auf Italien schauten, als bei uns noch alles normal war und dort die Leute begannen massenhaft zu sterben – in unterversorgten Krankenhäusern, vom Ansturm überwältigt. Es gab dann ein Flugzeug aus China voller medizinischer Hilfsgüter, während wir uns allerhöchstens gerührt zeigten, wie die Italiener um 18 Uhr auf den Balkonen musizierten.

Da fällt mir doch die Kirsche aus dem Cocktailglas

Und dann das: Dass Deutschland ein reiches Land ist, zeigen die Zehntausenden von Urlaubern, die gerade noch unterwegs sind. Muss man sich erstmal leisten können. Die haben jetzt natürlich Probleme zurückzukommen, aus ihren „Paradiesen“, all inclusive, weil die Flieger zusammengestrichen werden. Doch darum macht sich nun der Krisenstab des Auswärtigen Amtes einen Kopf: 50 Millionen Euro hat das Außenministerium bereitgestellt, um die Bürger in eigenen Fliegern heimzuholen. Darüber lässt sich diskutieren. Manch einer mag in einer Notlage sein, mit kleinen Kindern am Flughafen ausharren. Die meisten anderen kriegen hingegen gerade ihren Urlaub verlängert, und das in Ländern mit weitaus geringerer Kaufkraft – warum die gleich zurückholen, wo das Home Office auf sie wartet?

Katastrophal aber wird diese Mitteilung mit der zeitgleichen Entscheidung der Bundesregierung, wegen Corona die humanitäre Aufnahme von Fliehenden zu stoppen; es handelt sich meist um Syrer, die in der Türkei oder in den Aufnahmelagern Griechenlands ausharren. Um es zu vergleichen: Die einen heulen am Pool. Die anderen am Stacheldraht.

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Die einen erleben schlimmstenfalls eine unangenehme Zeit und wissen, dass dies bald zu Ende sein wird. Die anderen wissen gar nichts. Sie sind mit dem Überleben beschäftigt.

Der Blick von der Galerie

Solch eine Differenzierung ist auch rational gesehen sinnlos. Die Zustände in den Lagern, zum Beispiel auf Lesbos, sind schon jetzt katastrophal. Wollen wir wieder zusehen, wie sich der Virus dort ausbreitet und damit stärker wird? Er wird dann Menschen töten, bei denen es ihm egal ist, welchen Pass sie in der Tasche tragen. Und er wird weiter wandern. Gerade jetzt ist es geboten die Lager zu evakuieren. Doch die Bundesregierung betreibt das Gegenteil.

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Diese Differenzierung hat nichts mehr mit Dialektik zu tun. Sie ist erbärmlich. In der Corona-Krise haben wir die Wahl: Entweder zeigen wir uns echt mitfühlend, auch aus der Position des Wohlstands heraus, oder wir ziehen uns zurück und schauen zu, wie andere leiden – obwohl eine Hilfe uns nicht mehr leiden lassen würde.

Es ist Zeit, umzudenken. Wann werden wir lernen, dass man Pässe nicht essen kann?