Studie: Flirten am Arbeitsplatz reduziert Stress

Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass harmloses Flirten mit Kollegen Stress bei der Arbeit reduzieren kann. (Foto: Getty Images)

Du bist bei der Arbeit völlig gestresst? Ein bisschen harmlos Flirten mit Kollegen kann dabei helfen, wie es in einer aktuellen Studie heißt, die in der Zeitschrift Organizational Behaviour and Human Decision Processes veröffentlicht wurde.

In der Studie haben sich Forscher „nicht-belästigendes sexuelles Sozialverhalten am Arbeitsplatz“ angesehen und dabei herausgefunden, dass gegenseitiges, harmloses Flirten mit Kollegen – das nicht als „erniedrigend oder verletzend“ empfunden wird – das Stress-Level reduziert. Zusätzlich wirkt es als eine Art Puffer gegen „stressbedingte Folgen von Spannungen bei der Arbeit und Schlaflosigkeit“.

Welche Arten von Flirtverhalten sind konkret gemeint? Dinge wie zum Beispiel „schüchterne Blicke und das Erhalten von Komplimenten zum Aussehen. Diese Art von Verhalten zeigte positive Effekte, wenn die Beteiligten Spaß daran hatten”, erklärte Dr. Leah Sheppard Yahoo Lifestyle. Sheppard ist Co-Autorin der Studie und Assistenzprofessorin im Fachbereich Management, Informationssysteme und Unternehmertum an der Washington State University.

Flirten muss keine romantische Absicht haben

Sheppard fügt hinzu: „Es ist wichtig zu betonen, dass die Beziehung der Beteiligten zueinander beeinflusst, ob diese Art von Verhalten willkommen ist und Spaß macht.“ Die Forscher merkten außerdem an, dass Flirten nicht immer mit romantischem Interesse am Kollegen/an der Kollegin zu tun haben muss. Es kann ebenso in platonischen verschiedengeschlechtlichen Beziehungen sowie bei „Angehörigen desselben Geschlechts und mit diversen sexuellen Ausrichtungen“ vorkommen.

Sheppard sagt: „Unsere Forschung hat ergeben, dass es, wenn das Flirten Spaß macht – und Spaß ist die Hauptsache -  zu einer Ansammlung von etwas kommt, das wir in dem Artikel als ,psychologische Ressourcen’ bezeichnen. Quasi sich stark fühlen, sich attraktiv fühlen und sich eingeschlossen fühlen. Diese psychologischen Ressourcen wiederum führen zu einer Minderung des Stresslevels.“

Bestimmte Arten von sexuellen Späßen hingegen – etwas, das die Forscher als „sexuelles Geschichtenerzählen” bezeichneten – schienen nicht dieselbe stressmindernde Wirkung zu haben, selbst wenn die Beteiligten Spaß daran hatten. „Zu sexuellem Geschichtenerzählen gehört zum Beispiel das Erzählen schmutziger Witze, über die eigenen oder die Abenteuer anderer zu tratschen oder Geschichten über frühere sexuelle Erfahrungen zu teilen“, so Dr. Jane O’Reilly, Co-Autorin der Studie und außerordentliche Professorin an der Telfer School of Management der kanadischen Universität von Ottawa, Yahoo Lifeststyle. „Wir haben diese Art von Ego-Stärkung, die wir beim Flirten gesehen haben, beim sexuellen Geschichtenerzählen nicht beobachten können.“

Wo liegt die Grenze zwischen Flirt und sexueller Belästigung?

Im Zeitalter der #MeToo-Bewegung, die klargemacht hat, wie weitverbreitet sexuelle Belästigung besonders am Arbeitsplatz ist, ist das Flirten mit Kollegen allerdings problematisch geworden.

„Zugegebenermaßen ist die Grenze zwischen Flirten und sexueller Belästigung nicht immer ganz klar, aber es gibt wichtige Unterschiede“, erklärte O’Reilly. „Der wichtigste Unterschied ist, dass Flirten in der Regel keine Art von Zwang oder irgendeine Art von bedrohlicher, erniedrigender Botschaft vermittelt und an sich nicht zu einem unangenehmen Arbeitsklima beiträgt. Das heißt nicht, dass jeder gerne angeflirtet werden mag oder dass Flirten nie ungewollt ist.“

Sheppard erklärte, dass sich die Art von Flirten, mit der sich die Studie befasst hat, „sehr von sexueller Belästigung unterscheidet. Denn sie weist nicht denselben Zusammenhang zu negativen Folgen, wie zum Beispiel höherem Stress, auf.“ Sie fügte außerdem hinzu: „Sexuelle Belästigung ist ein Verhalten, das selbst nach Zurückweisung anhält. Dadurch beeinflusst es die Produktivität und schafft ein unangenehmes Arbeitsklima. Sexuelle Belästigung beruht in der Regel auf dem Verlangen nach Macht oder danach, die andere Person zu demütigen. Die Art von sexuellem Sozialverhalten hingegen, die wir uns in dieser Studie angesehen haben, ist durch das Verlangen nach Zugehörigkeit motiviert.“

Wer flirtet? Auch das ist ein Faktor

Es spielt auch eine Rolle, wer flirtet. Bei Kollegen, die einander respektieren und vertrauen, kommt es eher zu „Flirten, das beiden Spaß macht und von beiden gewünscht ist“, aber nicht, wenn die Flirtversuche von einem Vorgesetzten kommen.

„Etwas, das bei unserer Studie sehr deutlich wurde, ist, dass die Leute Flirtversuche, die von ihren Vorgesetzten oder jemandem in einer höheren Position kommen, überhaupt nicht mögen”, sagt O’Reilly. „Es scheint, dass Flirten nur dann Spaß macht, wenn die Beteiligten auf derselben Ebene stehen – wahrscheinlich, weil sie so ein besseres Gefühl für Interaktionen miteinander haben.“

Natürlich können flirtende Kollegen ein schwieriges Thema für die Personalabteilung sein, die normalerweise derlei Verhalten am liebsten unterbinden würde. Daher sagt Sheppard trotz der Ergebnisse der Studie: „Wir wollen nicht empfehlen, dieses Verhalten direkt zu fördern. Allerdings stellt unsere Arbeit die Notwendigkeit von strengen Regelungen in Frage.“

O’Reilly fügt hinzu: „Die große Sache ist, dass im Zeitalter von #MeToo viele Firmen noch mehr Kontrolle über die sozialen Interaktionen ihrer Mitarbeiter ausüben wollen. Und dass bis zu einem Punkt, an dem es den ganz normalen Umgang von Menschen miteinander behindert. Es ist ohne Zweifel ein wichtiger und notwendiger Wandel in der Gesellschaft, dass man jetzt bessere Prozesse hat, um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz anzugehen. Allerdings wollen wir auch nicht das Kind mit dem Badewasser ausschütten.“

Sie sagt weiterhin, es sei für alle Beteiligten hilfreich, den Unterschied zwischen Flirten und sexueller Belästigung zu kennen. „Und genauso hilfreich kann es sein, ehrlich zu den Angestellten darüber zu sein, wie ihre Beschwerden wegen Flirten gehandelt werden und wie die Folgen sich davon unterscheiden können, wie sexuelle Belästigung normalerweise gehandelt wird“, sagt sie.

O’Reilly fügt hinzu: „Eine Möglichkeit für Firmen wäre, formale Prozesse zu haben, wie man mit ungewollten Flirtversuchen umgeht, bevor die Situation zu etwas noch Bedrohlicherem eskaliert. Und das auf eine Art, die allen Beteiligten das Gefühl vermittelt, dass sie gehört und ernstgenommen werden.“

Rachel Grumman Bender