Leichtathletik WM in Katar: Nicht nur die Hitze ist ein Problem

Ben Barthmann
freier Sportjournalist

Die Leichtathletik-WM 2019 in Doha, Katar ist schon in den ersten Tagen zur erwarteten und befürchteten Hitzeschlacht geworden. Der Sport wird ad absurdum geführt. Nicht zuletzt mit Blick auf die Fußball-WM 2022 wirft das noch mehr Fragen auf als ohnehin schon bestehen.

Die Leichtathletik-WM in Doha ist auf vielen Ebenen eine Herausforderung. (Bild: Getty Images)

"Da draußen haben sie uns in einen Backofen geschoben. Sie haben aus uns Meerschweinchen gemacht, Versuchstiere", fluchte der Franzose Yohann Diniz. Der Geher hätte eigentlich 50 Kilometer bewältigen sollen, brach aber nach 20 Kilometern ab. Unmöglich schien die Fortsetzung des Wettbewerbs für ihn angesichts der Umstände. Temperaturen deutlich über 30 Grad, dazu eine enorm hohe Luftfeuchtigkeit - die für viele Sportler das zentrale Problem darstellt.

Die Bedingungen in Doha sind schlicht und ergreifend schlecht. Zahlreiche Sportler kollabierten bereits. Die Bilder von Sportlern in Rollstühlen gingen um die Welt. Dafür sorgt nicht nur die Temperatur außerhalb der Stadien, sondern auch die enorme Klimatisierung der Stadien. Durch riesige Anlagen werden diese auf etwa 26 Grad heruntergekühlt. Klima ist da übrigens auch in weiterem Sinne ein gutes Thema, aber das findet bislang im Sport ohnehin kaum Aufmerksamkeit.

Ohne Frage: Die Bedingungen in Katar sind nicht für Leistungssport, eigentlich für gar keinen Sport gemacht. Wer, wie die Marathonläufer und Geher, das Stadion verlassen muss, rennt gegen eine Hitzewand. Wer über den heißen Sommer in Deutschland fluchte, sollte Katar gewiss fernbleiben. Die Sportler konnten das logischerweise nicht.

Gekühlte Stadien sind ein Problem - Sportler vor leeren Tribünen

Jene künstliche Kühle in den Stadien sorgt für Kreislaufprobleme bei den Sportlern. Manche wickeln sich trotz 26 Grad in dicke Jacken, die Erkältungsgefahr ist hoch. Das gilt übrigens durchaus auch für die Fans auf den Tribünen. Moment. Stimmt so nicht ganz, denn die Fans sind kaum vorhanden.

Die Tribünen sind weitgehend leer, obwohl der Gastgeber sich mit Gratis-Tickets darum bemühte, Kinder und Arbeiter ins Stadion zu schaffen. Viele Sportler gewinnen in ihrem Leben einmal eine Goldmedaille bei einer WM - und stehen dann beim emotionalen Moment vor einem Haufen Plastikschalen. Selbst wenn Fans den Weg ins Stadion finden, kommt das Gefühl auf, nicht erwünscht zu sein. Die Veranstaltung ist merklich auf die VIPs ausgelegt.

Die Eröffnungsfeier in Doha war nicht für Gäste geöffnet. Normalsterbliche durften sich nur am Feuerwerk erfreuen, das man auch außerhalb des Stadions sehen konnte. Stände für Essen und Getränke sind knapp, wem es nach einem Tropfen Alkohol gelüstet, der muss lange Suchaktionen auf sich nehmen.

Die WM in Katar ist somit keine WM der Sportler und auch keine der Fans. Vielerorts wurden die Funktionäre des Sports als Schuldige für dieses Missstand ausgemacht. Volha Mazuronak aus Weißrussland fluchte nach dem Marathon: “Das ist respektlos gegenüber den Athleten. Die Funktionäre vergeben die WM hierhin, jetzt sitzen sie in kühlen Räumen oder schlafen." Das mag richtig sein, sofern die Zuständigen denn überhaupt auf freiem Fuß, nicht auf der Flucht oder schon aus dem Amt enthoben sind.

Viele laufen, kaum jemand schaut zu: Das ist Doha 2019. (Bild: Getty Images)

Die Leichtathleten hätten bei ihrer WM mehr verdient

Die Leichtathleten hätten sich mehr verdient. Es ist eines der ganz wenigen Events, bei denen dem Sport noch im großen Maße Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Überall dominiert König Fußball, aber zur WM übertragen öffentliche Sender wie ARD oder ZDF natürlich. Dass sie dann ausgerechnet solche Spiele übertragen ist sicherlich keine Werbung für den Sport, der Nachwuchs so dringend bräuchte.

Dennoch muss auch in diesem Rahmen über Fußball gesprochen werden. Etwa drei Jahre sind es noch bis zur Fußball-WM in Katar. Natürlich hat der Fußball andere Voraussetzungen: Die Länder bringen Fans mit, der Sport findet ausschließlich in den Stadien statt, die Temperaturen erreichen im Winter maximal 24 bis 29 Grad.

Aber wie viele Zuschauer wollen unter den aktuell beobachteten Bedingungen nach Katar reisen? Wird dann mehr Alkohol ausgeschenkt? Steht der normale Fan dann eher im Vordergrund? Wird mit den Sportlern ähnlich respektlos umgegangen? Ist das Emirat überhaupt in der Lage, ein Event dieser Größe ohne Vorfälle umzusetzen? Aktuell sieht es nicht danach aus.

Das könnte Sie auch interessieren: